Fulminantes Epos gegen den Krieg

Theater Orchester Biel-Solothurn präsentiert mit der Rarität «Les fées du Rhin» («Die Rheinnixen») von Jacques Offenbach grosse französische Oper.

 Theater Orchester Biel-Solothurn lässt «Die Rheinnixen» auf einer bosnischen Waldlichtung spielen.

Theater Orchester Biel-Solothurn lässt «Die Rheinnixen» auf einer bosnischen Waldlichtung spielen. Bild: Konstantin Nazlamov/pd

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Während besser dotierte Häuser mit «Così fan tutte» oder «Carmen» ständig die gleichen Opern herunterspulen, taucht Theater Orchester Biel-Solothurn (Tobs) auch nach raren Perlen. Mit dem Vierakter «Les fées du Rhin» («Die Rheinnixen») des Operettenkönigs Jacques Offenbach, 1864 in Wien uraufgeführt, gelingt dem Haus ein Coup mit Kurzweil.

Biel präsentiert die französische Version in einer Schweizer Uraufführung. Das Werk sprüht vor musikalischem Einfallsreichtum eines Komponisten, dessen Schaffen weit über seinen berühmten Cancan hinausgeht.

Klänge aus «Barcarole»

Jacques Offenbach spannte für seine erste grosse Oper mit den Librettisten Charles Nuitter und Alfred von Wolzogen zusammen. Der gebürtige Kölner ging mit den «Rheinnixen», die auch auf Deutsch angedacht waren, zurück zu seinen Wurzeln. Er kombinierte eine vertrackte Liebesgeschichte in Zeiten des Krieges mit den Charakteristika der Zauberoper. Wenn das Orchester die Ouvertüre intoniert, hört man richtig: Offenbach verwendet gleich mehrfach die Klänge der «Barcarole» aus seiner späteren Oper «Hoffmanns Erzählungen». Obschon die Uraufführung erfolgreich war, wurde das dreistündige Werk bald abgesetzt. Offenbachs Rivale Richard Wagner zog gegen den verhassten Juden ins Feld.

Wagner lag falsch, als er die Musik des erfolgreichen Komponisten aus Paris mit einem «warmen Misthaufen» verglich. Offenbach schafft mit «Les fées du Rhin» locker den Sprung von seinen energetischen Operetten zur Grand Opéra. Er findet gleichzeitig eine eigene Tonsprache, in die er die Einflüsse aus der Romantik einbindet und die Entwicklung der lyrischen Oper lustvoll antizipiert. Mit seiner mehrschichtigen Komposition beweist Offenbach, dass er ein Faible für Fantasiewelten hat und auch ein Dramatiker ist. Sein Antikriegsepos ist geschickt mit dem Feenreich verquickt.

Ein hässlicher Krieg

Pierre-Emmanuel Rousseau erweist sich als kluger Regisseur für ein Stück, in dem die Protagonisten von Amnesie, Rachegefühlen und inniger Liebe geleitet werden und in dem sirenenhafte Elfengesänge Soldaten in den Tod locken sollen. Rousseau, der auch Bühne und Kostüme verantwortet, versetzt die Handlung aus der rheinländischen Pfalz des 16. Jahrhunderts in die Wirren des Bosnien-Krieges. Der Schauplatz ist eine Waldlichtung im Herbst, das Volk trägt Trachten, die Heldinnen sind Fahrende mit zigeunerhaftem Look.

Der Krieg ist hässlich, anmutige Arien kontrastieren verstörend mit sexuellen Übergriffen.

Das böte Stoff für eine Posse, aber die Regie geht kongenial in die gleiche Richtung wie die Musik, die mit satter Dramatik auffährt. Rousseau erzählt das verschachtelte Liebesdrama packend und schlüssig. Das Ensemble entwickelt in der mutigen Lesart brodelnden Impetus. Der Krieg ist hässlich, anmutige Arien kontrastieren verstörend mit sexuellen Übergriffen.

Starke Besetzung

Offenbachs Melodienreigen betört bis zur letzten Minute. Benjamin Pionnier bringt die feingliedrige Orchestrierung mit dem Sinfonieorchester Biel-Solothurn zum Strahlen. Sein Dirigat ist rhythmisch schwungvoll und von grazilem Esprit geprägt. Der Chor unter Valentin Vassilev funkelt mehrheitlich prächtig. Die Sängerleistung ist auf einem Topniveau. Serenad Uyar sticht als leidenschaftliche Laura hervor. Die Sopranistin beweist stimmlich wie darstellerisch, dass sie im dramatischen Fach angelangt ist. Umso mehr verzücken ihre Nuancen in der Reduktion. Marie Gautrot flankiert die Kollegin mit ihrem flammenden Mezzosopran und ist als verzweifelte Mutter Hedwig eine Naturgewalt.

Brachial ist die Rollengestaltung von Bariton Leonardo Galeazzi als Rädelsführer Conrad. Bassbariton Lisandro Abadie verleiht seinem Gottfried dunklen Glanz, nur Gustavo Quaresma bleibt als Franz unter den Erwartungen an einen lyrischen Tenor. Das Schlussquintett hat eine Intensität, die einer Apotheose gleichkommt, entsprechend brutal fällt bei Rousseau das «lieto fine», das gute Ende, aus.

Aufführungen: «Les fées du Rhin», Tobs, bis Sa, 2.2.2019. (Berner Zeitung)

Erstellt: 04.11.2018, 18:24 Uhr

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