Leichter Stift, schwerer Beton: Gustav Peichl ist tot

Der Österreicher war als Karikaturist und Architekt ein Meister in zwei gegensätzlichen Disziplinen.

Markenzeichen des Österreichers war seine runde Brille: Gustav Peichl (1928–2019). Foto: Keystone

Markenzeichen des Österreichers war seine runde Brille: Gustav Peichl (1928–2019). Foto: Keystone

Martin Ebel@tagesanzeiger

Bauen mit Beton und Zeichnen mit etwas zittrigem Stift: Diese beiden sehr unterschiedlichen Disziplinen vereinte der Österreicher Gustav Peichl, der am Sonntag in Wien 91-jährig gestorben ist. Das Zeichnen betrieb er ursprünglich, um sich sein Architekturstudium zu verdienen, 1954 erschien die erste Karikatur in der Wiener Tageszeitung «Die Presse», es folgten andere Blätter des Landes und vor allem ab 1964 die «Süddeutsche Zeitung». Sein Künstlername war Ironimus.

Es blieb für ihn immer eine Nebenbeschäftigung, auch wenn am Ende seines Lebens sicher mehr als 12'000 Karikaturen zusammengekommen sind, die in rund 30 Büchern gesammelt wurden. Allein 11 österreichische Bundeskanzler hat er gezeichnet. Unter Politikern war der Spruch im Umlauf: «Es ist schlimm, von Ironimus karikiert zu werden, aber es nicht zu werden, ist noch schlimmer.» Im Olaf-Gulbransson-Museum im bayerischen Tegernsee ist noch bis Januar 2020 eine Ausstellung mit Peichl-Zeichnungen zu sehen.

Immer wieder widmete er sich neben der Politik auch Alltagsszenen aus dem Grossstadt-Alltag, geprägt von einer «bittersüssen Vergeblichkeit», wie die «Süddeutsche Zeitung» schrieb. Manchmal ironisierte er auch sein Hauptgeschäft, die moderne Architektur, mit der mancher Zeitgenosse nicht immer glücklich war.

Als Zeichner war Peichl einem Millionenpublikum vertraut, nicht zuletzt durch TV-Sendungen wie «Die Karikatur der Woche». Dem Planen und Bauen aber widmete er immer den grössten Teil seiner Arbeitskraft, ab 1955 mit einem eigenen Büro. Von 1973 bis 1996 leitete er eine Meisterklasse an der Wiener Akademie der bildenden Künste. Jeweils zweimal stellte er auf der Documenta in Kassel und an der Biennale in Venedig aus.

Einer der bekanntesten Bauten Peichls: Die Bundeskunsthalle in Bonn mit den markanten Dachkegeln. Foto: Tania Beilfuss (Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH)

Peichl war geprägt von der Klassischen Moderne und strebte, auch wenn er mit Nacktbeton arbeitete, den Eindruck von Leichtigkeit an. Er baute für den ORF sieben Landesstudios. Seine Erdfunkstelle in Aflenz (Steiermark 1976–79) gilt als Vorwegnahme «grüner» Architektur. Zu seinen bekanntesten Bauten gehören weiter die Kammerspiele in München und die Bundeskunsthalle in Bonn mit den weithin sichtbaren Kegeln auf dem Dach. In Krems baute er ein Karikaturenmuseum, in dem es ein eigenes, ihm gewidmetes Ironimus-Zimmer gibt. Dort fanden seine beiden Aktivitäten zusammen.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt