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Klassiker der Woche: Eine etwas andere Geburtstagsmusik

Heute wird der Komponist und Dirigent Pierre Boulez 90 Jahre alt. Und die Berliner Philharmoniker spielen seine «Notation II».

Pierre Boulez dirigiert die Berliner Philharmoniker. (Video: Youtube)

1945, 1978, 1984, 1987: Diese vier Entstehungsjahre gibt die Wiener Universal Edition für die «Notation II» von Pierre Boulez an. Das allein sagt vieles über diesen Komponisten, der seine Werke oft während Jahrzehnten überarbeitet, uminstrumentiert, erweitert, verknappt, umgefärbt hat.

Ursprünglich waren die «Notations» als Klavierwerke entstanden (Pierre-Laurent Aimard hat sie hinreissend eingespielt). Boulez schrieb sie als 19-Jähriger: zwölf Stücke zu je zwölf Takten – die ersten, die er als gültig in seinen Werkkatalog übernahm. Es waren, natürlich, zwölftönig geprägte Kompositionen; der Unterricht bei René Leibowitz wirkte nach, in der unregelmässigen Formgestaltung, auch jener bei Olivier Messiaen. Boulez' eigene Pioniertätigkeit als Vertreter des Serialismus, der die Reihentechnik von den Tonhöhen auch auf die Rhythmen, die Dynamik oder die Klangfarbe übertrug, stand noch bevor.

Faszination Klang

Als Boulez sich die «Notations» ein zweites Mal vornahm, hatte er den Serialismus bereits überwunden. Er war nun 42 Jahre alt, gefeiert als Komponist und Dirigent. Er hatte mit dem Pariser Ircam das wichtigste Zentrum für elektronische Musik gegründet und mit dem Ensemble Intercontemporain einen der bedeutendsten Klangkörper für zeitgenössische Musik. Bei den Bayreuther Festspielen war er nach einem ersten Erschrecken zusammen mit dem Regisseur Patrice Chéreau für den «Jahrhundert-Ring» bejubelt worden, und die grossen Orchester rissen sich um ihn.

Die klanglichen Möglichkeiten, die elektronischen wie auch die akustischen, faszinierten ihn zunehmend. Also machte er sich daran, den Klavierzyklus in einen Orchesterzyklus umzuarbeiten. Was einfacher klingt, als es war. Denn es ging Boulez um weit mehr als nur darum, den Klaviersatz neu einzufärben: nämlich darum, ihn neu zu denken.

Nur sieben der zwölf Stücke wurden als Orchesterwerke vollendet; eines davon ist die hier gespielte «Notation II», in der Boulez zeigt, wie er aus stringenten theoretischen Überlegungen klangliche und rhythmische Sogkraft entwickeln kann. In seinen «Leitlinien» beschreibt er, wie sich der Schlagzeugpart allmählich aus gezielt erweiterten Partikeln zusammenfügt: «Man hat den Eindruck von Zufälligkeit, doch dieser Zufall wird sehr rasch nicht als vollkommen ‹zufällig› wahrgenommen, man spürt, dass er gelenkt ist, aber man weiss nicht, nach welchem Gesetz.»

Irgendwann dann «schlägt das Latente ins Hörbare» um, die Struktur wird sinnfällig, ihre Entstehung sozusagen im Rückblick nachvollziehbar – und dass das geschieht, dafür sorgt Boulez nicht nur als Komponist, sondern auch als Dirigent. Zwar bleibt er in diesem 2009 aufgenommenen Berliner Konzert zurückhaltend, geradezu nüchtern in seiner Gestik; Klarheit geht ihm über alles. Aber gerade deshalb entwickelt diese ungestüme, weiträumige Musik ihren Sinn – und eine ganz eigene Sinnlichkeit.

Kaputte Glocken?

Dass Boulez nie nur mit dem Kopf komponiert respektive dirigiert hat, zeigte sich auch im übrigen Programm: Er kombinierte seine «Notations» mit Bartóks Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta und Ravels Klavierkonzert, gespielt von Pierre-Laurent Aimard. Da verbanden sich zündende Energie und eigenwillige Farben, ungarische Vitalität und französische Souplesse. Und es zeigte sich, wie genau der Revolutionär Boulez die Tradition kannte.

«Notations II» klinge wie Glocken, die alle aufs Mal nicht funktionieren, schrieb ein Kommentator zu dieser Aufführung. Und auch wenn das wohl als vernichtende Kritik gedacht war: Dass selbst Boulez-Verächter die Musik als bildhaft empfinden, kann man eigentlich nur als Kompliment verstehen.

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