Die Feier von Chaos und Scheitern

Die Fondation Beyeler zeigt die Freunde und Rivalen Francis Bacon und Alberto Giacometti erstmals in einer fantastischen Doppelausstellung.

«Portrait of Isabel Rawsthorne», 1967. Foto: Estate of Francis Bacon © 2018, Pro Litteris, Zürich

«Portrait of Isabel Rawsthorne», 1967. Foto: Estate of Francis Bacon © 2018, Pro Litteris, Zürich

Zeigt da jemand seinem Gegenüber die lange Nase? In der Fondation Beyeler begegnen sich gleich im ersten Raum eine Gipsfigur mit überlangem Riechorgan, kleinem Kopf, offenem Mund und langem Hals sowie ein kirchlicher Würdenträger im violetten Ornat, ebenfalls mit weit aufgesperrtem Mund und verwischten Gesichtskonturen. Beide sind sie eingeschlossen in einer Art Käfig: In Alberto Giacomettis «Le nez» (1947­–1949) hängt die Gipsfigur an einem Metallgestell, auf Francis Bacons Ölgemälde «Head VI» (1949) ist die von Velázquez’ Porträt des Papstes Innozenz X. inspirierte Figur umgeben von feinen Linien, die ihn aussehen lassen wie gefangen in einem Glaskasten. Der Papst scheint hier auf den Spott der Langnase mit sardonischem Lachen zu reagieren.

«Dieser Auftakt ist durchaus etwas ironisch gemeint und darf in der Nähe Basels Assoziationen an die Fasnacht wecken», sagt Ulf Küster. Er hat mit Catherine Grenier, Direktorin der Pariser Fondation Giacometti, und Bacon-Spezialist Michael Peppiatt die Doppelausstellung in der Fondation Beyeler eingerichtet – notabene die erste Schau mit beiden Künstlerpersönlichkeiten in ei­nem Museum.

Sie nannten sich «Realisten»

Eine gemeinsame Freundin brachte damals Giacometti und Bacon zusammen: Die schillernde britische Malerin Isabel Rawsthorne wurde als Muse und intellektuelle Sparringpartnerin von beiden mehrmals porträtiert – bei Bacon als furienhafte Femme fatale im Soho-Bild, bei Giacometti als nahezu mythologische Göttin in «Femme au chariot».

Die Künstler lernten sich Anfang der 60er-Jahre kennen. Nachdem Giacometti in London eine Ausstellung Bacons mit Porträts gesehen hatte, befand er seine eigenen Arbeiten als vergleichsweise «prüde» und ernannte den acht Jahre jüngeren Bacon kurzerhand zum «grössten lebenden Künstler». Der solcherart Geehrte wollte dies nicht auf sich sitzen lassen und entgegnete, im Gegenteil, er, Giacometti, sei der grösste Künstler der Gegenwart.

Gewiss waren sie zwei herausragende Einzelgänger in der Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg. Beide verweigerten sich dem Trend zur Abstraktion, blieben der Figuration treu, stellten sich den Herausforderungen der zwei- und dreidimensionalen Darstellung im Raum. Der menschliche Körper war der Kernpunkt, aus dem sich ihre Gesamtwerke aufbauten. Beide nannten sich «Realisten», lehnten aber die gängige Vorstellung von Ähnlichkeit ab; die Wirklichkeit des Lebens war für sie nicht mit naturalistischen Mitteln zu fassen. Eine marode Wirklichkeit rief nach einer ebenso brüchigen Bildwelt: Bacon reagierte in seinen in klaustrophobischen Raumkapseln angesiedelten Porträts mit verwischten Konturen, verzerrten Physio­gnomien und verdrehten Gliedmassen; bei Giacometti manifestierte sich die Gefährdung des Menschen nach Weltkriegen und Zivilisationskatastrophen in oft fadenförmigen Gestalten, deren schwindende Körperlichkeit in imaginären Räumen zur Stilfigur wurde.

«Femme au chariot», Gips, 1945. Foto: Succession Alberto Giacometti © 2018, Pro Litteris, Zürich

Eine Aura der Einsamkeit, Leere und Angst suggerieren sie beide mit ihren isolierten Figuren. Allein radikale Entstellung (bei Bacon) und radikale Reduktion und Fragmentierung der äusseren Erscheinung (bei Giacometti) verspricht die Offenbarung einer neuen Wahrheit über den Menschen.

Von Ernst Beyeler ist bekannt, dass er in seinen Ausstellungen zwei Künstler einander gern dialogisch gegenüberstellte und dabei das Element der Überraschung schätzte. Einer dieser Unterschiede betrifft die Farbe: Die Konsequenz, mit der Giacometti Farbigkeit aus seinen Arbeiten eliminiert und einen Kosmos von Grauvariationen schafft, kontrastiert eindrücklich mit der teilweise exzessiven Farbigkeit der Bilder Bacons.

Als wäre man mitten im Atelier

In neun nach Themen geordneten Sälen kombiniert das Kuratoren-Trio konsequent Werke Bacons und Giacomettis. Bei den Porträts fallen eine Reihe Originalgipse von Giacometti aus dem Nachlass auf, die noch nie öffentlich gezeigt wurden. Den Bronzeskulpturen Giacomettis lagen meist Gipsversionen zugrunde. Das Besondere an diesen Büsten ist, dass der Künstler sie oft weiterbearbeitete mit dem Modelliermesser, wovon Einkerbungen, Abschaubungen und Bemalungen zeugen. Selbst die kleinsten Skulpturen sind von erhabener Präsenz.

Höhepunkt der Ausstellung ist der grosse Saal, in welchem die Bewegungsdarstellungen beider Künstler in Schwingung gebracht werden: Eine Gruppe stehender Frauengestalten («Femmes de Venise», 1956) sowie das Figurenensemble für das Chase Manhattan Plaza Projekt in New York mit dem ikonischen «Homme qui marche II» (1960) werden an den Wänden eingerahmt, nein: räumlich erweitert von hypnotisch wirkenden Tryptichen Bacons, darunter «Three Studies of Figures on Beds» (1972).

Im letzten Saal wurden die Ateliers von Bacon und Giacometti als raumfüllende Projektionen rekonstruiert. Im Fall von Bacon gleitet die Kamera über knöchelhohe Sedimentschichten von Fotografien, Zeitungen und Arbeits­utensilien; in «Giacomettis Höhle» tauchen auch Besucher und Modelle auf. Den Projektionen sind die Stimmen der Künstler unterlegt. «Für mich entstehen Bilder aus dem Chaos», sagt Bacon einmal; Giacometti ist mit dem Satz zu hören: «Tatsächlich aber kommt man der Wahrheit nur durch das Scheitern näher.» Die Ausstellung in der Fondation Beyeler feiert dieses Chaos und dieses Scheitern auf triumphale Weise.

Die Ausstellung dauert vom 29. April bis 2. September. Der Katalog kostet 62.50 Fr. www.fondationbeyeler.ch

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