Chagall träumt und spottet

Das Schloss Spiez präsentiert Werke von Marc Chagall aus der Privatsammlung des Berner Galeristen Eberhard W. Kornfeld.Die Schau zeigt nicht nur die lieblichen, sondern auch die grotesken Seiten des Malers.

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Helen Lagger@FuxHelen

Ein junger Maler wird an der Staffelei sitzend von einem Engel überrascht. Verblüfft wendet er sich der hellen Gestalt zu, deren Flügel weit in den Raum reichen. Marc Chagall (1887–1985) schuf mit der Radierung «Die Erscheinung I.» (1924/1925) eine Szene, die an den Bildtypus «Die Verkündigung» denken lässt.

Üblicherweise ist es die heilige Muttergottes, die von einem Engel heimgesucht wird – hier erlebt an ihrer Stelle ein Maler das Wunder.

Es geht um Druckgrafiken

Das Blatt ist eines von rund siebzig druckgrafischen Arbeiten aus der Privatsammlung des Berner Galeristen Eberhard W. Kornfeld, die zurzeit im Schloss Spiez zu sehen sind. Kornfeld war eng befreundet mit dem 1985 verstorbenen Künstler. Davon zeugt Chagalls persönliche Widmung auf dem «Selbstbildnis mit lachendem Gesicht» (1924/1925). Kornfeld trat als Sammler, Händler und Verleger auf, was in der von Kuratorin Anna Szech konzipierten Schau anhand von schwarzweissen Fotografien in Vitrinen dokumentiert wird.

Die Ausstellung erlaubt einen neuen Blick auf Chagall. Einerseits weil hier für einmal das druckgrafische Werk statt die Malerei im Fokus steht und anderseits weil man den für seine lieblichen Motive bekannten Maler hier auch als bissigen Spötter entdecken kann. So zeugt etwa die Folge an Radierungen zu den sieben Todsünden von einer scharfen Beobachtungsgabe und sarkastischem Humor.

Chagall personifizierte den Hochmut in Form eines eitlen Gockels, dem er einen menschlichen Körper und den Kopf eines Hahnes verpasst. Kleidung und Spazierstock sind typisch für einen Gecken aus den Zwanzigerjahren. Die Völlerei illustrierte Chagall anhand eines glatzköpfigen Mannes, der eine Lammkeule verschlingt, und die Wollust anhand eines Reigens nackt tanzender, lüsterner Weiber.

Von dieser Seite kennt man Chagall, dessen Bibelmotive gern als Konfirmationsbild bemüht und dessen Bilder zigfach aufKalenderblättern reproduziert wurden, gemeinhin kaum. Die thematisch ausgerichtete Schau beginnt mit Druckgrafiken, die von der jüdischen Herkunft des Künstlers zeugen. So porträtierte er beispielsweise einen Talmudlehrer oder alte Männer seines Dorfes mit wenigen präzisen Strichen.

Chagall wurde 1887 in der kleinen Stadt Witebsk in Weissrussland als ältestes von neun Kindern geboren. Er war Vor­sänger in der Synagoge und musste Geige spielen lernen. Das Instrument taucht ebenso wie die Ziege oder der Mond in vielen seiner Bilder auf. Dank Auftragsarbeiten hatte Chagall ein festes Einkommen Er illustrierte Bibelthemen ebenso wieMärchen aus Tausendundeiner Nacht oder sein eigenes Leben. Mit der Literatur war er auch durch seine erste Frau, der Schriftstellerin Bella Rosenfeld, eng verbunden.

Zirkus und Paris

1911 ging Chagall erstmals nach Paris und freundete sich dort mit Künstlern und Dichtern wie Fernand Léger, Amadeo Modigliani oder Guillaume Apollinaire an. Ganz Kind seiner Zeit, war er vom Kubismus, vom Orientalismus und vom Zirkus, den er regelmässig aufsuchte, fasziniert. Auf dem Kopf stehende Akrobaten und eine ihr Pferd innig umarmende Reiterin zeugen von dieser Begeisterung. 1937 erhielt Chagall die französische Staatsbürgerschaft.

Doch 1941 war er als Jude im besetzten Frankreich nicht mehr sicher und emigrierte mit seiner Familie in die USA. Von dieser schwierigen Zeit zeugt die düstere Radierung «Eiffelturm» (1943), auf der sich Menschen und Pferde in Aufruhr befinden.

Der träumerisch-poetische Chagall kommt auf Schloss Spiez in den farbigen Lithografien zum Tragen: Ein Mond, ein Hahn und ein Liebespaar grüssen in «Bonjour sur Paris», einem Werk aus den Fünfzigerjahren.

Ausstellung: bis zum 13.Oktober, Schloss Spiez. www.schloss-spiez.ch

Berner Zeitung

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