Spätes Leuchten

Jahrzehntelang bewunderte sie Klee, nun endlich bewundert die Kunstwelt sie: Etel Adnan. Das Zentrum Paul Klee widmet der libanesischen Künstlerin, die erst spät den Durchbruch erlebte, eine überfällige Retrospektive.

<b>Farbfeldmalerei in Öl</b> in warmen Sandfarben aus dem Jahr 2010 (ohne Titel).

Farbfeldmalerei in Öl in warmen Sandfarben aus dem Jahr 2010 (ohne Titel).

(Bild: Agop Kanledjian)

Stefanie Christ@steffiinthesky

Als Anfang Jahr internationale Kunstmedien ihre Bestenlisten für 2018 publizierten, rangierte auch das Zentrum Paul Klee in den vorderen Rängen – nicht mit einer Kandinsky-, Marc- oder Klee-Retrospektive.

Die Ausstellung zur Libanesin Etel Adnan wurde heiss erwartet – jene 93-jährige Malerin, Autorin und Philosophin, die erst 2012 durch ihre Präsenz an der Weltkunstausstellung Documenta einem breiten Publikum bekannt wurde.

Seither sind ihre Werke gefragt, Adnan erfreut sich medialer Präsenz, vor allem im frankofonen und angelsächsischen Raum, und sie wird an der bis Sonntag laufenden Kunstmesse Art Basel gleich von zwei Galerien vertreten.

Nicht wenige Messegänger werden einen Abstecher nach Bern einplanen, um jene Ausstellung zu besuchen, die Adnan gegenüber der «Art News­paper» selbst als «Höhepunkt ihrer Karriere» bezeichnet.

Adnans Liebe für Klee

Doch es drängt sich die Frage auf: Was verbindet eine wichtige Vertreterin der arabischen Gegenwartskunst mit Klee? Der Schweizer Künstler war stets Inspirationsquelle für Adnan, die erst mit 34 Jahren mit ihrem künstlerischen Œuvre begann.

Zuvor setzte sie sich als Gelehrte mit Bauhauskünstlern und Suprematisten wie eben Klee, Kandinsky oder Malewitsch auseinander. Steht man vor Adnans Bildern – expressive Farbflächenmalereien – sind die Parallelen zu Klee augenfällig, dessen Werke in der Ausstellung Adnans gegenübergestellt sind.

Etel Adnan (93) in ihrem Pariser Zuhause. Foto: Fabrice Gibert

Beiden ist ein «naiver» Blick eigen, der die Bilder intuitiv und spontan erscheinen lässt, obwohl ihnen eine durchdachte Komposition zugrunde liegt. Die intensiven Farben, die Sand-, Hellblau- und Rosatöne, erinnern an Klees Werke, die auf seiner Tunisreise entstanden sind, und auch Adnan reiste nach Nordafrika, um sich auf den Spuren Klees vom gleissenden Licht anregen zu lassen.

Wie Klee, der im Zweiten Weltkrieg aus Deutschland nach Bern flüchtete, fühlt sich Adnan als Exilkünstlerin: Das Kind einer griechisch-orthodoxen Mutter und eines muslimischen Vaters wuchs in Beirut auf, nachdem die Eltern aus Izmir geflohen waren. Später studierte sie in Kalifornien und lebte viele Jahre in Sausalito – über die Golden Gate Bridge einen Katzensprung von San Francisco entfernt.

Über dem Künstlerstädtchen, in dem sich bis heute Atelier an Atelier reiht, ragt der Mount Tamalpais, den Adnan in unzähligen Variationen auf Papier gebannt hat – mal in leuchtenden Farben, mal nur mit schwarzen Umrissen. Der gleiche Berg und doch immer ein anderer.

Eine weitere Verbindung der beiden Künstler ist das Kombinieren von Bild- und Textelementen – wobei die beiden Teile bei Adnan stets etwas isoliert wirken. Die Dritttexte, beispielsweise ein Gedicht über die Ermordung Kennedys, bilden die narrative Ebene von Adnans meist titellosen Kompositionen.

Verspielte Wandteppiche

Adnans ganz eigene Handschrift tragen die Leporellos, auffaltbare Bücher, die sie mit Bildern und Gedichten füllt. Oder in der sie den Takt einer Stadt wie New York auf assoziativen Notenlinien visualisiert. Zu ihren charakteristischsten Werken gehören auch Tapisserien.

Die wild arrangierten Farbflächen sehen aus wie mit dem Leuchtstift auf den Stoff übertragen. Tatsächlich bilden Filzstiftzeichnungen die Grundlage der Wandbehänge. Es handelt sich um ein Medium, das eine grosse Tradition hat in der arabischen Kultur – und auch in Adnans Geschichte: «Es gab in Beirut kein Kunstmuseum, und bei uns zu Hause hingen keine Bilder. Wir hatten Teppiche, und das ästhetische Vergnügen ging von ihnen aus», sagt sie.

«Wendell Berry»: Ein früher Leporello Etel Adnans aus dem Jahr 1963. Foto: Volker Renner

Darüber, wie ihre multikulturelle Herkunft die Kunst geprägt hat, spricht Adnan mit heiserer und doch bestimmter Stimme in einem Film. Die Ausstellung, die ihr so viel bedeutet, kann die Künstlerin, die seit langem in Paris lebt, aus gesundheitlichen Gründen nicht persönlich besuchen. Für die Vernissage wurde sie darum per Skype zugeschaltet.

Später Ruhm

Die vom französischen Kurator Sébastien Delot und von der ZPK-Chefkuratorin Fabienne Eggelhöfer ausgerichtete Ausstellung ist Teil eines Museumsprogramms, das die Handschrift der Direktorin Nina Zimmer trägt – und in dem weibliche Positionen mehr Beachtung erhalten. Für Etel Adnan kommt der Ruhm spät, doch wie sagt sie selbst? «Ich mag mein Alter nicht zum Thema machen. Viele Künstlerinnen wurden erst spät entdeckt.»

Ausstellung: bis zum 7. Oktober, Zentrum Paul Klee, Bern.

Berner Zeitung

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