«Ich versuche schon, böse zu sein»

Heinz Pfister alias Pfuschi hat als freischaffender Cartoonist viel gearbeitet. Jetzt macht er nur noch, was ihn wirklich interessiert. Heute erscheint sein Best-of-Buch in der Galerie für Komische Kunst.

  • loading indicator
Tina Uhlmann

Heinz Pfister, als langjähriger, routinierter Cartoonist zeichnen Sie auch live. Kommen Sie so auf die besten Pointen?
Ja, das ist tatsächlich so. Wenn ich an einer Tagung vor 300 Leuten live zeichne, via Kamera und Beamer für alle sichtbar, bin ich ziemlich im Stress, ich komme richtiggehend ins Schwitzen. So unter Druck, habe ich die besten Ideen. Aber danach bin ich dann auch komplett erledigt.

Was macht das Livezeichnen so anstrengend?
Ich bin stundenlang sehr aufmerksam. Oft zeichne ich, was eben nicht gesagt wird, die nicht so offensichtlichen Dinge. Oder ich beobachte die Eigenheiten des Referenten. Da muss ich auch aufpassen und im Moment vor dem Zeichnen abschätzen, wie weit ich gehen kann. Man kann nicht allen gleich viel zumuten.

Aber von einem Cartoonisten wird doch erwartet, dass er auch unangenehme Dinge aufzeigt?
Ich versuche schon, böse zu sein. Aber an der Tagung einer Behindertenorganisation kann ich schlecht Cartoons mit schlimmen Pointen zu Behinderungen machen. Gut, für die Berner Lehrerzeitung habe ich mal einen führenden Blindenhund gezeichnet, der vor seinem Meister einen Haufen setzt. Es gab dann im Stadtrat eine empörte Anfrage zu diesem Cartoon, da er doch Behinderte beleidige. Als Reaktion darauf haben sich Blinde gemeldet, dass der Cartoon sie nicht beleidige, sondern ein reales Problem aufzeige.

Cartoonist Pfuschi lässt auf seinem weissen Blatt einen Cartoon entstehen. Video: Beat Mathys

Können Sie sich immer so gut in andere versetzen?
Ich versuche immer, den Auftraggeber in einem persönlichen Gespräch kennen zu lernen. In der Privatwirtschaft zeichne ich dann aber oft aus der Perspektive der Angestellten, der Büezer. Die Vorgesetzten nehmen mich als Cartoonisten ohnehin nicht so ernst. Aber diejenigen, die nicht sagen können, was sie denken, die freuen sich, wenn ich es sage. Mit meinen Cartoons.

Waren Sie selber mal ein kleines Rädchen in einem grossen Getriebe?
Ich war lange Zeit Logistiker bei Sandoz. Eigentlich hatte ich Künstler werden wollen, doch die Eltern fanden, es müsse «etwas Rechtes» sein, so machte ich bei Wander das KV. Wander kam dann zu Sandoz – ein Glück für mich. Damals war die Firma sehr innovativ, Kreativität war grossgeschrieben. In meinem Bereich, der Planung, begann ich, interne Papiere mit Zeichnungen zu ergänzen. Der Chef sah das und wollte mehr davon. So kam ich zurück auf das, was ich schon als Kind am liebsten gemacht hatte.

Sie haben sich 1979 selbstständig gemacht. War es schwierig, seither als freischaffender Cartoonist zu überleben?
Zuerst musste ich ein paar Jahre untendurch. Aber nebst den Kunstschulen und anderen Weiterbildungen, die ich berufsbegleitend absolvierte, lernte ich auch das Handwerk des Radierens. Das gibt schmutzige Hände, ist also «etwas Rechtes». Ich eröffnete dann im Marzili eine Werkstatt für Radierungen. Ach, und von da gibt es noch eine schöne Geschichte...

Erzählen Sie!
Eines Tages kam ein Passant in meine Werkstatt und fragte, ob er bei mir gleich eine Kaltnadelradierung mache dürfe. Er zeichnete spontan eine Holzfäller­szene, von der ich heute noch den Erstabdruck habe, der in meiner Werkstatt entstand. Der Mann war Paul Degen, ein Cartoonist, der zahlreiche Cover für den «New Yorker» gezeichnet hat – das ist so etwa das Höchste, was man erreichen kann in unserem Metier.

Was raten Sie einem jungen Menschen, der Cartoonist werden will?
Viele sind schon bei mir vorbeigekommen, manche von Eltern geschickt, die bei ihrem Kind eine besondere Begabung fürs Zeichnen festgestellt haben. Ich habe allen dasselbe gesagt: Mach ein Jahr lang jede Woche eine Zeichnung, und dann komm wieder zu mir damit. Es ist noch nie einer wiedergekommen.

Was ist daraus zu schliessen?
Man muss halt üben, Comics und Cartoons anschauen, erst mal diese Zeichensprache lernen: Wie zeigt man Geschwindigkeit, wie sind die Sprech- und Denkblasen gestaltet, solche Sachen.

Zeichnen Sie auch Comics?
Nein. Ich habs versucht, aber ich kann das nicht, über viele Seiten eine Geschichte erzählen. Bei mir sähen die Figuren immer wieder anders aus, die Alten würden womöglich immer jünger!

«Mein Honorar wurde halbiert, weil ich mit so wenigen Strichen zeichne.»

Ein Cartoon kommt mit wenigen Strichen auf den Punkt. Das ist eine Kunst für sich.
So sehen es nicht alle. Ich hatte mal einen Auftrag der Zeitschrift «annabelle». Wir vereinbarten im Voraus ein Honorar, überwiesen wurde dann nur die Hälfte. Ich rief an, und man sagte mir, das Honorar sei halbiert worden, weil ich Zeichnungen mit so wenigen Strichen geschickt hätte.

Haben Sie allgemein schlechte Erfahrungen gemacht mit den Medien?
Nein, in meiner Zeit als Cartoonist bei der Berner Zeitung (80er-Jahre, Anm. d. Red.) ging es mir gut. Wir waren zu dritt, die meisten Medienhäuser hatten damals drei Cartoonisten. Heute können nicht mehr viele Zeichner nur von den Zeitungen leben, die Honorare sind eher tief.

Werden Cartoons mit den Printmedien verschwinden?
Cartoons haben allgemein einen schweren Stand. Aus den Buchhandlungen, wo sie einst neben den Comics standen, sind sie verschwunden. Aktuell scheint es aber wieder einen Aufschwung zu geben, vor allem in Deutschland. Vielleicht mache ich in meiner Galerie für Komische Kunst bald eine Ausstellung «Unsere deutschen Freunde».

Heute aber findet da eine Buchvernissage statt: «Der Weg ist das Ziel» ist Ihr zweiter Best-of-Band. Wird es weitere geben?
Eher nein. Für mich ist dies ein Abschluss.

Sie zeichnen nicht mehr?
Doch, meinen Stammkunden bleibe ich treu. Aber Neues mache ich nur noch, wenn es mich wirklich interessiert.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt