Dirigent mit Piratenseele

Mit Dylan Corlay steht dem Berner Symphonieorchester dieses Wochenende ein Dirigent vor, der als aufstrebendes Talent gilt.

Der geborene Dirigent: Dylan Corlays Hände ruhen im Gespräch nur selten.

Der geborene Dirigent: Dylan Corlays Hände ruhen im Gespräch nur selten. Bild: Nicole Philipp

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Schritt für Schritt bewege er sich auf dem langen Weg zu seinem Ziel, erzählt Dylan Corlay. Sein Ziel? «Die grössten Orchester der Welt zu dirigieren.» Nicht ganz unbescheiden, diese Antwort – doch war da nicht eine Spur Schalk in Corlays Augen?

Der 33-jährige Franzose hat 2015 den ersten Preis des internationalen Dirigierwettbewerbs «Jorma Panula Conducting Competition» in Finnland gewonnen – eine Auszeichnung, die ihm Tür und Tor zur Verwirklichung seines Bubentraums geöffnet hat. Mit im Gepäck hat Corlay Abschlüsse in Dirigieren, Kammermusik, Fagott und Pädagogik, die er in Paris erworben hat.

Woher seine frühe Leidenschaft für die Musik gekommen sei, könne er nicht genau sagen. «Ich kann mich an keine Offenbarung erinnern.» Und da ist er wieder, kurz und flüchtig, dieser Schalk – dann erzählt Corlay weiter: «Ich liebe die Musikinstrumente, alle Instrumente, schon von jeher.» So ­habe er selber eine Vielzahl von Instrumenten spielen gelernt, nebst dem Fagott auch die Geige, die Trompete und die Gitarre.

Teil des Spiels

Der erste Preis an der Competi­tion in Finnland sei ein wichtiger Moment für seine Karriere als Dirigent gewesen, sagt Corlay. «Am Wettbewerb präsentierst du dich Leuten, die sich für das interessieren, was du machst. Es ist ein Teil des Spiels.» Ein Spiel? So kann man das wohl auch nennen.

Zum Spiel gehört also auch, dass er nach dem Wettbewerb dem ­Dirigenten Matthias Pintscher beim international renommierten Ensemble intercontemporain assistieren durfte, ebenso wie ihn seither Engagements in alle namhaften Orchester Frankreichs gebracht haben. Eine weitere Spielrunde ist es demnach, dass Corlay heute Abend sein ­Debüt beim Berner Symphonie­orchester gibt. Auf dem Programm stehen Werke von Olivier Messiaen, Ludwig van Beethoven und Maurice Ravel.

Offener Geist

Spielend leicht erkennt man auch Corlays Berufung als Dirigent – seine eleganten Hände ruhen nur selten, während er spricht. «Der Dialog zwischen Dirigent und ­Orchester entsteht im Körper des Dirigenten. Die Übersetzung geschieht durch die Hände.» Seine Aufgabe als Dirigent sieht Corlay darin, ein musikalisches Werk möglichst im Sinne des Komponisten zu ergründen.

Lange Studien der Partitur ergänzt er deshalb parallel mit der Lektüre von Biografien und Zeugnissen des jeweiligen Komponisten – «ohne über das Leben des Komponisten Bescheid zu wissen, kann man die Musik nicht in ihrer ganzen Tiefe verstehen». Mit dem Orchester suche er dann ein gemeinschaft­liches Verhältnis. «Nur wenn alle einen offenen Geist haben, können wir ein Werk zusammen erarbeiten.»

Und das Publikum? «Ich liebe das Publikum!», ruft Corlay aus, «das Erarbeitete mit dem Publikum zu teilen, ist das Schönste.» Dass er sich mit seinen spontanen Ideen auch zum Publikum hie und da ein paar Worte zu sagen, über langhergebrachte Konventionen im Klassikbetrieb hinwegsetzt, sieht er gelassen: «Es ist kein Grund, an Traditionen festzuhalten, nur weil man etwas seit 50 Jahren gleich macht.» So wisse man bei ihm nie genau, was bei einem Auftritt geschehe. Corlay grinst: «Das ist spontan, das liebe ich!»

Komödiant

Der junge Mann hat Humor, und er weiss ihn einzusetzen: Sein nächstes grosses Projekt in Paris solle ein Spektakel mit dem Titel «Concert pour pirate» werden. Das eigens komponierte Werk beschäftigt 43 Musikerinnen und Musiker, nicht nur auf ihren Instrumenten, sondern auch szenisch. «Und der Pirat, der bin ich selbst», meint er lachend. Er wolle damit die Grenzen eines Symphonieorchesters aufbrechen und schauen, was man weiter noch machen könne.

So ist es nicht das erste Mal, dass Corlay Klassik mit komödiantischen Elementen verbindet. Spielend leicht scheint es ihm zu fallen, sich zwischen seinen unterschiedlichen Projekten zu bewegen. Ein wichtiger Teil eines jeden Spiels sei ihm dabei vor allem eines: «Das Publikum zu überraschen.» Als Dirigent, als Komödiant – oder eben als Pirat.

Konzerte: Samstag, 28.4., 19.30 Uhr, und Sonntag, 29.4., 17 Uhr, Kursaal, Bern. (Berner Zeitung)

Erstellt: 28.04.2018, 07:48 Uhr

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