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Wenn Milo Rau Tennis spielt

Ein Berner Regisseur sorgt am Locarno Festival für einen Grossauflauf: «Das Kongo-Tribunal» von Milo Rau entpuppt sich als Aufklärungsfilm im besten Sinne.

Nachspiel: Regisseur Milo Rau und Simonetta Sommaruga unterhalten sich nach der Premiere von «Das Kongo-Tribunal» in Locarno.
Nachspiel: Regisseur Milo Rau und Simonetta Sommaruga unterhalten sich nach der Premiere von «Das Kongo-Tribunal» in Locarno.
Keystone

«Es war wie ein Tennismatch», sagt Milo Rau. Haben wir uns verhört? Nein, der Berner Regisseur sagt «Tennis», als er am Locarno Festival seinen Dokumentarfilm «Das Kongo-Tribunal» präsentiert. Der Film ist sozusagen die Essenz dessen, was Rau 2015 in Bukavu (Kongo) und Berlin mittels Schauprozessen auf die Bühne brachte.

Stimme für die Enteigneten

Die symbolischen Tribunale sollten fassbar machen, warum bis heute sechs Millionen Menschen im kongolesischen Bürgerkrieg starben und wie es dazu kam, dass internationale Grosskonzerne die Rohstoffe des Landes systematisch plünderten. Vor allem aber sollte «Das Kongo-Tribunal» den Enteigneten, den Verwundeten und den Vertriebenen eine Stimme geben.

Der Film, der in Locarno zu einem Riesenandrang vor dem Premierenkino führte, beschränkt sich nun nicht auf eine Zusammenfassung der Ereignisse im «Gerichtssaal», sondern geht raus zu den Minenarbeitern, den Angeschossenen, den Leichenbergen. Regisseur Rau benötigt dazu keine erläuternden Off-Kommentare, die Statements der Betroffenen sagen genug. «Die Rohstoffe des Kongo sind 24 000 Milliarden Dollar wert», erklärt zum Beispiel ein Rohstoffhändler. «Das ist mehr, als die USA und Europa zusammen besitzen.»

Bleibt die Frage: Was hat «Das Kongo-Tribunal» mit der Schweiz zu tun? «Sehr viel», sagt Milo Rau. «80 Prozent der weltweiten Goldraffinerien befinden sich in der Schweiz. Zudem ist die für gewaltsame Enteignungen berüchtigte Handelsfirma MPC (Mining and Processing Congo) jetzt ebenfalls eine Schweizer Firma – sie heisst neu Alphamin.»

Statement von Sommaruga

Ein Zuschauer im ausverkauften Saal möchte wissen, was die ebenfalls anwesende Simonetta Sommaruga davon hält. Die Bundesrätin greift kurz entschlossen zum Saalmikrofon und erklärt: «Im Parlament wird demnächst über die Revision des Aktienrechts beraten. Der Bundesrat schlägt – als bescheidene Massnahme – vor, dass Rohstofffirmen ihre Zahlungen an staatliche Regierungen künftig offenlegen müssen.» Zudem fordere eine Volksinitiative, dass globale Konzerne mit Sitz in der Schweiz einem zwingenden Regelwerk unterstellt würden.

Und Milo Rau? Der plant zum «Kongo-Tribunal» weitere Aktivitäten, zum Beispiel ein Onlinearchiv, ein Dokugame und eine Virtual-Reality-Installation. Zudem sollen weitere kleine Tribunale überall im Kongo stattfinden – «jedenfalls solange sich die offizielle Justiz nicht mit diesen Unternehmensverbrechen befasst».

Ob Letzteres jemals Tatsache wird? Das dürfte im Jargon von Milo Rau wohl ebenfalls einem Tennismatch gleichkommen: «Beim ‹Kongo-Tribunal› wussten wir zu Beginn nicht, wie es enden würde. Inzwischen ist klar: Die kongolesische Regierung hat das Spiel nicht gewonnen.»

«Das Kongo-Tribunal»: Der Film läuft am Montag nochmals am Locarno Festival und ab 23. November in den Deutschschweizer Kinos.

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