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Gefängnisfantasien für alle

Thun erscheint am Samstag in Pink: Die zweite Thuner Kulturnacht steht ganz im Zeichen der indischen Farbe für Gastfreundschaft. Um «Gastfreundschaft» geht es auch in jenem Gebäude, das exklusiv geöffnet wird – dem ehemaligen Gefängnis auf dem Schlossberg.

Herausfordernd blickt sie zum quadratischen Guckloch der Zellentür, Schmollmund, pralle Brüste und lange, leicht zerzauste Haare. «Gefangenenfantasien», sagt Lilian Raselli knapp und grinst. Die Leiterin des Thuner Schlossmuseums hat bei Zelle Nr. 9 mit der barbusigen Schönheit veranlasst, dass lediglich ein Spot auf die Wandzeichnung eines ehemaligen Thuner Gefängnisinsassen gerichtet wird. «Wir spielen bewusst mit dem voyeuristischen Element», sagt sie. Es ist das erste Mal, dass das ehemalige Gefängnis im Thuner Schloss fürs Publikum geöffnet wird. Anlass dazu bietet diesen Samstag die zweite Thuner Kulturnacht.

Graffiti aus der Renaissance

Auf verurteilte Insassen werden die Besucherinnen und Besucher auf dem Schlossberg jedoch vergeblich hoffen; mit dem Neubau des Gefängnisses an der Thuner Allmendstrasse zogen 2001 die letzten Gefangenen von der mittelalterlichen Trutzburg ab. Zurück liessen sie Zeichnungen wie jene in Zelle 9. «Solche Graffiti blicken auf eine jahrhundertealte Tradition zurück», weiss Raselli. Die Archäologin hat denn auch für die kunsthistorische Ausstellung im ehemaligen Gefängnis im Archiv gegraben. «Im Mittelalter wurden Verurteilte öffentlich an den Pranger gestellt, oder es wurde ihnen die Hand abgehackt. Gefängnisse kamen erst ab dem 16. Jahrhundert auf, als die Justiz allmählich zu Langzeitstrafen überging.» 1555 wurde das erste Gefängnis in London eröffnet.

In Thun hingegen kerkerte man die Verurteilten – schuldig oder nicht – in zugigen, feuchten Räumen oberhalb des Rittersaals im Schloss ein, dem heutigen Prunkstück von Thuns Wahrzeichen. Da wurde Lilian Raselli auch fündig: Männchen mit übergrossem Penis, Frauen mit hervorgehobenen primären Geschlechtsmerkmalen oder Spottgedichte auf die Mächtigen der Stadt. «Die Inhalte solcher Gefangenenbotschaften bleiben immer gleich – egal, ob über dem Rittersaal oder im 1886 eröffneten Gefängnistrakt neben dem Schloss», hat Raselli festgestellt.

Die «Ausbruchszelle» Nr.14

Dass Verzweiflung im Gefängnisalltag omnipräsent ist, thematisiert die gebürtige Thuner Künstlerin Therese Pfeifer im 1.Stock. Die Dozentin am Stephens College (USA) zeigt in den Zellen ihre Installation «Die zerfaltete Zeit». Zeitverlust, die Vermischung von Täter-Opfer-Rollen, Albträume, Vereinsamung – all das macht Pfeifer sinnlich erlebbar. Malerei, Plastiken, multimediale Einrichtungen fesseln die Besucher, vermitteln das Gefühl des Eingeengtseins, des Nicht-ausbrechen-Könnens.

Dennoch gelang einigen Insassen die Flucht aus dem alten Thuner Gefängnis. «Zelle Nr.14 hatte offiziell den Übernamen ‹Ausbruchszelle›», sagt Lilian Raselli. Denn aussen führt die Dachrinne vorbei, an der sich die Ausbrecher mit Hilfe von Leintüchern abseilen konnten. Bekanntester Vertreter in Thun war in den 60er-Jahren der Ausbrecherkönig Walter Teufel. «Einmal brach er aus, stieg in der nächsten Nacht wieder in die Zelle ein, um seine Habseligkeiten zu holen. Zurück liess er seinen braunen Gefangenenanzug», berichtet Raselli.

«Die Geister, die ich rief»

1963 wurde das Thuner Gefängnis auf dem Schlossberg nach den neuesten Erkenntnissen umgebaut. 20 Jahre später kam es zu einer markanten Häufung von Suizidfällen. «Erst da, Anfang der 80er-Jahre, wurde der kleine Hof unterhalb des Gefängnisses für die Gefangenen geöffnet», so Raselli. Heute spielen örtliche Laientheater-Vereine im Gefängnishof ihre jährlichen Freilichtinszenierungen. Eine davon – «Matto regiert» – stammt ursprünglich von einem weiteren bekannten Thuner Insassen: Der Schriftsteller Friedrich Glauser hat seinen Wachtmeister Studer im Gefängnis von Thun agieren lassen. «Glauser schrieb einem Freund, er sei fast wahnsinnig geworden in dieser Zelle», sagt Raselli. Da liege es nahe, in einer Zelle den Film «Wachtmeister Studer» laufen zu lassen.

Auch ein Deckengemälde von Therese Pfeifer erinnert an die Schattenseiten des Gefängnislebens. «Das jüngste Gericht» zeigt dunkle Gestalten auf pinkfarbenem Grund. Spätestens wenn die Kirchenglocken der Stadtkirche die Stunden schlagen und das Dröhnen in den kahlen, kleinen Zellen physisch spürbar wird, fährt dem Betrachter ein kalter Schauer über den Rücken. Mit wissendem Lächeln sagt die Museumsleiterin: «Warten Sie erst ab, wenn es in der Kulturnacht von drüben Mitternacht schlägt»

Die Installation im ehemaligen Gefängnis im Schloss Thun bleibt nach der Kulturnacht exklusiv 14 Tage geöffnet: jeweils von Mittwoch bis Freitag, 18 bis 20 Uhr, und Samstag/Sonntag, 11 bis 17 Uhr. Für Gruppen/Schulklassen werden auf Anfrage Führungen angeboten.

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