Mit Wucht ins Licht

Diese «Iolanta» lässt niemanden kalt: Das Theater Orchester Biel Solothurn führt Peter Iljitsch Tschaikowskys selten gespielte Perle auf – ei­ne Oper, die nachhaltig fesselt.

Die blinde Iolanta (r., Anna Gorbachyova) weiss nichts von ihrer Seh­behinderung.

Die blinde Iolanta (r., Anna Gorbachyova) weiss nichts von ihrer Seh­behinderung. Bild: zvg / Konstantin Nazlamov

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Zum Spielplan von Theater Orchester Biel Solothurn (Tobs) unter Intendant Dieter Kaegi gehören in jeder Saison auch Trouvaillen bekannter Opernkomponisten. Bei Peter Iljitsch Tschaikowskys letztem Opus «Iolanta» führt der Chef selbst Regie und schart eine Sängerriege um sich, die das Haus zum Beben bringt.

Die Stimmgewalt, mit der der lyrisch-dramatisch aufgeladene Einakter in den Raum katapultiert wird, zeigt die Grenzen des relativ kleinen Theaters auf. Die hohe Qualität beweist im Gegenzug, dass der Verbund mit seinen platztechnisch begrenzten Spielstätten Grosses zu leisten vermag.

Märchen als Vorbild

Die Geschichte mutet skurril an: Wie Schneewittchen liegt die Königstochter Iolanta in einer gläsernen Veranda, umringt von roten und weissen Rosen, umsorgt von einer Schar von Dienst­mägden. Die Schöne in edlem ­Gewand scheint zu schlafen, ein weiterer Verweis auf ein Märchen der Gebrüder Grimm drängt sich auf.

Hat Tschaikowsky den Stoff von «Dornröschen» zweimal verarbeitet, als Ballett und als Oper? Um ein Wachküssen geht es indirekt auch in dieser Allegorie, die der dänische Dichter Henrik Hertz ersonnen hat und aus der Tschaikowskys Bruder Modest das Libretto fertigte.

Die Königstochter Iolanta ist blind, und sie ist sich dieses Makels nicht bewusst. Ihr Vater König René unternimmt alles, damit diese Wahrheit nicht ans Licht kommt. Aber ein Herzog, der sich in die junge Frau verliebt, schärft nicht nur Iolantas Bewusstsein, sondern ermuntert sie auch, mithilfe eines Medicus die Sehkraft wiederzuerlangen.

Mit wenig Anstrengung entdeckt man eine Parabel. Ein Mädchen wird zur Frau, und der fürsorgliche Papa will sie nicht in die neue Welt entlassen. Doch die Liebe macht sie sehend.

Wahrhaftiges Musiktheater

Tobs gelingt mit der 1892 in St. Petersburg uraufgeführten Oper «Iolanta» ein Wurf. Die vorhandene Bohème-Ästhetik des Bühnenbilds, die nicht mit Spiegeleffekten, Videoromantik, Rosenpracht und Kostümen aus der Zeit des Art déco geizt, ergänzt Kaegi mit einer unaufgeregten wie plausiblen Personenführung.

Die dänisch-russische Dichterkunst, die sich in einem französischen Schlossgarten entwickelt, mag zwar von der Regie mit Märchenstaub verzuckert sein, die Inszenierung bietet gleichwohl wahrhaftiges Musiktheater. Dafür zeichnet auch ein exzellentes Ensemble verantwortlich, das für Spannung sorgt.

Grossartige Stimmen

Anna Gorbachyova ist eine Iolanta von Königsgnaden. Ihr dunkel schwebender Sopran scheint aus einer anderen Welt zu kommen. Tief schwingt ihr Organ im Brustton und setzt klare Akzente im Forte. Ihre Darstellung einer Blinden, die zur Sehenden wird, berührt tief.

Stimmlich runter in den Keller geht es mit Bass ­Pavel Daniluk. Die Wärme seines sonoren Resonanzkörpers generiert kalte Schauer. Tenor Irakli Murjikneli als Herzog Vaudémont ist eine strahlende Kraft mit stolzen Gesangsbögen. Ab­gesehen von ein paar geschrammten Kurven, gehört er künftig zu einer unverzichtbaren Grösse im Opernbetrieb.

Der Frauenchor von Tobs erhält seine kristallklare Schärfe von Valentin Vassilev. Dirigent Alexander Anissimov sorgt mit Sinfonie Orchester Biel Solothurn für ein rhythmisch aufgeschäumtes und wohlig wärmendes Bad in den spätromantischen Klangwelten. «Iolanta» war Tschaikowskys Vermächtnis, der Komponist verstarb 1893. Die Inszenierung von Tobs ist ein Vergnügen, das nicht nur Genrefans erquicken dürfte.

Aufführungen:bis zum 6. Mai, Theater Orchester Biel Solothurn, Biel. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.02.2018, 11:59 Uhr

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