Eine Carmen wider alle Klischees

Es ist nicht ihre erste Carmen, aber es wird dennoch einer Art Debüt sein. Mezzosopranistin Claude Eichenberger singt am Stadttheater Bern Georges Bizets Paradepartie jenseits der spanischen Folklore.

«Warum nicht irgendwann das Ross wechseln?» Sängerin Claude Eichenberger kann sich eine zweite Karriere als Schauspielerin vorstellen.

«Warum nicht irgendwann das Ross wechseln?» Sängerin Claude Eichenberger kann sich eine zweite Karriere als Schauspielerin vorstellen. Bild: Nicole Philipp

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Bevor es im Lehrerzimmer im Progr zum Gespräch kommt, posiert Claude Eichenberger für die Fotografin in einem lichtdurchfluteten Gang des Berner Atelierhauses. Das Fotomodel schwärmt: «Ein wunderbarer Raum.»

Die gebürtige Zürcherin ist eine imposante Erscheinung, und das liegt nicht nur an ihrer Körpergrösse. Wenn sich die Opernsängerin nach einer Vorstellung mit einem höfischen Knicks verneigt, mutet das aristokratisch an, es hat aber vor ­allem mit Demut zu tun. Publikumsliebling? Eichenberger lacht: «Das mag sein, ich liebe mein Publikum genauso.»

Keine Denkmalpflege

Und jetzt Carmen. Das langjährige Ensemblemitglied von Konzert Theater Bern schlüpft in die Rolle jener Heldin, die das Opernpublikum seit der Pariser Uraufführung 1875 in ihren Bann zieht. 2010 sang Claude die Carmen bei den Murten Classics in einer konzertanten Aufführung. Dass ihr die Rolle liegt, ist augenfällig: Da ist Feuer, da ist Leidenschaft.

Die Darstellerin ist nicht nur eine sonore Stimmgewalt, sie ist auch eine ausdrucksstarke Schauspielerin. Eine Idealbesetzung, erst recht jetzt, wo vieles anders wird: «Regisseur Stephan Märki und Dirigent Mario Venzago sind dem Klischee der Femme fatale auf den Leib gerückt», erklärt Claude Eichenberger, «es geht nicht um Denkmalpflege, sondern darum, ein eingebranntes Bild Schicht um Schicht freizukratzen und die Person zum Vorschein zu bringen, die Carmen ausmacht.»

«Ich liebe mein Publikum genauso.»Claude Eichenberger

Es ist von einer Anti-Carmen die Rede. Tönt das nicht despektierlich? Claude Eichenberger nimmt die Herausforderung an, ihre grossen Augen beginnen zu funkeln: «Wir stellen die Frage: Wer ist diese Frau, die nicht lieben kann und die sich insgeheim den Tod herbeisehnt? Was sind die Gründe für ein Leben am Limit, was man heute mit Border­line diagnostiziert?» Eine Folgefrage nimmt sie vorweg: «Wir ­reden von Persönlichkeiten wie einer Amy Winehouse oder einer Marilyn Monroe, aber auch von Menschen wie du und ich, die durch einschneidende Erlebnisse nachhaltig geprägt wurden.»

Wenn man Claude Eichenberger bei solchen Sätzen zuhört oder vielmehr zusieht, wird man von ihrem Temperament angesteckt. Ungerechtigkeiten oder verkrustete Sichtweisen bringen die Frau auf die Palme, dann äussert sie sich beherzt auf Social Media. Das Engagement ist authentisch, die Passion, wie sie ihre Partien gestaltet, pure Hingabe. «Ich kann mir auf der Bühne alles vorstellen», sagt sie. Als Ortrud in Wagners «Lohengrin» ist Eichenberger diabolisch, ihre Rollengestaltung als Madame Flora in Gian Carlo Menottis Spuk-Oper «Das Medium» geht an die Nieren.

Bereichernd

Stephan Märki – Intendant von Konzert Theater Bern – zeichnet wie schon bei «Lohengrin» für die Regie verantwortlich. Wie ist es, wenn der Chef den Ton angibt? Claude Eichenberger schmunzelt und holt aus: «Ich erinnere mich an einen Rektor aus der Mittelschule, der darauf bestand, Lebenskunde zu unterrichten. Auf das ungewöhnliche Unterfangen angesprochen, meinte er, es gehe ihm darum, eine Beziehung zu den Schülern herzustellen.» Die Sängerin nimmt einen Schluck Kaffee und fährt fort: «So ist es auch, wenn der Chef eines Theaters Regie macht und zum Künstler wird. Man begegnet sich auf einer anderen Ebene, und das ist bereichernd.»

«Ich kann mir auf der Bühne alles vorstellen.»Claude Eichenberger

Eichenbergers Rollenangebote sind vielversprechend, dazu gehören Ausflüge an andere Häuser. 2017 war es die Carlotta in Franz Schrekers «Die Gezeichneten» am Theater St. Gallen. Ein umjubeltes Gastspiel. Die Wahlbernerin kommentiert ihr «Fremdgehen» mit Schalk: «Trete ich in Zürich auf, bin ich die Zürcherin, in der Ostschweiz ist es dasselbe, weil es Verwandtschaften gibt, und in der Bundesstadt bin ich die Bernerin, weil ich hier schon 22 Jahre glücklich lebe und mit einem Berner verheiratet bin.» Die elfte Saison ist es am Stadttheater. Denkt sie zurück, ist die Mutter eines 7-jährigen Sohnes dankbar: «Im Ensemble wird man in die einzelnen Prozesse miteinbezogen, und man läuft nicht Gefahr, sich im Opernbetrieb zu verbrauchen, weil auch die kleineren Rollen zählen.»

Augenmerk aufs Schauspiel?

Singen bis zur Pension? Die Künstlerin, die längst in Bayreuth singen sollte, nimmt sich allfälligen Druck gleich selber weg: «Warum nicht irgendwann das Ross wechseln? Bei unserer Produktion ‹Alzheim› wurde mir bewusst, wie sehr mich der Mix aus Gesang und Schauspiel beeindruckt.» Claude Eichenberger als Actrice? Absolut vorstellbar. Mit Anfang vierzig auf dem Zenit als Opernsängerin bleibt noch Zeit. «Carmen wird toll», verspricht sie, und man spürt es wieder, dieses Feuer.

Premiere «Carmen»: Samstag, 7. April, 19.30 Uhr, Stadttheater Bern (ausverkauft). Weitere Vorstellungen bis 21. Juni. Infos und Tickets: www.konzerttheaterbern.ch. (Berner Zeitung)

Erstellt: 08.04.2018, 09:43 Uhr

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