«Gotthardpost» auf dem Holzweg

Das Gemälde «Die Gotthardpost» gehört im Kunsthaus Zürich zu den Publikumsmagneten. Doch bei der Auktion in Bern flogen dafür keine Bieterkarten in die Höhe.

Das Gemälde «Die Gotthardpost» von Rudolf Koller wird dem Auktionspublikum gezeigt.

Das Gemälde «Die Gotthardpost» von Rudolf Koller wird dem Auktionspublikum gezeigt.

(Bild: Keystone)

Das Bild gilt als Ikone der Schweizer Malerei des 19. Jahrhunderts: dennoch fand sich am Freitagnachmittag im Rahmen der jährlichen Juni-Auktion der Berner Galerie Kornfeld kein Käufer für «Die Gotthardpost» von Rudolf Koller.

Eine distinguierte Gesellschaft fand sich am Freitagnachmittag in der der historischen Villa an der Berner Laupenstrasse ein, dem Stammsitz der Galerie Kornfeld. Zur Auktion standen rund 180 Kunstwerke des 19. bis 21. Jahrhunderts.

Mit einer Platzkarte in der Hand - und einer Bieterkarte, sofern sie sich an der Auktion beteiligen wollten - schlenderten die rund 200 Kunstliebhaberinnen und -liebhaber durch den herrschaftlichen Park dem Auktionssaal zu. Der lichte Glasanbau ist von einem hohen Grünzaun umgeben und damit, zumindest im Sommer, von aussen her nicht einsehbar.

Kleiner Krimi

Der Kunsthandel ist eine äusserst diskrete Sache. Und so werden an Auktionen auch keine Namen von Personen genannt, die Bilder einreichten oder kauften. Lediglich eine Nummer steht auf der Bieterkarte, mit der die Betroffenen signalisieren, ob sie für sich oder im Auftrag von gutbetuchten Klienten beim Bieten mithalten wollen.

Wer mitbieten will, der muss über einen prallen Geldbeutel verfügen. Den höchsten Preis erzielte am Freitag die Eisenplastik «Das Lob der Luft» des spanisch-baskischen Bildhauers und Zeichners Eduardo Chillida: drei Millionen Franken, doppelt so viel wie der Schätzpreis.

Die Bieterei war ein kleiner Krimi, denn fast wäre das Hämmerchen bei 2,2 Millionen Franken niedergesaust. Zum ersten, zum zweiten, zum... In allerletzter Sekunde schnellte noch eine Bieterkarte in die Höhe. Von da an mochten die beiden verbliebenen Konkurrenten so rasch nicht aufgeben und jagten sich mit immer neuen Angeboten.

Telefon zieht Anker an Land

Ein weiterer Bieter ersteigerte sich via Telefon gleich drei Werke von Cuno Amiet. «Landschaft bei Hellsau» wurde mit einer Schätzung von 125'000 Franken geführt. Auktionator Bernhard Bischoff eröffnete die Bieterrunde bei 80'000 Franken. Für 100'000 Franken wechselte das Ölbild schliesslich den Besitzer.

Von Albert Anker waren vier Bilder im Angebot. «Stillleben: Kaffee» aus dem Jahr 1882 sorgte für ein Duell zwischen einem Bieter im Saal und einem am Telefon. Das «Telefon» machte schliesslich das Rennen. Ob es sich beim Käufer allenfalls um einen schweizweit nicht ganz unbekannten Anker-Sammler gehandelt haben könnte, ist selbstverständlich reine Spekulation.

Kein Interesse

Erst gegen Schluss kam jenes Bild unter den Hammer, das viele Menschen in der Schweiz kennen. «Die Gotthardpost» von Rudolf Koller aus dem Jahr 1873. Gemalt hat es der Künstler ausgerechnet für Alfred Escher, jenem Mann, der mit der Gotthardbahn das Ende der Postkutschen einläutete.

Im Kunsthaus Zürich, wo das Bild ausgestellt ist, zählt es zu den Publikumsmagneten. Stiebende Hufe, flatternde Mähnen, knallende Peitschen und ein kleines Kälbchen das auf der schmalen Bergstrasse von dem rasenden Gefährt vor sich her getrieben wird.

Die alte Zeit, die von der neuen eingeholt wird, deutete der Zürcher Germanist Peter von Matt vor einigen Jahren das Bild in einem Essay. Davon ausgehend entwarf von Matt eine Art Geschichte der Schweizer Befindlichkeit und beleuchtete Modernisierungsprozesse des 19. Jahrhunderts und ihren Stempel den sie der Schweizer Seele aufdrückten.

Doch die bei Kornfeld versammelten Kunstliebhaber hatten am Freitag offensichtlich nichts für Postkutschenromantik übrig. Auktionator Bernhard Bischoff startete die Bieterrunde bei 480'000 Franken, also 120'000 Franken unter der Schätzung. Doch diesmal flogen keine Bieterkarten in die Höhe und an den Telefonen blieb es verdächtig still.

So blieb Bischoff nichts anderes übrig, als kurzum zu verkünden: «dann rollt die Gotthardpost halt wieder zurück». Damit ist das Gemälde nicht in schlechter Gesellschaft. Auch für Werke von Cuno Amiet oder Ernest Biéler fanden sich am Freitag keine Käufer.

ss/sda

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