Mehr Berg geht nicht

Hundertfach hat der Berner Bendicht Friedli den Niesen porträtiert. Ebenso häufig ist die Rigi im Nachlass des Briten William Turner zu finden.

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Tina Uhlmann

Wie malt ein Kind einen Berg? Als gleichschenkliges Dreieck, manchmal spitzer, manchmal flacher, aber immer eindeutig erkennbar: ein Berg. So einer ist auch der Niesen, der sich bei Windstille im Thunersee spiegelt, als wollte er fragen: «Spieglein, Spieglein ... wer ist der Schönste im ganzen Land?» Der Eiger mag gefährlicher sein, doch nur im Verbund mit Mönch und Jungfrau kann er optisch punkten. Das Matterhorn ist berühmter, aber ihm fehlt die breite Basis, auf der es ruhen könnte wie ein Buddha. Andere Berge werden mit Adjektiven wie «mächtig», «bizarr» oder «stolz» beschrieben. Der Niesen braucht keinen Zusatz, er ist, was er ist: ein Berg. Mehr Berg könnte er gar nicht sein. So erstaunt es nicht, dass die Menschen, von Perfektion fasziniert, ihn bewundern.

Im Farbrausch

Auch der Arzt und Maler Bendicht Friedli (1930–2014), in Bern geboren, später in Unterseen wohnhaft, liess sich immer wieder vom Niesen inspirieren. Zahlreiche Skizzen fertigte er draussen, im Antlitz des Bergs, in kleinen Büchern an, um sie später im Atelier auf die Leinwand zu bringen. Seinen eigenen Perfektionismus und die Routine nach vielen Schaffensjahren brach er im Alter von etwa 60, indem er als Rechtshänder nur noch linkshändig malte. «Er holte sich so die lockere Kreativität der vorschulischen Kindheit zurück», schreibt der Kunstsammler Hans Suter im Booklet zur eben erschienenen Kartenbox «Der Niesen» mit 50 Niesen-Porträts aus dem Nachlass des Künstlers.

Zu jeder Tages- und Nachtzeit, zyklisch wiederkehrend mit den Jahreszeiten, präsentiert sich der Berg der Berge in Friedlis Gesamtwerk. Offensichtlich ist dem Maler das Motiv nie verleidet. Seine Niesen-Ansichten aus der immer gleichen Perspektive von jenseits des Sees wirken auf den ersten Blick plakativ, doch nebeneinander gelegt verdeutlichen sie, wie tief er sich mit dem Sujet auseinandergesetzt hat. In der gegebenen Form des Dreiecks hat er die Struktur des Gesteins immer neu gestaltet, wobei die variablen Werkstoffe (Tinte, Acrylfarbe, Öl oder Pastellkreide) und die wechselnden Untergründe (Leinwand, Papier, hinter Glas) eine wichtige Rolle spielten.

Um jedoch die Stimmung auszudrücken, die vom Berg als Teil der Landschaft ausgeht, setzte Bendicht Friedli alles auf den Trumpf Farbe. Die lila Luft ist erfüllt vom Summen der Insekten, die Felder tragen Früchte, es ist Sommer, alles leuchtet, wie Lava fliesst das Licht über die Bergflanken («Pastellniesen»). Auf einem anderen Bild steht die Luft in der olivfarbenen Hitze, der See liegt in seinem Becken wie flüssiges Blei, nur der Berg, ganz in Blau, hat sich im Innern Kühle bewahrt («Gelber Himmel»).

Im Höhenfieber

Blaue Berge scheinen eine besondere Anziehungskraft zu besitzen. Auch auf dem berühmten Rigi-Aquarell des Londoner Landschaftsmalers William Turner (1775–1851) ist der Berg blau. «The Blue Rigi, Sunrise», 1842 gemalt, ist eines der Prunkstücke in der aktuellen Ausstellung des Kunstmuseums Luzern «Turner. Das Meer und die Alpen». Im dazu erschienenen Faksimile von Turners Skizzenbuch sind weitere Rigi-Entwürfe zu sehen: «Die Rigi, roter Himmel», «Die Rigi, rosa Himmel, die Hofkirche links», «Die Rigi, Sternenlicht» und so weiter. Dass ein Maler von Weltruf den Berg so oft porträtierte, mag mit der Eigenschaft zu tun haben, die dieser mit dem Niesen teilt. Beide sind «klassische» Berge, eben wie Kinder sie zeichnen würden, wobei die Rigi kein ganz gleichschenkliges Dreieck darstellt und somit dynamischer wirkt als das symmetrische Berner Pendant. Auf der letzten von sechs Reisen in die Schweiz war es für den gealterten Engländer aber auch einfach bequem, im Hotelzimmer arbeiten zu können. Wie immer hatte er im Schwanen Luzern Quartier bezogen und das Zimmer bekommen, durch dessen Fenster er direkt auf die Rigi blicken konnte.

«Das Wetter war gut, er erlebte herrliche Gewitter in den Bergen.»Mäzen über William Turners Reise in die Schweiz, wo der Maler die Wildheit der Alpen festhalten wollte.

In jüngeren Jahren hatte der Brite in den Alpen eher die Dramatik gesucht. «Das Wetter war gut, er erlebte herrliche Gewitter in den Bergen», berichtete 1802 einer von Turners Mäzenen über dessen erste Reise in die Schweiz. In einem wahren Höhenfieber wollte der junge Turner Fels, Eis, Wind und Wetter für seine Kundschaft in London festhalten. Schon bald sorgte er dort mit Gemälden von der Schöllenenschlucht und vom Niedergang einer Lawine in Graubünden für «delightful horror», «wohligen Schauer», beim Anblick von Gefahr. Sicher hätte er gern unter freiem Himmel gemalt, Auge in Auge mit den Elementen. Doch Ende des 18. Jahrhunderts war dies nicht möglich – es gab noch keine industriell hergestellten Farben in Tuben, die man überallhin mitnehmen konnte. So blieb auch William Turner das Skizzenbuch, nach dessen Vorlage er später in seinem grossstädtischen Atelier den Schweizer Bergen malerisch Gestalt gab.

Ausstellung «Turner. Das Meer und die Alpen». Kunstmuseum Luzern, bis 31.10.2019. Kunstkartenbox «Bendicht Friedli: Der Niesen in seiner Kunst». Werd&Weber-Verlag, Thun.

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