Der Rückkehrer

Fremde Orte beflügeln Kunstschaffende: Darum ermöglicht ihnen unter anderem die Stadt Thun Künstlerateliers. Der Maler Michael Streun hat sich in Berlin erstmals mit dem Medium Video auseinandergesetzt – und mit Robert Walser. Die neuen Werke sind nun im Kunstmuseum Thun zu sehen.

Kein typischer Flaneur: Der Künstler Michael Streun (52) in seinem Thuner Atelier.

Kein typischer Flaneur: Der Künstler Michael Streun (52) in seinem Thuner Atelier.

(Bild: Beat Mathys)

Helen Lagger@FuxHelen

Nein, eigentlich sei er kein typischer Flaneur, sagt Michael Streun und lacht. «Manchmal bin ich zu bequem und nehme lieber das Auto.» Doch um Berlin zu entdecken, müsse man zu Fuss gehen.

Der 52-Jährige hat im Rahmen eines Atelierstipendiums der Stadt Thun 2017 ein halbes Jahr in der deutschen Metropole verbracht. Dort hat der bisher hauptsächlich als Maler bekannte Streun sich erstmals dem Medium Video zugewandt: Mit einer Fotokamera hat er seine durch Berlin flanierenden Füsse auf­genommen – und das im Jubiläumsjahr von Robert Walsers Erzählung «Der Spaziergang» (1917).

Die unzähligen Sequenzen hat Streun zu einem Film zusammengefügt. Diese und andere Berlin-Arbeiten stellt das Kunstmuseum Thun nun unter dem Titel «Ortswechsel» aus – eine neue Ausstellungsreihe in Kooperation mit der städtischen Kulturabteilung. «Ortswechsel» will zeigen, woran die ausgewählten Kunstschaffenden in ihren Auslandateliers gearbeitet haben.

Erstmalige Videoarbeiten

Das Stipendium sei für ihn eine Ehre gewesen, so Streun, der künstlerisch ein Spätzünder war: Der mässig motivierte Schüler machte ursprünglich eine Lehre zum Schriftenmaler. Der Sport sei damals seine Leidenschaft gewesen. Mit 21 Jahren gewann der in Bern geborene Wahl-Thuner Medaillen an Schweizer Meisterschaften im Schwimmen. Nebenbei jobbte er als Taxifahrer. Auch das Bodybuilding faszinierte ihn. Prompt gewann er einen Pokal an einer Newcomer-Schweizer-Meisterschaft. In den frühen Neunzigerjahren heiratete er und bekam zwei Töchter.

Hat ihn die Kunstszene nach diesem unkonventionellen Werdegang mit offenen Armen empfangen? Streun denkt nach. «Ich bin da einfach so reingerutscht.» Auslöser für seine Malerei sei unter anderem die Musik gewesen. Er habe seinen Schulfreund Mario Capitano, den ehemaligen Gitarristen des kürzlich verstorbenen Polo Hofer, gemalt. Dieses erste Ölgemälde entstand 2006 und gab den Auftakt zu einer Serie von Musikerporträts.

Es folgte eine erste Ausstellung. Dazu erschien der Bildband «Klingende Köpfe» mit Porträts von MC Anliker, Sina, Gölä oder Tinu Heiniger. Für den Autodidakten waren die Musikerporträts eine Schule der Malerei. «Ich habe gelernt, Leder- oder Textilstrukturen zu malen.» Zunehmend hat sich sein anfangs wilder Mal­duktus verfeinert.

Auch Streuns Töchter und andere Jugendliche sind ihm ab und zu Modell gestanden. Das Thema Pubertät hat Streun vor ein paar Jahren zu einer ganzen Serie inspiriert. In einem Gemälde hält eine junge Frau einen Vogel in der Hand und zieht ihn in die Länge. Ist es ihre eigene Verrücktheit, die sie strapaziert? Streuns Porträts sind psychologisierend, lösen starke Emotionen aus.

Auf den Spuren Walsers

Dass sich der 2009 als «Musikermaler» bekannt gewordene Künstler nicht auf einen Stil oder ein Medium reduzieren lässt, beweist seine aktuelle Schau in Thun. Er habe zuerst nicht so recht gewusst, mit was er sich für das Berlin-Stipendium bewerben solle. Bei der Lektüre von Robert Walsers Prosastück «Berlin gibt immer den Ton an» habe er gedacht: «Damit kann ich arbeiten.»

Einmal in Berlin suchte Streun unter anderem nach dem Farbton der Stadt. In der Nähe des Ateliers machte er auf der Brücke in Halensee jeden Tag ein Foto und wandelte dieses mittels eines Computerprogramms in einen Durchschnittsfarbton um. Entstanden sind 176 Farbtöne, die für die Dauer des Atelieraufenthalts in Berlin stehen und in ihrer Gesamtheit wie eine abstrakte Farbfeldmalerei wirken. Kein Bild, das man sofort als einen Streun erkennen würde.

Typischer ist da das grossformatige Porträt Robert Walsers in Anlehnung an den Roman «Der Räuber»: Streun hat den Schriftsteller, der möglicherweise an schizophrenen Schüben litt, mit seinem zweiten Ich in Form einer diffusen Person zusammen auf Papier gebannt. Von den Worten Walsers inspiriert, entdeckte Streun zudem das Schreiben für sich. «Frech wie ein Berliner, besoffen wie ein Bernhardiner und was, wenn nichts kommt, Scheisse, Pech gehabt», lautet ein Gedicht mit dem Titel «Nicht ganz nüchtern geschrieben...».

Berlin bedeutet für Streun Inspiration und viele neue Kontakte. Was er, zurück in der Heimat, vermisst? «Den Blues, den es in vielen Kellern der Stadt zu hören gab.»

Vernissage:«Ortswechsel», Samstag, 11 Uhr, Kunstmuseum Thun. Ausstellung bis zum 4. Februar 2018.

Berner Zeitung

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