Die Nachtigall ist verstummt 

Mit Montserrat Caballé ist eine der grössten Opernsängerinnen des 20. Jahrhunderts gestorben. 

Montserrat Caballé in einer «Medea»-Aufführung: Sie sang ihre Fans weltweit um den Verstand. Foto: Rafa Samano (Getty)

Montserrat Caballé in einer «Medea»-Aufführung: Sie sang ihre Fans weltweit um den Verstand. Foto: Rafa Samano (Getty)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Elvira freut sich. Bald wird sie heiraten, ihren Arturo, und ihre Stimme hüpft durch die Koloraturen. Mitreissend ist diese ­federleichte Freude, die Töne wirbeln wie zarte Blütenblätter im Wind. Nie spürt man, dass da eine Gefahr für das zarte Wesen lauert. In die Arie eingeschoben ein kurzer Dialog zwischen ­Arturo und, nein, eben nicht ­Elvira, sondern Enrichetta, mit der sich der Bräutigam bald aus dem Staub machen wird.

Es geht dann doch recht gut aus, und Elviras Onkel erinnert sich, was er im ersten Akt sang: «Wenn ich dein Singen höre, scheinst du mir eine Nachtigall, die der ersten Morgenröte lehrt, vor Liebe zu seufzen.» Nun ist die Nachtigall verstummt. Am Samstag ist Montserrat Caballé im Alter von 85 Jahren in Barcelona verstorben.

Leiser, leichter als alle

Als sie die Elvira aus Vincenzo Bellinis Oper «I puritani» 1979 auf Platte einsang, war Caballé 46. Doch nur wenn man weiss, wer da singt, hört man vielleicht eine kleine Schärfe heraus; glaubt man die raue Eigenart nicht mehr ganz junger Stimmbänder zu empfinden. Lieber lässt man sich verführen, dem zu glauben, was der Gesang vorgaukelt – dafür ist Oper da.

Viele sehen das anders. Stimmspezialistin Cathy Berberian etwa sah in der Caballé jenen Sängertypus, der sich auf den Schönklang der Stimme konzentriert und sich nicht viel um die Bedeutung der Worte oder der Figur schert. Jens Fischer bemisst im Sängerlexikon «Grosse Stimmen» die glücklichen Jahre der Sängerin auf eine kurze Spanne, von 1965 bis 1971.

Keine Kunst um ihrer selbst willen

Damals war ihr Timbre schöner, als das der Callas je war, berückte die stets von Melancholie umwölkte Klarheit ihrer Stimme, kam voll zum Tragen, wofür sie berühmt wurde: In Höhenlagen, in denen sich viele Sopranistinnen nur noch mit Anstrengung und damit entsprechend laut artikulieren können, verfügte sie nicht nur über ein durch keinerlei Krafteinsatz beeinträchtigtes Piano, ihre Stimme konnte auch noch leiser werden. Entschweben. Jenes «Morendo» bringt Stimmfetischisten heute noch um den Verstand.

Und damals fragte man, wer, nachdem die Callas 1965 von der Bühne abgetreten war, die neue Diva sei: die schwebend-schöne Caballé oder die dramatisch viel wahrhaftigere Joan Sutherland. 1977 klärte das die Callas selbst. Sie sehe allein die Caballé als legitime Nachfolgerin. Mit Recht: Die Aufnahme von 1979 belegt, dass die Pianokunst der Caballé länger währte als jene glorreichen sechs Jahre. Und dass sie keineswegs diese Kunst um ihrer selbst willen bediente.

Schlagartig berühmt

Montserrat Caballé war nicht mehr jung, als sie schlagartig berühmt wurde. Es war ein Einspringen – 1965 in New York für Marilyn Horne in einer Aufführung von Donizettis «Lucrezia Borgia», die mit 20 Minuten Applaus für sie endete. Geboren wurde sie 1933 in Barcelona, und man kann das Licht Kataloniens in ihrer Stimme wiederfinden. Schon als Siebenjährige sang sie Bach-Kantaten. Im Spanischen Bürgerkrieg litt die Familie Hunger, die kleine Montserrat arbeitete als Näherin – und schaffte es doch aufs Konservatorium. 

Gleich beim ersten Vorsingen im Ausland gabs ein festes Engagement: in Basel, wo sie die Mimi in «La Bohème» sang und wohin sie 1956 mit ihrer Familie zog. Der Vater arbeitete als Buchhalter in einer Möbelfabrik, die Mutter beim Unterwäschehersteller Hanro. 1959 folgte Bremen, danach sprach sie fliessend Deutsch, tourte, kehrte umjubelt nach Barcelona zurück.

Bereits da fungierte ihr Bruder Carlos als ihr Manager: Caballé war stets ein Familienmensch, trat seit 1995 gern mit ihrer gleichnamigen Tochter auf, die Monsita genannt wird. Sie selbst ist die Montse. Verheiratet war Caballé seit 1964 mit Tenor Barnabé Marti.

Nach dem Durchbruch in New York sang sie in Paris, an der Scala, galt als eine der brillantesten Belcanto-Sängerinnen der Welt. Und war dabei auch fleissig, dehnte ihr Repertoire aus von Gluck bis Strawinsky, half, vergessene Opern von Bellini, Rossini oder Donizetti wieder auf den Spielplan zu heben. Und ­entdeckte José Carreras, als der 1971 in Bellinis «Norma» nur eine Nebenrolle sang.

Abnehmen abgelehnt

Ausgezeichnet hat sie stets eine umwerfende Herzlichkeit und das Fehlen jeder Berührungsangst. Sie sang auch mit der Band Gotthard, sang noch, als die Kritiker ihr längst, in den Neunzigerjahren, den Verlust der Legato-Fähigkeit bescheinigten. Sie hatte einen späten Riesenerfolg, als sie mit Freddie Mercury eine Platte aufnahm. Daraus wurde die Nummer «Barcelona» zur Olympiahymne 1992 erkoren. Später wurde es still um sie. 2015 tauchte sie noch einmal kurz in den Medien auf: Sie hatte vergessen, Steuern zu zahlen, holte dies nach und zahlte brav die hohe Strafe.

Singen ist Hochleistungssport. Gleichwohl wirkte Caballé selbst schon früh nicht wie eine Elfe. Als 1967 Herbert von Karajan sie als Donna Elvira wollte, wich die Freude schnell der Erkenntnis, dass der Multimediapionier die «Don Giovanni»-Produktion auch auf Film festhalten wollte. Die Folge: Caballé hätte in sechs Monaten rund 15 Kilo abnehmen müssen. Sie lehnte ab.

Ringen mit Krankheiten

Überhaupt, der Körper. Bösartige Zungen schufen das Beiwort «la donna immobile». Von 1986 an lebte sie mit einem (gutartigen) Gehirntumor, zehn Jahre zuvor wurde ihr ein Unterleibsgeschwür entfernt. Die letzten Jahre kam sie kaum mehr eine Treppe hoch. Ihren letzten Auftritt absolvierte sie am 14. April 2018 mit ihrer Tochter in Kiew. Obwohl ihre Stimme nicht mehr die alte war, begeisterte sie. Sitzend. Meist war sie auf den Rollstuhl angewiesen. Ihr geplagter Körper hielt durch, lange Zeit. Für jene, die in ihrer Stimme die Vollendung der unwirklichsten Belcanto-Kunst sahen, jedoch längst nicht lang genug.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 07.10.2018, 19:52 Uhr

Kommentare

Die Welt in Bildern

Volle Lippen: Indische Künstler verkleiden sich während des Dussehra Fests in Bhopal als Gottheit Hanuman. (19.Oktober 2018)
(Bild: Sanjeev Gupta/EPA) Mehr...