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Interview mit Bestsellerautor Sven Regner

Was hat Herr Lehmann mit «Vom Winde verweht» zu tun? Einiges, sagt Bestsellerautor Sven Regener. Ein Gespräch auf der Frankfurter Buchmesse über Paranoia, Promipartys und die lustigen Seiten der Kunst.

Sven Regener, mögen Sie den Rummel auf der Buchmesse?

Sven Regener: Irgendwie schon. Es hat ja etwas Weltwunderhaftes. Unüberschaubar viele, riesige Hallen vollgestopft mit Büchern, die Millionen von Menschen geschrieben haben. Echt beeindruckend. Aber dieses ehrfürchtige Gefühl hält etwa einen halben Tag an.

Und danach nervts?

Naja, die Luft hier ist ganz schön trocken. Das Schlimmste aber ist die Sauferei. Am Tag drauf hat man einen Kater, mit der Zeit setzt die Paranoia ein und man glaubt, dass die vielen Leute hier auf einen zu krie- chen Drei Tage Buchmesse sind anstrengender als drei Wochen Konzerttournee.

Was tun Sie dagegen?

Ich schalte den Buchmessenmodus ein.

Hirn auf Durchzug?

So in etwa. Ich frage mich zum Beispiel nicht, wo ist hier der Spass und schon gar nicht, warum mache ich das eigentlich. Gleichzeitig weiss ich genau, welche Interviews und Termine ich mitmachen will und welche nicht. Das ist ganz wichtig, damit man nicht zur Vollnutte verkommt.

Was Sie als Vollnutte bezeichnen, ist für andere Werbung in eigener Sache.

Moment, da gibt es Abstufungen. Viele Autoren machen Ganzkörperpromo. Sie plaudern mit der Presse über ihr Privatleben, lassen sich in ihrer Wohnung oder vor ihrer Garage ablichten und servieren sogar ihre Kindheit auf dem Silbertablett.

Machen das nicht eher C-Promis?

Haben Sie denn schon mal Bilder von Verona Feldbusch, pardon Pooth, in ihrer Wohnung gesehen?

Klar, sogar zusammen mit ihrem Franjo.

Ok. Aber in der Regel wird Verona nicht in ihrer Wohnung fotografiert, wie die meisten Schriftsteller, sondern auf Promipartys…

…da werden Schriftsteller halt nicht eingeladen.

Ach was, die sind dauernd auf Partys! Ich glaube eher, viele Schriftsteller wollen ihr Leben einer Öffentlichkeit präsentieren, sei es über die Presse oder in ihren Büchern. Musiker sind dagegen geradezu harmlos.

Was sagen eigentlich Ihre Bandkollegen von «Element of Crime» zu Ihren Büchern?

Darüber sprechen wir nicht. Das wäre eine unzulässige Vermischung zweier Welten. Stellen Sie sich vor, einer meiner Musikerkollegen findet das Buch doof und sagt es mir. Oder stellen Sie sich vor, einer sagt mir: Dein Buch ist toll. Aber beim nächsten sagt er nichts. Dann denke ich, er findet es doof. Sowas vergiftet doch nur die Atmosphäre!

Können Sie sich an Ihre Auftritte im Thuner Mokka erinnern?

Aber hallo! Das erste Mal, 1987, haben wir dort im Keller gespielt, vor lauter Punks. Es gab keine Bühne, also standen die Leute etwa einen halben Meter um uns herum. Als Musiker habe ich eigentlich lieber etwas Distanz, aber Spass hats trotzdem gemacht.

Haben Sie denn zu Lesern einen engeren Kontakt ?

Nein. Ich könnte all die Gefühle der Leute überhaupt nicht bewältigen.

Wie ertragen Sie dann Lesungen?

Sehr gut sogar. Ich beantworte einfach keine Fragen. Als Musiker mache ich das auch nicht. Stellen Sie sich vor, ich würde nach einem Konzert nochmals rausgehen und sagen: «Hey Leute, gibts noch Fragen zur Musik?» Ich lese einfach, dann gibts eine Pause, dann lese ich nochmals und dann kommt die Zugabe und dann gehe ich.

Eine Zugabe? Das habe ich bei einer Lesung noch nie erlebt. Doch. Ich mache das wie beim Konzert.

Die Leute klatschen Sie also heraus und rufen «Zugabe»?

Genau, sonst käme ich ja nicht raus (lacht). Glauben Sie mir, es funktioniert. Kommen Sie im November an meine Zürcher Lesung, dann werden Sie sehen.

Ihr Protagonist Herr Lehmann hat Sie über 15 Jahre begleitet. Fehlt er Ihnen nun nach Abschluss der Trilogie?

Nein wieso, jetzt ist er ja auf der Welt. Ich kann jederzeit über ihn lesen, sollte ich das wollen.

Was mögen Sie an ihm?

Er ist ein tapferes Kerlchen, das, wenns darauf ankommt, das Richtige tut. Er mischt sich nicht in anderer Leute Leben ein. Und er stempelt niemanden ab.

Und er möchte in Ruhe gelassen werden.

Das hat er von mir. Er will nicht, dass die Leute ihm erzählen, wie er leben soll. Mit 30 könnte er weiter Bier zapfen, er könnte auch mit Heidi nach Bali fahren oder auch was ganz anderes. Er kann alles, muss aber nichts. Und das ist die beste Voraussetzung für die grössten Ideen. Irgendwie erinnert er mich gerade ein bisschen an Scarlett aus «Vom Winde verweht». Am Schluss sagt sie doch in etwa: Wir sehen morgen weiter. Und jeder weiss, da kommt noch einiges. Mit Herrn Lehmann ist es ähnlich: Noch ein Bierchen und dann schauen wir mal. Seine Zukunft ist offen – einer der zauberhaftesten Momente im Leben überhaupt.

Im eben erschienenen letzten Teil «Der kleine Bruder» haben Sie eine sehr schöne Definition von Kunst verfasst: Kunst ist, wenn einer sagt, dass es Kunst ist, und einen findet, der ihm das glaubt. Sie halten wohl nicht viel von moderner Kunst?

Völlig falsch. Es geht vielmehr um die normative Kraft des Faktischen.

Wie bitte?

Der spiessige Satz: «Das ist doch keine Kunst!» ist kein Argument mehr. Ein Beispiel? Dass eine Fettecke von Joseph Beuys Kunst ist, hinterfragt heutzutage niemand mehr. Weil Beuys sagt, dass es Kunst ist. Hätte er gesagt, da hat nur ein Hund draufgepinkelt, wäre es eben keine Kunst.

Wenn die Jungkünstler im Buch also eine Hausbesetzung simulieren, dann ist das Kunst?

Das ist dann die lustige Seite der Kunst. Bei Beuys hat ja auch mal eine Putzfrau ein Kunstwerk zerstört, weil sie es nicht als solches erkannt hat. Aber das ist doch kein Grund, Beuys oder die Putzfrau auf die Schippe zu nehmen.

Gibt es ein Schreiben nach Herrn Lehmann?

Ich habe keine Ahnung und das ist extrem angenehm.

Kein innerer Drang, weiterzuschreiben?

Nein. Ehrlich gesagt bin ich mir nicht sicher, ob ich überhaupt Schriftsteller bin. Ich würde mich eher als Romanautor bezeichnen. Ich habe dreieinhalb Bücher geschrieben und das wars. Ich schreibe keine Essays oder Kurzgeschichten, ich äussere mich nicht zu aktuellen gesellschaftspolitischen Fragen, wie man das als Schriftsteller so macht. Ich schreibe, wenn ich Lust darauf habe.

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