Weg mit dem Nebel!

Maurizio Pollini liess in der Tonhalle Maag den Flügel mehr sprechen als singen. Das kam Brahms, Schönberg und Beethoven zugute.

Manchmal muss etwas aus tiefster Kehle hinaus, dann singt Maurizio Pollini mit. Foto: Hiroyuki Ito (Getty Images)

Manchmal muss etwas aus tiefster Kehle hinaus, dann singt Maurizio Pollini mit. Foto: Hiroyuki Ito (Getty Images)

Martin Ebel@tagesanzeiger

Nein, einen Altersbonus braucht er nicht, der fast 78-jährige Maurizio Pollini. Wohl aber Respekt und Bewunderung für die intellektuelle und pianistische Leistung dieses Konzertabends in der Tonhalle Maag. Respekt und Bewunderung bezeugte ihm das Zürcher Publikum, vorab mit einem betont herzlichen Empfang, dann, kaum war der letzte C-Dur-Akkord verklungen, mit allgemeiner Erhebung (von den Sitzen).

Beim letzten Auftritt in Zürich hatte Pollini virtuose Schlachtrösser zugeritten, diesmal bot er ein eher sprödes Programm: späte Intermezzi von Brahms, Nicht-mehr-Tonales von Schönberg und die beiden letzten Beethoven-Sonaten. Der Italiener ist kein Belcantist am Flügel, das Instrument singt nicht unter seinen Fingern, es spricht (singen tut an besonders expressiven Stellen der Pianist selbst, da muss etwas aus tiefster Kehle an die Luft). Anschlagskunst bleibt diesmal sekundär, unter piano geht es selten, das Legato gerät immer wieder zum Martellato, manchmal klirrt der Flügel verdächtig. Eine grosse Beeinträchtigung des musikalischen Eindrucks ist das aber nicht.

Die Schlussakkorde: eine Art Erlösung

Wovon spricht Pollini? Vom vergrübelten Rückzug des alten Brahms auf sich selbst in diesen «Wiegenliedern meines Schmerzes». Von einem Schönberg, der die Tonalität als Grundlage abgestreift hat und sich, wie schwerelos im luftleeren Raum, festhalten muss an Einfällen, Motiven, Gefühlsmomenten, die sich immer mehr verkürzen. Man spürt geradezu die Sackgasse, in welche die freie Atonalität führt, bis sich der Komponist mit der Zwölftonmethode dann eine höchst produktive Zwangsjacke anlegen wird.

Schliesslich Beethoven, op. 110 und 111. Was hat man in diese Sonaten nicht alles hineingeheimnisst! Weg mit dem Nebel!, scheint uns Pollini sagen zu wollen, ist doch alles klar: Sonatenhauptsatz, Fuge, Variationen, alles klassische Formen, alles logische Entwicklungen. Zügig durchschreitet er die Sätze, in forschem Tempo, zeigt im allerletzten Satz – Thomas Mann hat ihm ein ganzes Kapitel im «Doktor Faustus» gewidmet –, wie die Textur immer dichter wird, immer bewegter auch, bis sich die Musik fast verläuft im Auf und Ab über der Tastatur. Die Schlussakkorde dann: eine Art Erlösung. (Auch für die notorischen Garderobenrenner.)

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