Hodlers Liebe zum Berner Oberland

Ferdinand Hodler, der wohl bekannteste Schweizer Maler des 19. Jahrhunderts, pflegte eine enge Beziehung zum Berner Oberland. Die Berge versetzten ihn in einen «Taumelzustand».

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Kunsthistorisch dürfte 2018 zu einem Hodler-Jahr werden. Denn der bekannteste Schweizer Maler des 19. Jahrhunderts starb vor 100 Jahren, am 19. Mai 1918.

Diverse Ausstellung werden an Ferdinand Hodler erinnern. Dabei nimmt das Berner Oberland einen wichtigen Platz ein. Denn zwischen Thun und dem Oberhasli schuf er einige seiner bekanntesten Werke. Grund genug für diese Zeitung, in einer drei­teiligen Serie auf Ferdinand Hodlers Leben und Schaffen im Berner Oberland zurückzublicken.

Sekundarschüler und Werkstattgehilfe in Steffisburg

Am 14. März 1853 wurde Ferdinand Hodler im Berner Armenviertel (an der heutigen Schauplatzgasse 37) als erstes von sechs Kindern geboren. 1859 zog die Familie nach La Chaux-de-Fonds, wo Ferdinand die Primarschule besuchte. Kurz danach, 1860, starb der Vater an Schwindsucht.

1861 zog die Familie wieder nach Bern, wo die Mutter den Flachmaler Gottlieb Schüpbach heiratete. Er war selbst auch Wittwer und brachte vier Kinder aus erster Ehe mit. Weitere drei ge­meinsame Kinder kamen dazu. Ferdinand half in der Werkstatt seines Stiefvaters mit.

1863 ging der Kleinunternehmer aber in Konkurs. Die Familie lebte fortan vom Einkommen aus der Färberei, welche die Mutter betrieb.

1866 zog die Familie nach Steffisburg, in die Heimatgemeinde von Stiefvater Schüpbach. Von 1865 bis 1867 besuchte Ferdinand Hodler die dortige Sekundarschule. Die Familie wohnte in einem kleinen Haus an der Scheidgasse 7. Nach der Schule arbeitete er, als 12-Jähriger, schon in der Werkstatt seines Stiefvaters mit und bemalte unter anderem Schilder, Spiel­dosen und Truhen.

Veduten-Atelier und Taumelzustand in Thun

Im Frühjahr 1868 wurde Ferdinand Hodler in das Veduten­atelier von Ferdinand Sommer in Thun in die Lehre geschickt. Hier machte Hodler beim Malen der Vedutenbilder (siehe Kasten), die als Andenken bei Touristen grossen Anklang fanden und in Serie zu Tausenden hergestellt wurden, die ersten Bekanntschaften mit der Oberländer Bergwelt. Seine Eindrücke aus dieser Zeit hat Hodler später mit folgenden Worten festgehalten:

«Zum ersten Mal sah ich damals das Gebirge aus der Nähe und freute mich jeden Tag, von Steffisburg nach Thun und wieder zurück zu laufen. Ich hätte lieber alles entbehrt als diese Gänge; denn ich war wie berauscht von der Schönheit dieser Landschaft. Ich konnte nicht genug bewundern und schauen.

Die gewaltige Pracht der Stockhornkette, des Niesens, des leuchtenden Hochgebirges fesselten mich derart, dass ich gar nicht mehr an Essen, Trinken und andere Genüsse dachte. Es war ein ei­gentlicher Taumelzustand; ich war überglücklich, in dieser herrlichen Gegend leben und atmen zu dürfen.»

Per Fuss an die Kunstgewerbeschule Genf

1871 verliess Hodler das Atelier in Thun und lebte kurzfristig bei seinem Onkel in Langenthal. Dann wanderte er nach Genf, um sich mit den im dortigen Kunstmuseum befindlichen Bildern von Alexander Calame ausein­anderzusetzen, und trat bald als Schüler in die Kunstgewerbeschule ein.

Die Zeit in Sommers Malatelier wird heute von den Kunsthistorikern als Hodlers «Eintritt in die Kunst» gewertet. Hodler selber hat aber seine spätere Zeit als Schüler bei Bartélemy Menn an der Kunstgewerbeschule in Genf als solche gesehen.

Am Thunersee vom Stockhorn fasziniert

Immer wieder kehrte der Maler an den Thunersee zurück. 1904/­1905 wohnte Hodler in Leissigen in der Pension Steinbock der Familie Steuri-Schmocker, wo heute das Dorfzentrum steht. Im Gebiet Stoffelberg-Finel malte er im Jahr 1904 sein erstes einer Reihe bekannter Bilder «Thunersee von Leissigen aus». Die Stockhornkette malte er gleich in mehreren Versionen.

«Die gewaltige Pracht der Stockhornkette, des Niesens, des leuchtenden Hoch­gebirges fesselten mich derart, dass ich gar nicht mehr an Essen, Trinken und andere Genüsse dachte.»Ferdinand Hodler

Eigenartig ist Hodlers schrittweise Annäherung ans Gebirge. Auf Distanz malte er es zuerst. Und immer wieder, als ob er die Basis für das Gestalten der Gebirgsriesen vorbereiten müsste, malte er vorerst den Thunersee mit Harder, Niesen oder Stockhorn.

1912/1913 beschäftigte er sich erneut mit dem Stockhorn, als er seine kranke Freundin ­Valentine Godé-Darel in Hilterfingen besuchte, wo sie zur Er­holung weilte. Mit der Stockhornkette empfand Ferdinand Hodler eine tiefe Verbundenheit. Von seiner Lehrzeit bis zu seinem grandiosen Spätwerk, über fast ein halbes Jahrhundert hinweg, beschäftigte sich der Maler immer wieder mit dem Gebirgszug.

Bilder aus der Jungfrau-Region und ein dritter Platz

Eines seiner ersten Bilder aus dem Berner Oberland stammt von 1873. Damals besuchte er Interlaken, wo er zum Bild «Ein Morgen in Interlaken» inspiriert wurde. Im gleichen Jahr begab sich Hodler weiter in das östliche Berner Oberland, vermutlich um sich die Originalschauplätze der von Calame und Diday gemalten Bilder im Reichenbachtal (Rosenlaui) anzusehen.

Im Januar 1887 weilte Ferdinand Hodler in Grindelwald, um sich hier seinem Beitrag für den 4. Concours Calame, einen bedeutenden Schweizer Kunstwettbewerb, zu widmen. Das Thema lautete «Die Lawine». Es entstand sein gleichnamiges Bild vom Wetterhorn und der Schwarzen Lütschine. Als Drittplatzierter erhielt er dafür 200 Franken.

Erst 1908, als Künstler anerkannt und mit gestärktem Selbstbewusstsein, wagte sich Ferdinand Hodler an die bekannten Dar­stellungen der «Eisriesen», meist von der Schynigen Platte oder von Mürren aus.

Die nächsten zwei Teile unserer Serie über Ferdinand Hodler widmen sich seiner Zeit auf dem Bödeli und seinen Porträts von Oberländern.
Quellen: diverse Bücher, das Archiv Jura Brüschweiler, Ausstellungskatalog Kunstmuseum Bern 2008 u. a. (Berner Oberländer)

Erstellt: 17.04.2018, 11:29 Uhr

Ansichtskarte

Eine Vedute (italienisch: veduta = Ansicht) ist in der bildenden Kunst die wirklichkeitsgetreue Darstellung einer Landschaft oder eines Stadtbildes. Gemäss der Kunsttheorie ist das Ziel die Wiedererkennbarkeit, alle anderen Aspekte der Bildgestaltung (Licht und Schatten, Farben etc.) sind weniger wichtig. Veduten gelten allgemein als Vorgänger der Ansichtspostkarten. Diese Bildchen wurden oft nach Vorbildern von Alexandre Calame, Francois Diday und Stichen der Kleinmeister kopiert. Ebenfalls gemäss Internetlexikon Wiki­pedia gilt als Vater der neuzeitlichen Vedute der niederländisch-italienische Maler Gaspar van Wittel.ad/aka

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