Gurlitts wichtigster Geschäftspartner

Bern

Keiner war wichtiger als Eberhard W. Kornfeld: In 20 Jahren hat Cornelius Gurlitt 31 Werke aus seiner Münchner Sammlung in Bern diskret zur Auktion gegeben – und Kornfeld setzte damit 1,3 Millionen Franken um.

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Oliver Meier@mei_oliver
Michael Feller@mikefelloni

23 Jahre dauert die Geschäftsbeziehung zwischen Cornelius Gurlitt und Eberhard W.Kornfeld, dokumentiert auf 100 Seiten aus dem Nachlass Gurlitts, die dieser Zeitung vorliegen. Sie werfen ein Licht auf die verschrobenen Seiten des Kunsthändlersohns Cornelius, der mit dem Verkauf von Werken seinen Lebensunterhalt finanzierte. Sie werfen ein Licht auf Sitten und Unsitten des Kunsthandels, der Diskretion über alles stellte und auch mal im rechtlichen Graubereich agierte.

Und sie lassen keinen Zweifel daran, dass es die intensive Geschäftsbeziehung war, die Gurlitt dazu bewogen hat, sein Erbe dem Berner Kunstmuseum zu vermachen, das er noch Ende der Achzigerjahre mit seinem wichtigsten Kunsthändler Kornfeld besucht, einem Freund und Förderer des Hauses. Dieser will zum Thema Gurlitt öffentlich keine Stellung mehr nehmen.

140'000 Franken Provision

31 Werke gibt Gurlitt bis 1987 zur Auktion. Es sind vorab Werke aus dem Bestand der «entarteten Kunst», die Hildebrand Gurlitt als offizieller «Verwerter» des nationalsozialistischen Regimes am Ende selber übernahm. Je ein halbes Dutzend Arbeiten von Erich Heckel und Karl Hofer sind darunter, vier von Ernst Ludwig Kirchner, drei von Emil Nolde und Christian Rohlfs, aber auch einzelne von Max Beckmann, Otto Dix, Max Pechstein und Wassily Kandinsky. In vier Auktionen und mehreren «Nachtragsverkäufen» erzielen Gurlitts Einlieferungen bis 1990 insgesamt 1,3 Millionen Franken. Rund 140'000 davon fliessen als Provision an Kornfeld.

Die Initiative geht von Kornfeld aus. Bereits in den Sechzigerjahren schickt er Auktionskataloge nach München, 1970 folgt ein «freundlicher Brief», den Gurlitt im Oktober verdankt. Gurlitt lädt Kornfeld zu einem «unverbindlichen Informationsgespräch» und hält auch im Namen der Schwester Nicoline fest: «Uns interessiert u.a. die Frage, wie der Transport vor sich geht, ob hierbei Formalitäten anfallen. (...) Uns wäre natürlich an einer möglichst unkomplizierten, stillen und direkten Abwicklung der ganzen Angelegenheit gelegen.»

Damit kann Kornfeld dienen. Das Muster, das sich 1971 zeigt, wiederholt sich in den folgenden 20 Jahren: Kornfeld besucht Gurlitt und dessen Schwester in der Münchner Wohnung, wählt die Werke aus und nimmt sie mit. Von Steuer- und Zollformalitäten ist in der Geschäftskorrespondenz nirgends die Rede.

Mit der «stillen Abwicklung» im rechtlichen Graubereich ist Kornfeld keine Ausnahme. Bereits in den Sechzigerjahren wird Gurlitt auch von Roman Norbert Ketterer (1911–2002) umgarnt, Vater beziehungsweise Schwiegervater der Galerie-Inhaber Henze&Ketterer im bernischen Wichtrach. Offensiv und unverhohlen bietet Ketterer dabei Hand für die Umgehung «störender» Steuerhürden. Zu mehr als vereinzelten Geschäften zwischen Gurlitt und Ketterer kommt es aber nicht. Mit seinem Rundumservice hebt sich Kornfeld offenbar von der Konkurrenz ab. Dazu gehört auch die finanzielle Abwicklung: In aller Regel holt Gurlitt in Bern einen Barcheck ab, den er in Zürich einlöst.

10 Jahre Pause

Obwohl die erste Auktion mit Gurlitt-Werken bei Kornfeld 1971 zufriedenstellend ausfällt, bricht der Kontakt danach ab. Erst 10 Jahre danach meldet sich Gurlitt wieder: «Nachdem wir in den letzten Jahren aus Zeitungsberichten viel Erfreuliches über Ihre Tätigkeit in Bern erfahren konnten, würden meine Schwester und ich uns sehr freuen, wenn wir uns wie im März 1971 wieder mit einigen Blättern an Ihrer nächsten Auktion moderner Kunst beteiligen könnten.» Kornfeld antwortet umgehend und zeigt sich erfreut, «dass Sie sich wieder gemeldet haben, denn jahrelang kam alle an Sie gerichtete Post entweder mit dem Vermerk ‹verzogen› oder ‹unzustellbar› zurück.»

Probleme mit der Postzustellung beziehungsweise mit der Grösse von Gurlitts Briefkasteneinwurf und die Schwierigkeiten bei der Organisation von Besuchen in Gurlitts Münchner Wohnung machen einen beachtlichen Teil der teils skurrilen Geschäftskorrespondenz aus.

Kornfeld lädt Gurlitt in den Achtzigerjahren regelmässig ein, sich an Auktionen zu beteiligen. Am Ende klappt es allerdings nur in den Jahren 1982, 1988 und 1990. Die letzten Verkäufe – 2 Werke von Heckel, eines von Rohlfs – datieren vom Juni 1990. Kornfelds öffentliche Stellungnahme 2013 dazu erweist sich als korrekt. Ganz abgebrochen ist der Kontakt aber nicht. Noch im Februar 1993 kündigt Gurlitt an, ein unverkauft gebliebenes Pechstein-Aquarell «gelegentlich in Bern wieder abholen» zu wollen. «Eventuell», so Gurlitt, «wollen meine Schwester und ich in absehbarer Zeit wieder einige Stücke zu einer Auktion in Bern geben.» Weshalb es allem Anschein nach nicht mehr dazu gekommen ist, bleibt offen.

Berner Zeitung

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