Wut im Bauch an der frischen Luft

In «Chrieg» von Simon Jaquemet wird ein alpines Erziehungscamp zur Kulisse von gefährlichen Machtspielen unter Jugendlichen. Der aufreibende Spielfilm könnte den Schweizer Filmpreis gewinnen.

Kettenhund: Matteo (Benjamin Lutzke) muss im alpinen Erziehungscamp unten durch.

Kettenhund: Matteo (Benjamin Lutzke) muss im alpinen Erziehungscamp unten durch.

(Bild: zvg)

Quasi über Nacht wird der introvertierte Teenager Matteo (Benjamin Lutzke) von seinem Vater in ein Erziehungscamp für schwer erziehbare Jugendliche in den Schweizer Alpen gesteckt. Doch der dort zuständige Leiter hat bereits kapituliert: Es sind drei junge, gewaltbereite Unruhestifter, die rund um die Bergbauernhütte die Regeln bestimmen.

Nachdem Matteo ein paar erniedrigende und gefährliche Prüfungen überstanden hat, findet er sich mit der wilden Bande zurecht. Doch was er in diesem Umfeld lernt, hat nur wenig mit sozialer Eingliederung zu tun.

Jugendliche Laiendarsteller

Es ist eine raue Welt, die Simon Jaquemet in seinem Film «Chrieg» beschreibt, und er zeigt sie gänzlich ungeschönt: Die von Laien gespielten Jugendlichen sprechen eine derbe Sprache, das Aggressionspotenzial ist hoch, die Zerstörungswut spürbar, die Bergwelt wirkt bedrohlich. Um den dokumentarischen Aspekt der Geschichte zu verstärken, hat Jaquemet auf einen Soundtrack verzichtet.

In seiner Radikalität hebt sich «Chrieg» stark ab vom herkömmlichen Schweizer Spielfilmschaffen. Eine vergleichbare Tonalität findet man sonst eher in Österreich oder Dänemark, kurz: im europäischen Arthouse-Kino. Das haben der Autor und die Produzenten so gewollt, und ihre Rechnung ist aufgegangen: «Chrieg» hat an diversen Festivals im Ausland bereits Preise gewonnen und sowohl am Zurich Film Festival als auch an den Solothurner Filmtagen zu reden gegeben.

Beim Schweizer Filmpreis, der dieses Wochenende über die Bühne geht, ist «Chrieg» gleich fünfmal nominiert – die Hauptauszeichnung als bester Film des Jahres scheint greifbar. Jaquemet und sein Team sorgen in der hiesigen Filmbranche definitiv für den lange gewünschten frischen Wind.

Zunehmender Realitätsverlust

Formal betrachtet ist «Chrieg» ein starkes Werk, keine Frage. Was Simon Jaquemet aus seinen Darstellern und seiner Crew herausgeholt hat, verdient Beachtung. Was allerdings den thematischen Schwerpunkt des Films anbetrifft – die jugendliche Wut und ihre Ursachen – bleibt vieles offen.

Jaquemet hat psychologisierende Momente bewusst ausgelassen. Die triste Stimmung in Matteos Mittelstandfamilie wird in den ersten Szenen des Films zwar noch sorgfältig und glaubwürdig wiedergegeben – doch dieser Realismus schwindet mit dem Ankommen auf der Alp. Von hier weg verdichten sich immer dramatischere Momente zu einer Parabel über eine verlorene Jugend, die entfernt an William Goldings Roman «Herr der Fliegen» erinnert. Vieles in der zweiten Hälfte wirkt eher auf den Effekt hin konzipiert als mit einer äusseren Wirklichkeit verknüpft.

Man hätte diese Passagen dämpfen können – etwa eine nicht wirklich zwingende Szene, in der die Protagonisten lustvoll eine ganze Wohnung kurz und klein schlagen, weglassen. Aber Jaquemet sucht nun einmal den Schlag in die Magengrube des Publikums, und er findet ihn auch.

Berner Zeitung

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