Auf den Spuren einer verschollenen Partitur

Die Suche nach den Noten eines Werks, das diese Woche in den Konzerten der Camerata Bern erklingen wird, entwickelte sich zu einem Krimi.

Cembalist Vital Julian Frey im Grossen Saal des Konservatoriums Bern.

Cembalist Vital Julian Frey im Grossen Saal des Konservatoriums Bern.

(Bild: Christian Pfander)

Dass man in der alten Musik die Noten von Werken ausserhalb des gängigen Repertoires meist etwas suchen muss, ist normal. «Detektivarbeit gehört da schon ein bisschen dazu», sagt Cembalist Vital Julian Frey. Dass ihn die Suche nach den Noten des Concerto für zwei Violinen, zwei Oboen, Streicher und Basso continuo von Johann Ludwig Bach über ein halbes Jahr beschäftigen sollte, damit hatte er aber auch nicht gerechnet.

Alle ausser Johann Sebastian

Die Camerata Bern hat Vital Julian Frey für die Programmierung dieser Konzerte eine Carte blanche erteilt. Dies nahm er zum Anlass, ein Programm ausserhalb der gängigen Erwartungen zusammenzustellen. Frey: «Wir spielen Musik von Bach, aber eben keine einzige Komposition aus der Feder von Johann Sebastian.»

Die Bach-Dynastie ist gross und die Auswahl an komponierenden Verwandten des Johann Sebastian zahlreich. Dennoch stellte sich Frey zwei Herausforderungen. Erstens: «Instrumentalmusik aus der Zeit von J. S. Bach ist eine Seltenheit. Viele Bachs komponierten zu jener Zeit, jedoch fast ausschliesslich Vokalmusik», erläutert der Musiker. Und zweitens wollte sich Frey natürlich nicht mit dem erstbesten Verwandten zufriedengeben. Er führt aus: «Johann Bernhard Bach kennt man noch eher. Johann Ludwig Bach hingegen ist schon weit weg vom gängigen Kanon.» Beide aber waren Verwandte von Johann Sebastian.

Unauffindbare Partitur

Fast das gesamte Werk von Johann Ludwig Bach gilt als verschollen, eine Quelle aber verwies Frey bei seinen Recherchen auf eine existierende Abschrift des Concerto für zwei Violinen, zwei Oboen, Streicher und Basso continuo. Und Frey begab sich auf die grosse Suche danach. «Ich wurde mit meinem Anliegen vom Max-Reger-Archiv in Meiningen zur Staats- und Universitätsbibliothek Dresden und wieder zurück verwiesen – nirgends konnten die Noten gefunden werden!»

«Johann Bernhard Bach kennt man noch eher. Johann Ludwig Bach hingegen ist schon weit weg vom gängigen Kanon.»Vital Julian Frey

Erst der Hinweis eines Meininger Archivars brachte Frey nach fast einem halben Jahr letztlich auf die richtige Spur: Anscheinend seien die erhaltenen Werke von Ludwig Bach für kurze Zeit im Bach-Archiv in Leipzig aufbewahrt gewesen. Freys Hoffnung, dass dort vielleicht eine Kopie der Noten angefertigt worden war, bewahrheitete sich. Lachend bringt er die Story zu einem Ende: «Plötzlich, tatsächlich, erhielt ich einen Anruf aus Leipzig, dass das Concerto in einer Abschrift einer Kantate gefunden worden sei. Als ich die Kopie davon schliesslich in meinen Händen hielt, konnte ich es kaum fassen.»

Bach, der Sammler

Dass ein Teil von Johann Ludwig Bachs Œuvre – insbesondere der Vokalwerke – der Nachwelt erhalten blieb, ist nicht zuletzt Johann Sebastian zu verdanken. Während seiner Zeit als Thomaskantor in Leipzig habe J. S. Bach die Werke seines Verwandten gesammelt und selbst aufgeführt, berichtet Frey. Dies tat er nicht zuletzt wegen des Schaffensdrucks, musste er doch für jeden sonntäglichen Gottesdienst eine neue Kantate abliefern. Nebst dem Neuschaffen von Musik wurde deshalb seinerzeit häufig auch kopiert. Und weil Bach ein begnadeter Sammler war, ist zumindest ein Teil von Johann Ludwigs Werk erhalten geblieben.

Dass Johann Sebastians Nachlass wiederum nur von einem seiner Söhne, Carl Philipp Emanuel, gewissenhaft bewahrt wurde, während die andere Hälfte vom Sohn Wilhelm Friedemann «verpokert, verbrannt, verkauft, vergraben wurde oder sonst irgendwie verloren gegangen ist», wie Frey lachend erzählt, ist hingegen eine andere Geschichte.

Rätselraten

Genauso gängig wie das Kopieren und das Wiederverwerten von Werken war zu Bachs Zeiten das Spielen mit versteckten Botschaften und Rätseln. Frey erzählt: «J. S. Bach war einer, der ausgesprochen gerne mit Codes und Zahlensymboliken spielte.» Etwas, das Bach in grosser Zahl in seinem Werk hinterlassen hat, ist seine Tonsignatur B-A-C-H. Frey: «Diese chromatische Tonabfolge ist in Bachs Gesamtwerk von grosser Bedeutung – und sie wird auch in unserem Konzert eine Rolle spielen.»

Das erklärt einen Teil des Konzerttitels «Hans im B-A-C-H». Was hat es aber mit dem Hans auf sich? Und was hat der populäre Filmmusikkomponist Hans Zimmer inmitten der Bachs zu suchen? Ein Teil des Rätsels Lösung steckt im gemeinsamen Vornamen aller programmierten Komponisten. Vital Julian Frey fügt aber an: «Das Konzertprogramm wird noch für einige andere Überraschungen sorgen.»


Konzerte der Camerata Bern «Hans im B-A-C-H», Mittwoch und Donnerstag, 20./21. November, je 19.30 Uhr, Grosser Saal des Konservatoriums Bern. Konzerteinführung um 18.45 Uhr. Infos und Tickets: www.cameratabern.ch.

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