Fern- und Heimweh eines Vergessenen

Wer war Johann Zahnd (1854–1934)? Dieser Frage geht eine neue Monografie nach, die dem Maler aus Schwarzenburg nach Rom folgt, wo er 35 Jahre lang werkte und wirkte.

Immer wieder die römische Campagna. Hier: Vestatempel von Rom, 1874.

Immer wieder die römische Campagna. Hier: Vestatempel von Rom, 1874.

(Bild: Recto «J Zahnd 74»)

Tina Uhlmann

Schwarzenburg–Rom, das klingt wie Bümpliz–Casablanca. Oder, etwas ländlicher, wie «Bälpmoos, spick mi furt vo hie». Johann Zahnd jedenfalls, ein Bauernsohn aus Schwarzenburg, empfand das typisch bernische Fernweh so intensiv, dass er gegen den Willen der Familie einem Interlakner Landschaftsmaler als Lehrling nach Rom folgte. Das war 1872 kein Easyjet-Trip, im Gegenteil: Wer so weit fortging, kam so schnell nicht wieder.

Johann Zahnd war damals 18 Jahre alt und seine Zeichnungen offenbarten Talent, sodass er abends das Istituto di belle Arti besuchen und auch seine malerischen Fähigkeiten entwickeln durfte. Nach einem Jahr in Rom zerstritt er sich mit seinem Schweizer Lehrmeister, der ihn subito aus dem Dienst entliess. Nun war Zahnd in Not und bat die Familie um Hilfe. Die ältere Schwester Margaretha, die ihm schon früh geraten hatte, Lithograf zu werden und «vom Handwerk zur Kunst statt von der Kunst zum Handwerk» zu kommen, schickte mit ihren Briefen Geld.

Doch nach Missernten und Krankheiten infolge «sehr ungesunden Wetters» nagte die Familie selber am Hungertuch und konnte den angehenden Künstler in der Ferne nicht mehr unterstützen. Wie er die nächsten Jahre überlebt hat, ist nicht bekannt.

Ein Nachfahre als Sammler

Das Leben dieses vergessenen Malers zu rekonstruieren, muss eine nervenaufreibende, aber auch spannende Arbeit gewesen sein. Die Monografie «Johann Zahnd. Ein Künstler zwischen Rom und Schwarzenburg», die Denise Frey am Schweizerischen Institut für Kunstwissenschaft in Zürich erstellt hat, gleicht denn auch einem Mosaik mit vielen fehlenden Steinchen. Ein Segen waren für die Autorin sicher die zahlreich erhaltenen Briefe, die der Künstler von Margaretha und anderen Familienmitgliedern bekommen hatte; leider sind von ihm selbst nur wenige greifbar.

Eine Reise nach Rom war 1872 kein Easyjet-Trip, im Gegenteil: Wer so weit fortging, kam so schnell nicht wieder.

Verschiedene Schweizer Museen besitzen Werke von Johann Zahnd, so etwa das Kunstmuseum Bern. Gut dokumentiert ist auch die Gedenkausstellung, welche die Berner Kunsthalle dem 1934 verstorbenen Künstler noch im selben Jahr ausrichtete. Grundlage und Ausgangspunkt für die Monografie aber war die Sammlung seines Urgrossneffen Walter Zahnd. «Ausgestattet mit einem Faible für schöne Dinge und Antiquitäten, war ich schon als junger Mann fasziniert vom Talent meines Vorfahren», schreibt der Schwarzenburger Immobilien-Unternehmer im Vorwort. «So habe ich im Laufe meines Lebens immer wieder neue Bilder von Johann Zahnd dazugekauft.» An die hundert Skizzen, Zeichnungen und Ölgemälde umfasst diese Sammlung, die nun in Buchform zugänglich und klug ergänzt ist.

Heimkehr und Alter

Beim Blättern durch die Bildstrecken fallen drei Dinge auf. Erstens die ungetrübten Idyllen dieser Genre-Malerei, die zu Johann Zahnds Zeit – einer Phase rasanten technischen Fortschritts – eigentlich schon passé war. Zweitens die wiederkehrenden Motive der römischen Campagna und der Maremma. Und drittens die immer heller werdende Farbpalette.

Nach zehn mageren Jahren, in denen der Ausgewanderte furchtbares Heimweh hatte, folgten fette, vielleicht auch glückliche Jahre, nachdem er 1884 ins Atelier des erfolgreichen Malers Hermann Corradi eintreten konnte. Nebst dem sicheren Einkommen genoss Johann Zahnd nun auch die zunehmende Anerkennung des eigenen Schaffens: Seine Rom-Ansichten verkauften sich gut an Italienreisende, die Landschaften wurden an Gruppenausstellungen in der Schweiz gezeigt.

Als 1905 sein Arbeitgeber starb, hielt Johann Zahnd nichts mehr in Rom. Er kehrte nach Schwarzenburg zurück und malte das Guggershörnli, den Spüehlibachfall, das Wahlern-Kirchlein und die Menschen der ländlichen Umgebung, als ob er nie weggewesen wäre. Sein Strich jedoch wurde fahrig, die Gestaltung der Sujets grob – Alter und Alkohol hatten der Schaffenskraft des lebenslangen Junggesellen schon arg zugesetzt, als er kurz vor seinem 80. Geburtstag starb.


Denise Frey: Johann Zahnd. Ein Künstler zwischen Rom und Schwarzenburg. Stämpfli-Verlag, 102 Seiten.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...