Fremd im eigenen Land

Sechs Monate im Südkaukasus: Jan Zychlinski hat Flüchtlinge aufgesucht, die seit Jahren heimatlos sind. Achtzig Schwarzweissfotografien im Kornhausforum Bern zeigen, wie die Menschen von früher erzählen.

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Sorgfältig geschminkt, geglättetes Haar und die Lederjacke offen über dem Pullover: Die junge Frau könnte aus der armenischen Mittelschicht sein. Doch die 17-jährige Anna lebt hier in diesem ehemaligen Arbeiterwohnheim aus der Sowjetzeit. Ausserhalb der Hauptstadt Jerewan, in einer Einzimmerwohnung, in der die Farbe von den Wänden blättert und der Kühlschrank das modernste Gerät ist.

Annas Eltern stammen aus Armenien, lebten vor ihrer Geburt aber in Baku, das damals ein Schmelztiegel von Menschen aus den sowjetischen Teilrepubliken war. Dann brach die Sowjetunion zusammen, und die Feindseligkeiten zwischen Armeniern und Aserbaidschanern spitzten sich derart zu, dass Annas armenischstämmige Familie flüchten musste. Sie kehrte in die Heimat zurück, lebte aber in einer Flüchtlingsunterkunft. Dort wurde Anna geboren. Und nach 17 Jahren lebt sie immer noch dort, als ob die Zeit stehen geblieben wäre.

Soeben ist Anna von der Schule nach Hause gekommen und stellt die Schultasche ab. Fragend schaut sie ihre Grossmutter an: Wer sind der Mann mit dem Fotoapparat und die junge Frau?

Vergessene Schicksale

Der Mann mit der Kamera ist Jan Zychlinski. Während sechs Monaten reiste er letzten Winter durch den Südkaukasus. Auf der Suche nach Menschen, die auf der Flucht sind oder umgesiedelt wurden. Nebst Bildern sammelte Zychlinski auch Geschichten, unterstützt von lokalen Über­setzern.

Ein Flüchtlingsschicksal ist jenes von Anna und ihrer Familie. «Die Leute haben stundenlang aus ihrem Leben erzählt, Foto­alben gezeigt, dann Essen aufgetischt oder lange geschwiegen», erzählt Zychlinski. Seine Bilder wirken so, als bestünde eine ­grosse Vertrautheit zwischen den Gastgebern und dem Fotografen. Zychlinski winkt ab. Er sei einfach losgefahren, habe angeklopft und sei immer herzlich empfangen worden – ohne die Leute vorher zu kennen.

Zychlinski befasst sich als Fotograf und Dozent für soziale Arbeit an der Berner Fachhochschule schon lange mit den Themen sozialer Raum und Entwicklungszusammenarbeit. Vor diesem Hintergrund ist er empört über die Lebensumstände von Flüchtlingen wie Anna und ihrer Grossmutter – weitere Hunderttausende in Armenien, Georgien und Aserbeidschan teilen ihr Schicksal. Rund 80 Fotografien von Zychlinskis «Erkundungen bei den vergessenen Flüchtlingen» sind momentan in der Ausstellung «Jenseits der Grenzen» im Kornhausforum Bern zu sehen. «Diese Menschen sind es wert, dass wir ihnen zuhören und mit ihnen reden», sagt er. Zych­linski holt die Flüchtlinge aus der Vergessenheit. Er zeigt seine Bilder auch im Südkaukasus, wo viele Leute nichts von den Flüchtlingen und deren Situation wissen.

Der Konflikt um die Enklave Berg-Karabach, von dem viele betroffen sind, wütet immer noch. Armenien und Aserbeidschan beanspruchen das Gebiet jeweils für sich. 1921 von der Sowjetunion Aserbeidschan zugesprochen, 1989 von der Parteiführung Berg-Karabach als Armenien zugehörig erklärt: Die Situation war und ist unstet, und die Leute können nicht in ihre Dörfer zurück­kehren.

Dauerhaftes Provisorium

Weit draussen in der Steppe wurden für die Flüchtlinge Zeltsiedlungen aufgestellt. Dort stehen heute auch die Baracken und einfachen Reihenhäuser, in den Städten nutzt man Studentenwohnheime, Sanatorien und Hotels als Unterkünfte. Der Zugang zu Gas und fliessendem Wasser ist nicht immer gewährleistet. Dass die Siedlungen für die Normalbevölkerung nicht zugänglich sind – teilweise sind sie durch Zäune oder Polizei abgeriegelt – macht die Flüchtlinge zu Fremden, obschon sie sich teilweise auf Heimatboden befinden. Seit Jahren hatten sie weder mit der staatlichen Sozialhilfe noch mit internatio­nalen Organisationen Kontakt.

«Es reicht einfach nicht, wenn man einem Menschen eine Hütte gibt! Im Südkaukasus stirbt kein Flüchtling wegen Hunger, aber es gibt in diesen Siedlungen wenig soziales Leben.» Ärger ist in Zychlinskis Stimme zu hören. Kein Gemeindezentrum, keine psychologische Betreuung, kaum Bildungsangebote. Verschiedene Institutionen zeigten sich trotzdem erstaunt über Zychlinskis Fragen: «Sozialarbeiter? Gemeindearbeit? Brauchen wir nicht.»

Zwischen Resignation

und Hoffnung

«Die Menschen, mit denen ich gesprochen habe, haben sich nicht über fehlende Infrastruktur beklagt. Sondern darüber, dass sie sich emotional nicht aufgehoben fühlen.» Gibt es da noch Hoffnung? Einige wenige warten darauf, dass verschollene Angehörige gefunden werden. Ein Lichtblick für die Eltern sind die Perspektiven der Kinder. Können sie zur Schule gehen, ist es möglich, aus der Isolation zu entkommen. So wie Anna, die als Stipendienschülerin nun Mathematik studiert.

Die meisten aber hoffen auf nichts mehr. Resignation ist in Zychlinskis Bildern stark spürbar. Ihm gelingt es, Intimes wie heruntergekommene Zimmer, alte Fotos und den abwesenden Blick in die Leere abzulichten.

Ausstellung:«Jenseits der Grenzen – Flüchtlinge im Südkaukasus» von Jan Zychlinski. Bis 9. Januar 2016. Kornhausforum, Bern. Öffnungszeiten unter www.kornhausforum.chBuch:«Jenseits der Grenzen – Flüchtlinge im Südkaukasus» von Jan Zychlinski. MitteldeutscherVerlag, 160 S.

Berner Zeitung

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