Des Kaisers neue Spiegel

Das Vitromusée in Romont zeigt mit «Reflets de Chine» die erste grosse Ausstellung chinesischer Hinterglasmalerei - ein Ergebnis eines regen Austausches zwischen der chinesischen und der europäischen Malerei im 18. Jahrhundert.

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Helen Lagger@FuxHelen

Prächtiger Kopfschmuck, ein edles Gewand und eine anmutige Pose: So präsentiert sich eine schöne Chinesin in «Damenporträt» um 1770. Das Exponat ist ein besonders apartes Beispiel chinesischer Hinterglasmalerei. Das Vitromusée in Romont, das sich ganz der Glaskunst widmet, zeigt zurzeit in einer Wechselausstellung rund 130 solcher Hinterglasgemälde aus drei Jahrhunderten.

Zwischen 1750 und 1840 wurden die Exponate vor allem für den europäischen Markt gefertigt. Die Lust an den «Chinoiserien» war gross, der Austausch zwischen chinesischer und europäischer Malerei in voller Blüte.

Besagtes «Damenporträt» steckt in einem in China angefertigten Louis-XVI-Rahmen. Es wurde nach Europa exportiert, wovon ein Büttenpapier zeugt, das zum Schutz der Malschicht während des Transportes zwischen der Glastafel und dem schwarzen Hinterglasbrettchen eingelegt worden war.

Exotisch und doch vertraut

Ostindische Kompanien – europäische Gesellschaften, die für den Handel mit Indien und Ostasien privilegiert waren – reisten Anfang des 18. Jahrhunderts auf der Suche nach Porzellan, Tee und Seide nach China. Unter den Geschenken, die für den Kaiser in Peking bestimmt waren, befanden sich unter anderem schöne europäische Spiegel.

Kantonesische Würdenträger erwarben diese Spiegel und baten chinesische Künstler, auf der Spiegelrückseite, «hinter Glas», sowohl chinesische Motive wie Blumen, Vögel und schöne Frauen wie auch nach Stichen im europäischen Stil zu malen. Die Europäer und später auch die Amerikaner entwickelten eine grosse Liebe zu dieser west-östlichen Kunst, bei der kantonesische Maler europäische Techniken wie Schattierungen und Zentralperspektive anwandten.

Die Europäer und später auch die Amerikaner entwickelten eine grosse Liebe zur west-östlichen Kunst.

Auch jesuitische Missionare, die am Hof von Peking arbeiteten und die Kunst der Hinterglasmalerei ausgezeichnet beherrschten, prägten die heute ein wenig in Vergessenheit geratene Kunstform. «Diese Art von Malerei ist umso schöner, als man aus der Ferne glaubt, dass die Figuren, Tiere, Landschaften oder andere Zeichnungen nicht gemalt seien sondern gespiegelt», hielt ein am chinesischen Hof beschäftigter französischer Jesuitenmaler in einem Brief fest.

Die Ausstellung «Reflets de Chine» zeigt erstmals eine Übersichtsausstellung mit Werken aus zwei Privatsammlungen ausDeutschland und Frankreich sowie mit Exponaten aus der eigenen Sammlung und einigen Leihgaben. Man taucht ein in einenBildkosmos, der exotisch und vertraut zugleich wirkt.

Mutter oder Kurtisane

Das Frauenbild in der chinesischen Malerei unterscheidet sich kaum von demjenigen des Westens. Frauen sind entweder Mütter oder Kurtisanen, sprich zärtlich oder verführerisch dargestellt. Und dann gibt es noch Schönheiten, die vornehmen Beschäftigungen nachgehen: Sie spielen Musik, machen Brettspiele oder widmen sich der Literatur oder der Malerei. Eine besondere Rolle hat eine Dame im Bild «Hauskonzert mit Grammofon» aus den 1920er-Jahren. Sie trägt eine für jene Zeit hochmoderne Hose und führt den Herrschaften das Grammofon vor, was damals für reiche Chinesen ein übliches Vergnügen war. Ein alter Herr raucht als Zugeständnis an die Moderne statt einer Pfeife eine Zigarette.

Die ab 1850entstandenen Werke waren mehrheitlich für einheimische Kunden bestimmt. Währendmanche Szenen mehr oder weniger realistischEinblick in chinesische Wohnzimmer geben, sind andere Gemälde stark mit Symbolik aufgeladen. Die Hinterglasmalerei ist voller Glücksbringer in Form von Tieren, Früchten oder Blumen. Kraniche stehen dabei für Langlebigkeit, während Hirsche Wohlstand und eine hohe Stellung repräsentieren.

Die Hinterglasmalerei ist vollerGlücksbringer in Form von Tieren, Früchten oder Blumen.

Auch dem Wunsch nach einem männlichen Nachkommen verliehen einige Maler Ausdruck. Ein kleiner Junge nagt an einem Maiskolben, ein anderer an einem Stück Melone. Beide Früchte gelten als Symbol für eine reiche Nachkommenschaft.So werden die Begriffe «Kern» und «Sohn» im Chinesischen durch das gleiche Schriftzeichen ausgedrückt.

Ausstellung: bis 1.3.2020 im Vitromusée Romont. www.vitromusee.ch

Berner Zeitung

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