Sehnsuchtsort im Totenhaus

Sie gibt der Oper eine Heimat: Kathrin Frosch schuf das Bühnenbild zu Verdis Oper «Il trovatore», die am Samstagabend am Stadttheater Bern Premiere feiert.

Ein Haus im Stadttheater Bern: Die deutsche Bühnenbildnerin Kathrin Frosch präsentiert ihr aktuelles Bühnenbild für die Oper «Il trovatore».

Ein Haus im Stadttheater Bern: Die deutsche Bühnenbildnerin Kathrin Frosch präsentiert ihr aktuelles Bühnenbild für die Oper «Il trovatore». Bild: Beat Mathys

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Worum geht es in dieser Oper? Eine Frage – viele Antwortmöglichkeiten. Bei «Il trovatore» von Giuseppe Verdi könnte man mit einer langen Zusammenfassung der vertrackten Familiengeschichte von Graf Luna und Bruder Garcia antworten. Damit, dass der eine Bruder – Luna – beim Vater, dem König Aragón, aufwuchs und der andere – Garcia – von einer auf Rache sinnenden Zigeunerin als Kleinkind vermeintlich verbrannt worden war, in Wahrheit aber lebt und von ebendieser Zigeunerin grossgezogen wurde.

Im Erwachsenenalter begegnet Garcia, der jetzt Manrico heisst und nichts von seiner Herkunft weiss, seinem Bruder als mehrfachem Rivalen wieder: Die beiden, die erst am Ende erfahren, dass sie Geschwister sind, kämpfen im Bürgerkrieg an unterschiedlichen Fronten und lieben dieselbe Frau.

Krieg und Liebe

Alles klar? Worum geht es also in dieser Oper? Kathrin Frosch bringt es in einem Satz auf den Punkt: «Es geht um eine traumatisierte Gesellschaft im Krieg und gleichzeitig um die Sehnsucht nach Liebe.» Berufsbedingt ist es die Bühnenbildnerin gewohnt, die Essenz aus einem Stück herauszuschälen. In Bern war sie bereits für das Bühnenbild bei Mozarts Opern «Le nozze di Figaro» (2016) und «Don Giovanni» (2017) verantwortlich. Letztere wird noch bis April aufgeführt. Und am Samstagabend feiert «Il trovatore» im Stadttheater Bern Premiere – in der Inszenierung von Markus Bothe und mit der Bühne von Kathrin Frosch. Ein so bekanntes Werk zu inszenieren, ist eine Herausforderung für alle ­Beteiligten. Aber Kathrin Frosch mag Herausforderungen. Und sie mag die Abstraktion.

So ist das Zentrum der Bühne beim Berner «Trovatore» kein Schloss, auch kein Kerker und kein Kriegslager, wie sie im Libretto vorkommen, sondern ein Haus, das mehr eine Andeutung eines Hauses ist und für mehrere Spielorte des Librettos steht: Es besteht nur aus Grundpfeilern, mit Wänden aus Tüchern, ohne richtiges Dach und ist nur spärlich eingerichtet.

Das Haus selbst ist umzäunt von einem Raum mit verkohlter, schwarzer Oberfläche, mit Wänden, die sich öffnen und schliessen lassen. Das Bühnenbild stehe für den Zustand der traumatisierten Gesellschaft, sagt Kathrin Frosch. Die verkohlten Wände symbolisieren eine Art Totenstätte, das Haus in der Mitte ist mal Zufluchts-, mal Sehnsuchtsort und wird sich im Laufe der Aufführung verändern. Wie genau, will Frosch nicht verraten. Nur so viel: «Das Haus steht am Ende in einer desolateren Form da als am Anfang. Die Menschen darin werden noch mehr ausgestellt sein und noch weniger Schutz finden.»

Die Herausforderung sei bei diesem Bühnenbild, in der abstrakten Umgebung Atmosphäre herzustellen. Und Abwechslung zu schaffen, während das Haus als Dreh- und Angelpunkt des Geschehens auf der Bühne bleibe.

Bothe und Frosch

Mehrere Monate Vorlaufzeit sind nötig, bis eine Produktion steht. Beim «Trovatore» war es rund ein Jahr vom Engagement bis zur Premiere. Normalerweise ist es der Regisseur, der das Team zusammenstellt. So fragte er Kathrin Frosch an. Bothe und Frosch – ein eingespieltes Team. In Bern haben sie bereits «Le nozze di ­Figaro» (Stadttheater) und «Cyrano de Bergerac» (Vidmar 1) auf die Bühne gebracht.

Am Anfang der Arbeit stehe immer eine Grundrecherche, so Kathrin Frosch. Sie liest und hört sich in das Werk ein, macht sich Gedanken, wie man es auf die Bühne bringen könnte. In dieser Phase sieht sie sich keine entsprechenden Bühnenbilder ihrer Berufskollegen an und konzentriert sich ganz auf sich selbst. In einem weiteren Schritt einigen sich Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner, in welche Richtung es gehen soll. Dabei müssen mehrere Parameter beachtet werden wie die Kosten und die räum­lichen Möglichkeiten des Theaters.

Anschliessend fertigt Kathrin Frosch ein Modell und eine zeichnerische Umsetzung an, die sie der Theaterleitung präsentiert. Schliesslich folgt eine Bauprobe, bei der die Bühne grob gefertigt wird, um zu prüfen, ob das Konzept wie geplant umsetzbar ist und ob die Grössenverhältnisse im Theaterraum funktionieren. Danach macht sich das theaterinterne Schreinereiatelier ans Werk. Vor und während der Probezeit zum «Trovatore» reiste Frosch immer wieder von ihrem Wohnort Köln nach Bern und machte kleinere Anpassungen an der Bühne.

Dynamik und Zeitfenster

Kathrin Frosch studierte Theatre Design in London. Seit 1994 ist sie freiberufliche Bühnenbildnerin für Film, Fernsehen, Schauspiel, Oper und arbeitet an verschie­denen Theatern in Deutschland und in der Schweiz. Ist es schwieriger, eine Bühne zu schaffen für eine Oper als für ein Theaterstück? Beim Wort «schwierig» winkt die 49-Jährige ab. Lieber spricht sie von «erweiterter Herausforderung, der Musik eine Heimat zu geben.»

Die Herangehensweise sei bei der Oper eine völlig andere. «Beim Schauspiel sind Eingriffe, zum Beispiel am Text, bis zuletzt möglich. Das macht es bis zum Schluss dynamisch. Das geht bei der Oper nicht, da kann man nicht in letzter Sekunde noch Gesangspartien ändern.» Deshalb sei das Arbeiten mit einer Oper ein längerer Prozess, mit anderen Zeitfenstern als beim Theater. Beides habe seinen Reiz.

«Schwierig? Ich spreche lieber von einer erweiterten Herausforderung, der Musik eine Heimat zu geben.»Kathrin Frosch

Die Arbeit von Kathrin Frosch ist mit der Premiere am Samstagabend beendet. Sie wird im Publikum sitzen, mit dem Ensemble mit­fiebern und mit den Figuren mitleiden, die weder im Krieg noch in der Liebe Erfüllung finden – nur zeitweise ein bisschen Schutz in Kathrins Froschs Hütte.


Premiere «Il trovatore»: Samstag, 19.30 Uhr, Stadttheater Bern. Vorstellungen bis 20. April. Tickets: www.konzerttheaterbern.ch. (Berner Zeitung)

Erstellt: 27.01.2018, 11:29 Uhr

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