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Eine Renaissance-Zeichnung für 10 Millionen Dollar

Einst kaufte ein Mann für wenige Hundert Euro eine Zeichnung. Nun wurde sie als Werk von Andrea Mantegna versteigert.

Zwischen Kunst «nach Andrea Mantegna» und «von Andrea Mantegna» liegen viele Millionen Dollar. Foto: Sotheby's
Zwischen Kunst «nach Andrea Mantegna» und «von Andrea Mantegna» liegen viele Millionen Dollar. Foto: Sotheby's

Man hatte ihm geraten, oben zu sitzen, auf der Galerie, in einem der abgedunkelten Séparées. Von aussen kann man nicht hineinsehen, von innen aber heraus. So soll es sein. Hunderte Versteigerungen hat er erlebt, manche waren Psychokriege, wie er sagt. Aber das hier ist anders. Es ist seine Welt, ja, doch auf einem ganz anderen Planeten.

Auktionshaus Sotheby's, York Avenue, Upper East Side, Manhattan. Es ist Mittwoch, ein klarer Morgen, an dem die Altmeisterzeichnungen versteigert werden. Das wichtigste Blatt des Vormittags, das Los Nummer 19, hat Wagners Leben verändert. Markus Wagner heisst er in dieser Geschichte, sein wirklicher Name muss geheim bleiben. Bald ein Jahr ist vergangen, seit Wagners Glück in der Ausstellung hing, in Berlin am Kulturforum, dieses kleine Blatt von Andrea Mantegna, 266 Millimeter mal 266 Millimeter gross.

Bis nach New York hat es ihn getragen. Jetzt muss er lernen, es loszulassen. Nur zwei Minuten vergingen vom Aufruf bis zum Zuschlag. Seit 10.31 Uhr gehört Mantegna einem anderen. Wagners Gesicht wirkt mild jetzt, und gelöst, als fiele nun alles von ihm ab, als hätte er die letzten vierzig Monate nur auf diesen Moment hin gelebt, auf die Sekunde des Zuschlags.

Der Kunsthändler riskierte alles

Aber nein, so wars nicht; nicht nur. Auch für den grossen Maler der Renaissance hat er gearbeitet, ist viel gereist, hat einen Anwalt bezahlt. Er nahm ein Darlehen auf, denn sein kleiner Kunsthandel ruhte über Monate. So hat er in den letzten dreissig Jahren das Geld verdient: Kaufen und möglichst schnell wieder verkaufen, wenn alles gut ging, mit hübschem Gewinn. Nur, es ging nicht immer alles gut. Mit der Zeichnung aber, seinem Jahrhundertfund, sollte alles anders werden.

Nicht weit vom Empire State Building haben die Wagners jetzt ein Zimmer genommen, haben das Museum of Modern Art angeschaut, das Metropolitan und zweimal Ground Zero. Am Sonntag zog es Wagner zu Sotheby's, denn in der Woche der Auktionen ist das Haus wie ein Museum. Jeder kann sich anschauen, was es zu ersteigern gibt.

Ein Milliardär in ausgetretenen Latschen

Nur der Portier ist hier schwarz. Er dreht die Tür voller Schwung, schleudert Aufgeputzte herein, Aufgespritzte, die durch die Räume flanieren, als wären sie auf einer Party. Wagner nimmt hier aus der Nähe Abschied von seinem Blatt, das im zweiten Stock hängt, ganz frei an einer Wand, in goldenem Rahmen. Rechts davor steht eine hohe Vase mit Rosen, Lilien, Rittersporn und Zweigen von Eukalyptus. «Eine Menge Geldadel ist hier», sagt Wagner, «aber auch Schnorrer, weil es hier umsonst etwas zu trinken gibt.»

Manche sehen aus, als gingen sie zu einem Galadiner. «Manche haben aber auch gar keine andere Garderobe», sagt Wagner. Der aber, der gerade die Rolltreppe hochfährt, der hat doch etwas anderes im Schrank. Ist er das wirklich? Etwas zu kurz die helle Hose, die Schuhe ausgetreten, die Jacke verwaschen. Er tastet geübten Blickes die Umgebung ab und steckt die getönte Brille ein. Sollte das wirklich Leon Black sein?

Black, der Kunstsammler, Gründer von Apollo Global Management. Leveraged Buyouts, Private Equity. Sein Privatvermögen wurde eben auf 9,7 Milliarden Dollar geschätzt. Black ist seit langem als Käufer seiner Zeichnung im Gespräch. Schon in Berlin war jemand in Blacks Auftrag auf ihn zugekommen. Aber Wagner hätte sein Blatt aus der Hand geben müssen, zur Begutachtung. Das wollte er nicht. Er wollte keinen privaten Verkauf. Ist der Wert eines Werks leicht zu bestimmen, kann das sinnvoll sein, nicht aber bei einem seltenen Fund. Wagner setzte auf die Auktion.

Black steht lang vor Wagners Zeichnung, tritt ganz nah heran. Irgendwann ist er weg.

Ihm war manchmal gewesen, als hätte der Maler genau ihn gesucht.

Wenn Wagner allein war, abends, zwischen all den Büchern, die er antiquarisch gekauft hatte, war ihm manchmal gewesen, als hätte der Maler genau ihn gesucht, Wagner, der Industriekaufmann gelernt hatte, er, der Sohn eines Schweissers aus dem Ruhrpott.

Und Mantegna? Er war 1431 nahe Padua geboren, als Sohn eines Tischlers. Ziegen hat er gehütet als Kind, und früh die Eltern verloren. «Der kam nicht mit einem goldenen Pinsel zur Welt», sagt Wagner. Könnte es also sein, dass Andrea Mantegna ausgerechnet ihn, 514 Jahre nach seinem Tod in Mantua, zum Anwalt genommen hat? «Bringen Sie mich wieder ins Gespräch, Wagner. Entschlüsseln Sie meine Botschaften, so wird Ihnen reicher Lohn zuteil.»

Eins der bekanntesten Bilder Andrea Mantegnas ist «Die Beweinung Christi». Die Trauernden sind der Apostel Johannes, Maria und, vermutlich, Maria Magdalena. 1470-1474. Foto: Pinacoteca di Brera
Eins der bekanntesten Bilder Andrea Mantegnas ist «Die Beweinung Christi». Die Trauernden sind der Apostel Johannes, Maria und, vermutlich, Maria Magdalena. 1470-1474. Foto: Pinacoteca di Brera

Wagner lächelt. Er ist offen für solche Gedanken, und dass einem Märchenhaftes einfällt, wenn man ihn bis nach New York begleitet, liegt auf der Hand. Es geschah im Juni 2016: Wagner ersteigerte in einem Auktionshaus in Süddeutschland eine Zeichnung. Nur wenige Hundert Euro bezahlte er dafür.

Fast beschämt ihn die Summe. Als «Ein Triumph von Julius Cäsar» wird das Blatt angeboten. «Nach Andrea Mantegna», so steht es im Katalog, entstanden «wohl Ende 16. Jh.» Vielleicht der Spärlichkeit dieser Angabe wegen, und weil noch nicht mal eine Abbildung gedruckt ist, bleibt Wagner hängen, als er die Seiten durchblättert. Oft schon hat ihm sorgfältige Vorarbeit einen Vorsprung verschafft in diesem Geschäft, das für ihn immer Broterwerb gewesen ist. Mit diesem bräunlichen Blatt aber ist es anders. In der Minute, in der er die Zeichnung zum ersten Mal sieht, spürt er eine Tiefe, die ihn anzieht. Es ist wie ein Sog.

Es ist Wagners Kühnheit zu verdanken, seiner Klugheit, dass die Zeichnung nach vergleichsweise kurzer Zeit als eigenhändiges Werk Andrea Mantegnas gilt. Wagner hat sie entdeckt. Nun hing sie in der grossen Ausstellung «Mantegna und Bellini. Meister der Renaissance», die erst in London und 2019 auch in Berlin zu sehen war. Sie hing dort, wo sie hingehört: neben dem zweiten Gemälde des berühmten Zyklus «Cäsars Triumphe». Doch noch immer sind viele Rätsel um Andrea Mantegnas Werk, besonders um den Triumphzug-Zyklus.

Für die Experten – und Wagner – gilt das wiedergefundene Blatt als ein Werkzeug, das manches Rätsel wird lösen, aber auch manche Gewissheit wird umstossen können. Wagner glaubt, dass die Zeit reif ist, Andrea Mantegna neu wahrzunehmen. Seine Zeichnung ist die einzige eigenhändige Vorzeichnung für den Triumphzug, die erhalten ist.

Was wollte Mategna sagen?

Wieso diese Unterschiede zum fertigen Gemälde? Was wollte Mantegna sagen? Wagner lässt sich fangen von den Fragen. In der Welt der Wissenschaftler aber ist er ein Fremdling. Instinktiv ging er vorsichtig vor, als er das Blatt Experten zeigte, deren Urteile ein Werk adeln oder in die Wertlosigkeit stossen können.

Mancher zieht die Augenbrauen hoch, wenn Wagner die Zeichnung aus der Hülle zieht. Andere sind begeistert. Der Italiener Mauro Lucco vor allem, der die erste Expertise erstellt. Und Hugo Chapman, vom Britischen Museum in London, einer der wichtigsten Kenner italienischer Altmeisterzeichnungen. 2017 reisen Wagners zu ihm. Sagt Wagner zu Chapman: «Und meine arme Frau muss sich das alles schon seit einem Jahr anhören, jeden Tag ...» Sagt Chapman sehr trocken zu Wagner: «Your wife won't be poor that much longer» – «Ihre Frau wird nicht mehr lange arm sein.»

Wagner dachte: «Was auch immer da rauskommt – es wird mehr sein, als sich ein mittelmässig begabter Kunsthändler jemals hätte erträumen können. Ich habe kein Gefühl von Gier in mir.» Er habe aber noch ganz andere Erwartungen. Dass der Künstler «deutlich in den Blickpunkt gerückt» werde. Er wünsche sich einen «Paukenschlag».

Es ist das höchste Auktionsergebnis für eine Zeichnung, das je in Amerika erzielt wurde.

Sind zehn Millionen der Paukenschlag, für einen Künstler, von dem überhaupt nur zwanzig Blätter erhalten sind? Bei Sotheby’s heisst es, es sei das höchste Auktionsergebnis für eine Zeichnung, das je in Amerika erzielt wurde. Wagner lächelt. «Wir kommen dem Künstler, seinem Hauptwerk, das kulturprägend war, nirgends näher als in diesem Blatt. Bei mir löst das Ehrfurcht aus.»

Was ihn betreffe, sei er zufrieden, Mantegna aber hätte mehr verdient. Wagner will Mantegnas Anwalt bleiben. Auch der Altertumswissenschaftler Werner Suerbaum, ein Vergil-Spezialist, hat sich von Wagners Entdeckung fesseln lassen und schrieb den Aufsatz «Ein Augustus-Triumph Mantegnas?». Während sich die Inschrift auf der Standarte des fertigen Gemäldes in sechs Zeilen auf Cäsar und den Sieg über die Gallier bezieht, gehts auf der Standarte in Wagners Zeichnung eindeutig um Augustus.

Wollte Mantegna einen Augustus-Triumph konzipieren und schwenkte um auf Cäsar? Wieso? Muss man nun auch die anderen Gemälde auf «Augustus-Reste» hin untersuchen? Und welche Rolle könnte der Dichter Vergil aus Mantua für den Maler Mantegna gespielt haben, der in Mantua und für den Markgrafen von Mantua gearbeitet hat?

Der Maler als Skeptiker der Macht

Wagner interessiert vor allem die Zwei-Stimmen-Theorie der Vergil-Kenner: Diese vermutet hinter der «öffentlichen Stimme» Vergils, die Augustus nach dessen Wünschen verherrlicht, auch eine «private Stimme» des Dichters. Eine, die kritisch ist, die das Leiden der Menschen zum Ausdruck bringt, die andere Seite der Gier nach Macht. Die private Stimme hinter der öffentlichen nämlich will Wagner auch bei Mantegna hören, nein: sehen. Für ihn ist der Maler ein Skeptiker der Macht, «genial im Denken, tief verwurzelt im Christentum, ein Mann mit einer humanistischen Botschaft». Einer, der die Opfer von Grossmannssucht und Kriegen im Blick behält.

 «Triumph Caesars – Erbeutete Statuen und Belagerungsausrüstung», 2. Bild der Serie von neun Gemälden Mantegnas. Kopie, anonym, 16. Jh., nach dem Gemälde, um 1480/95. Foto: Rabatti & Domingie/akg-images
«Triumph Caesars – Erbeutete Statuen und Belagerungsausrüstung», 2. Bild der Serie von neun Gemälden Mantegnas. Kopie, anonym, 16. Jh., nach dem Gemälde, um 1480/95. Foto: Rabatti & Domingie/akg-images

«Wir sind doch nicht besser als die Menschen vor 500 Jahren», sagt Wagner. «Dieselben Machtspielchen, dieselbe Kurzsichtigkeit, die so oft Elend gebracht hat. Und wieder wird nach Caesaren gerufen, zerfallen Imperien. Mantegnas Botschaft kann auch heute noch ein Innehalten bewirken, Demut.» Das Auktionshaus teilt mit, dass in den zwei Versteigerungen am Mittwoch 76,2 Millionen Dollar umgesetzt wurden, Mantegna wird eigens erwähnt. Es heisst, Leon Black sei der Käufer.

Wagner wird eine Menge Steuern zahlen, Schulden begleichen, schauen, was übrig bleibt. Es wird genug sein für die ganze Familie. Wagner ist 66. Er wird nicht mehr arbeiten müssen, aber vielleicht wollen. «Es kann nun eine gewisse Sorglosigkeit einziehen», hatte Markus Wagner gesagt, nachdem die Drehtür ihn in die klare Luft New Yorks geschickt hatte. Bald fliegen die Wagners heim. Abheben werden sie nicht.

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