Eine Allesfresserin wird wiederentdeckt

Die russische Avantgarde-Malerin Natalja Gontscharowa war erst sehr erfolgreich und wurde dann vergessen. Die Tate Modern in London zeigt eine grosse Retrospektive.

Natalja Gontscharowa: Bauern beim Apfelpflücken, 1911. Foto: Tretjakow-Galerie Moskau (Pro Litteris)

Natalja Gontscharowa: Bauern beim Apfelpflücken, 1911. Foto: Tretjakow-Galerie Moskau (Pro Litteris)

Man schliesse die Augen und stelle sich die Renaissance, den Barock, die Französische Revolution vor: Der eine mag Kirchen und Paläste sehen, die andere Martin Luther, der Dritte den Sturm auf die Bastille; alle Gedankenbilder aber, die das Hirn zu diesen Epochen spontan produziert, sind in Farbe.

Nicht so beim Stichwort Russland 1913. Sofort drängen sich Schwarzweissbilder vor das innere Auge. Verarmte Bauern, orthodoxe Gläubige, ein Zar, der wirkliche Reformen verhindert, der Kreml, eine Intelligenzija, die die noch junge «Prawda» liest und alles, was aus Westeuropa, besonders aus Frankreich, herüberweht. Ein Farbbild aber mag sich nicht einstellen, auch deshalb nicht, weil sich an Moskau 1913 kaum ohne Moskau 1917 denken lässt, also nicht ohne die ikonischen Fotos der Revolution.

Russland 1913 aber war knallig orange, grell violett, grüner als jede Wiese und so tiefblau wie der Mantel Mariens. Es hatte mehr Farben als die Garderobe der schicksten Pariser, als die Palette von Henri Matisse, als jede sozialistische Utopie. Das und vieles mehr zeigt die Ausstellung der Tate Modern einer völlig zu Unrecht halb vergessenen russischen Avantgardistin: Natalja Gontscharowa.

Ihr Werk ist eine Klasse für sich

Gontscharowa ist eine Allesfresserin, die sich nicht um Zuordnungen schert. Sie wildert in der Volkskunde, der Kunstgeschichte, der christlichen Ikonografie wie in der Technikgeschichte, ohne sich an die Regeln einer dieser Disziplinen zu halten. Sie malt mal beinahe traditionell, dann wieder kubistisch, vor allem aber so, wie es ihr gerade gefällt. Näht Kleider und Kostüme, legt sich mit der Kirche an, verhöhnt den Dünkel der Hochkunst.

Mit nationalen Stilen kann sie nichts anfangen und mixt fröhlich den italienischen Futurismus mit russischen Sagengestalten, Moskauer Christusfiguren mit Stilmitteln der deutschen Brücke-Künstler. Gontscharowas Œuvre ist eine Klasse für sich.

Natalja Gontscharowa: Design-Studie mit Blumen- und Vogelmuster, 1925–28. Foto: Tretjakow-Galerie Moskau (Pro Litteris)

Als junge Frau trägt sie die weiten bunten Gewänder aus der Gegend um Tula, 200 Kilometer südlich von Moskau gelegen. Dort verbrachte sie ihre ersten Lebensjahre, bevor ihre Familie 1891 mit der Elfjährigen nach Moskau zog. Den Farben und Mustern der Bäuerinnen aber bleibt Gontscharowa auch als erwachsene Künstlerin und Designerin treu; die Ausstellung zeigt zum Vergleich mit den Bildern eine originale Tracht.

Zugleich schöpft die Malerin aus der Aufbruchsstimmung in Moskau vor dem Ersten Weltkrieg. Russische Sammler horten in der Zeit sowohl orthodoxe Ikonen als auch Bilder der französischen Impressionisten, sogar Bilder von Pablo Picasso (einem Jahrgangsgenossen Gontscharowas) sind damals in der Stadt zu sehen.

Sie schaut und malt und näht wie besessen

Gontscharowa schaut und malt und näht wie besessen. Dass die Ergebnisse auch gesehen und geschätzt werden, verdankt sie ihrem Partner Michail Larionow, der mit ihr diskutiert, ihre Arbeiten für die Öffentlichkeit beschreibt, ihre Ausstellungen kuratiert.

Gemeinsam entwickeln sie das Konzept des Rayonismus, das vage an Albert Einsteins spezielle Relativitätstheorie anschliesst. Gontscharowa und Larionow leiten die farbintensiven Bilder in dieser Theorie aus der Strahlkraft des Lichts ab; es ist ein Versuch, Sinnliches und sinnlich nicht Fassbares zusammenzubringen.

Vergeistigt aber ist das Paar nicht, den beiden geht es um Aktion und Interaktion. Am 14. September 1913 bemalen sie sich die Gesichter mit Zacken, Strichen und Sternen und ziehen gemeinsam mit Freunden durch Moskau, eine frühe Kunstperformance. Auf Fotografien sieht man Gontscharowa in ihren weiten, zeittypischen Kleidern und kreuz und quer bemaltem Gesicht. Futuristisch sollte das sein, wirkt aber wie auch die Malerei Gontscharowas viel weicher, lebenszugewandter, weniger verbissen als die Vernichtungsfreude der italienischen Technikeuphoriker.

Natalja Gontscharowa: Wäsche, 1913. Foto: Tate Gallery (Pro Litteris)

Ebenfalls 1913 bestreitet die Künstlerin in Moskau eine Ausstellung mit weit über 600 Werken, eng an eng gehängt. Die Schau ist Stadtgespräch. Den Zeitgenossen scheint bewusst, dass diese Künstlerin keine Mitläuferin, sondern eine Protagonistin der Avantgarde ist. Es handelt sich bei ihr um eine Malerin, die wie viele Frauen der Moderne gross startete und erst in der späteren Rezeption übersehen wurde.

Dies hat nicht nur, aber auch mit dem Schicksal der Bilder zu tun. Das Paar hatte bei seiner Ausreise nach Paris im Jahr 1916 zahlreiche Bilder in Russland zurückgelassen, zudem wurden nach der Revolution Privatsammlungen beschlagnahmt, die Gontscharowas frühe Werke enthielten. In der Stalinzeit und danach verbargen die Moskauer Tretjakow-Galerie und andere staatliche Stellen die Werke in Depots. Erst 2013 zeigte das Museum eine grosse Schau der Künstlerin und konnte nun auch aus ihrem Nachlass schöpfen, den Larionows zweite Frau dem Haus übergeben hatte.

Die Ausstellung in London offenbart nun das ganze Spektrum des Schaffens dieser vielseitigen Künstlerin, von den frühen dörflichen Motiven über die geometrisch-abstrakten Gemälde bis zu den glitzernden Ballettkostümen, die in Paris für das Ensemble Ballets Russes von Sergei Diaghilew entstanden.

Eigensinn und Experimentierfreude

So unterschiedlich die Arbeiten wirken, so viel Eigensinn und Experimentierfreude verbindet sie. Dabei ist Gontscharowa durchaus Kind ihrer Zeit, etwa, wenn sie auf den Ersten Weltkrieg mit einer Mischung aus religiöser Inbrunst und apokalyptischen Warnungen reagiert – nicht unbedingt pazifistischer als ihre männlichen Kollegen, aber doch mit einem Sinn für Zweifel und Ambivalenzen.

Die Schau korrigiert nebenbei auch den Irrtum über die russische Avantgarde, sie habe sich einer rein vergeistigten Abstraktion verschrieben. Auch andere Künstler wie Wassily Kandinsky interessierten sich für die Motive und Formen der Volkskunst ebenso wie für die internationale Kunst. Das lässt sich weder patriotisch vereinnahmen noch im Sinne einer angeblich überall gleichen Moderne vereinfachen. Die Londoner Wiederentdeckung der Natalja Gontscharowa macht die Kunstgeschichte bunter und reicher.

Tate Modern in London, bis 8. September.

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