Gurlitt-Erbin will um Kunstwerke kämpfen

Cornelius Gurlitt habe sich von einem Nazinetzwerk verfolgt gefühlt, urteilt ein Gutachter. Nun stellt sich die Frage: Konnte er seine Sammlung überhaupt nach Bern vererben?

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Mario Stäuble@mario_staeuble

Es hatte nach einem gut ausbalancierten Deal ausgesehen: Das Kunstmuseum Bern nimmt Cornelius Gurlitts Erbe an. Das Haus erhält damit die Herrschaft über den «Schwabinger Kunstfund» – mehr als tausend Bilder und Zeichnungen, die der Sammler Gurlitt jahrzehntelang bei sich zu Hause versteckt hatte. Der deutsche Staat finanziert weiterhin die Taskforce, welche die Herkunft der Werke untersucht und feststellt, ob es sich allenfalls um Raubkunst handelt. Bestätigt sich ein Verdacht, geht das Bild an den rechtmässigen Eigentümer. Werke, die zur «entarteten Kunst» gehören, können deutsche Museen als Leihgaben ausstellen. Alles, was laut Presse noch fehlte, war das grüne Licht des Kunstmuseums.

Beim Ausbalancieren der Interessen ging allerdings eine Partei vergessen: die Familie Gurlitt. Ein Cousin und eine Cousine, 95- und 86-jährig, sind Cornelius Gurlitts gesetzliche Erben. Sie hätten die millionenschwere Sammlung erhalten, wenn Cornelius nicht kurz vor seinem Tod ein Testament zugunsten von Bern aufgesetzt hätte.

Testament ungültig?

Nun, wenige Tage vor dem Entscheid des Kunstmuseums, tritt Cousine Uta Werner ins Zentrum des Falls. Sie und ihre Nachkommen haben sich einen Anwalt genommen, und der hat ein Gutachten in Auftrag gegeben. Die Frage: War Cornelius Gurlitt überhaupt imstande, sein ganzes Vermögen dem Berner Kunst­museum zu vermachen? Das Gutachten, verfasst vom deutschen Psychiatrie-Chefarzt und Juristen Helmut Hausner, kommt zum Schluss: nein. «Gurlitt litt bei der Errichtung des Testaments an einer leichtgradigen Demenz, einer schizoiden Persönlichkeitsstörung und einer wahnhaften Störung», heisst es in der Zusammenfassung, die dem TA vorliegt.

Der Gutachter grub sich tief in Gurlitts Vergangenheit, um sich ein Urteil zu bilden. Schon 1962 habe sich dessen Mutter in einem Brief über den «beängstigenden Verfolgungswahn» ihres Sohnes beklagt. Über die Jahrzehnte habe sich bei Gurlitt die Überzeugung durchgesetzt, dass ihn ein «deutsches nationalsozialistisches Netzwerk» verfolge und ihm seine Kunstsammlung wegnehmen wolle. Darum habe er auch das Kunstmuseum als Erben eingesetzt, bilanziert Hausner – um seine Sammlung «dauerhaft und über seinen eigenen Tod hinaus dem Zugriff seiner vermeintlichen Naziverfolger zu entziehen». Aufgrund dieses krankhaften Wahns sei Gurlitts Willensbildung beim Abfassen des Testaments am 9. Januar 2014 aufgehoben gewesen. Oder kürzer: Laut Gutachter ist das Testament ungültig.

Zwei Cousins, sechs Kinder

Das 48-seitige Gutachten ist bereits beim Nachlassgericht München eingetroffen. Noch ist dort aber nichts geschehen. Das Gericht wird die Gültigkeit von Gurlitts Testament erst beurteilen, wenn es dazu einen Grund gibt. Ein Verfahren.

Ein solches könnten Gurlitts gesetzliche Erben starten, also Cousin Dietrich und Cousine Uta – oder ihre sechs Nachkommen, sollte einer der Erben versterben. Es gibt keine Verjährungsfrist: Die Gurlitts könnten jahrelang warten, bis sie ihre Ansprüche geltend machen.

Cornelius’ Cousin Dietrich will dem Vernehmen nach mit dem Fall so wenig wie möglich zu tun haben. Seine Schwester denkt anders: «Meine Klientin erwägt, gegen das Testament vorzugehen», sagt ihr Anwalt Wolfgang Seybold.

Die Frau hatte zu Beginn das Testament ihres Cousins akzeptieren wollen. Laut Seybold hat sie ihre Meinung aber geändert, weil die Leiterin der Gurlitt-Taskforce, Ingeborg Berggreen-Merkel, die deutsche Kulturstaatsministerin Monika Grütters und andere wichtige Köpfe in Deutschland den Erbfall ans Kunstmuseum Bern als «Glücksfall» dargestellt hätten. Das heisse umgekehrt, dass die Gurlitts mit den Kunstwerken nicht verantwortungsvoll hätten umgehen können. Uta Werner fühle sich und ihre Familie deshalb als unseriös abgestempelt. Dagegen wolle sie sich wehren – und auch den entsprechenden Tatbeweis erbringen, indem die Familie das Erbe übernehme und sich um die korrekte Abwicklung kümmere.

Damit droht dem Kunstmuseum Bern ein langwieriger Prozess. Ob es so weit kommt, ist allerdings noch ungewiss: «Zuerst gilt es, mit den Anwälten des Museums das Gespräch zu suchen», sagt Uta Werners Anwalt.

Bei solchen Gesprächen wird Bern mit einem zweiten Gutachten argumentieren können, das bei den Akten liegt. Ein Neurologe, der Gurlitt vor seinem Tod behandelt hatte, kam zum Schluss: Der Mann sei testierfähig.

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