Vom heissen Boudoir ins kalte Sibirien

Das Kunsthaus Interlaken würdigt mit «Reise nach Sibirien» die in Bern geborene Manon.

Rollenspiele: Eine von Manon dargestellte Figur aus der Serie «Einst war sie Miss Rimini» von 2003.

Rollenspiele: Eine von Manon dargestellte Figur aus der Serie «Einst war sie Miss Rimini» von 2003.

(Bild: zvg)

Helen Lagger@FuxHelen

Manon steht für Glamour und Hyperfeminität. Ihre Installation «Das lachsfarbene Boudoir» von 1974 schrieb Kunstgeschichte. Als Selbstdarstellung in räumlicher Form bezeichnete die Künstlerin ihre begehbare «Höhle», die vor Erotik und Sinnlichkeit geradezu strotzte.

Muscheln, Liebesbriefe, Fetischobjekte, Spiegel und Puderquasten erzählten im Boudoir Geschichten von einer geheimnisvoll abwesend bleibenden Frau. Nun liefert Manon vierzig Jahre später so etwas wie das Gegenstück zu dieser legendären Arbeit. Im Kunsthaus Interlaken präsentiert sie die speziell für die Institution geschaffene Installation «Reise nach Sibirien».

Warten auf den Tod

Frieren garantiert: Der Besucher betritt einen heruntergekühlten mit weissen Kacheln ausgestatteten Saal, in dem lediglich ein paar Stühle stehen. Alle zehn Sekunden ertönt eine Zeitangabe. Unbehagen stellt sich ein. Worauf wird hier gewartet? «Wir sitzen alle in einem Wartsaal zum Tod», sagt Manon, deren Werk sich von jeher um die Vergänglichkeit alles Irdischen dreht. Nach Sibirien sei sie lediglich in ihrer Fantasie gereist. «Ich stelle es mir kalt und leer dort vor.»

Manon wurde 1946 als Rosmarie Küng in Bern geboren. Sie ist die Tochter eines Ökonomieprofessors und eines Mannequins. Nach einem Aufenthalt in der Psychiatrie und dem Besuch der Kunstgewerbeschule in Sankt Gallen gelang ihr in den späten Siebzigerjahren von Zürich und Paris aus der künstlerische Durchbruch. Heinz Häsler, künstlerischer Leiter am Kunsthaus Interlaken, würdigt mit der Ausstellung «Manon» eine Pionierin der Performance- und Installationskunst.

Neu inszeniert werden etwa sechs schwarzweisse Fotografien aus der Serie «Elektrokardiogramm» von 1978/1979. Sie zeigen die Künstlerin in verschiedenen Rollen: mal nackt und verführerisch, mal als Macho im weissen Unterhemd posierend, sich selbst inszenierend. «Wenn ich zwischen Legende und Realität wählen könnte, ich wählte die Legende», hat sie einst gesagt.

Manon erzählt Geschichten, die der Betrachter selbst zu Ende spinnen kann. «Erklärungen mag ich nicht», sagt sie dazu. Für die Serie «Einst war sie Miss Rimini» (2003) hat sie die unterschiedlichsten Kunstfiguren entworfen und selbst dargestellt. Eine vom Krebs gezeichnete Frau ist ebenso dabei wie eine exzentrische Diva im Leoparden-Look. Ein gekonntes Spiel mit Identitäten, hinter denen Manon selbst verschwindet.

Berner Zeitung

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