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Abheben mit dem Sonnengott

Zuerst nervt sie, dann lässt sie aufhorchen, und gegen Schluss beginnt sie gar zu gefallen: «Sunne», die neue CD des tragikomischen Kutti MC.

Er sei eben auch ein Rapper, bemerken die Dichter in ihren Zirkeln und loben seine rhythmische Sprache. Er sei halt eher ein Dichter, meinen die Rapper und zählen ihn nicht zur Gang. Ihm selbst ist das egal. «Das hie längt mir nid, isch eifach z’chly, z’wenig für mi», stellt er im Track «Geister» fest. Kein Wunder: Wer seinen neuen Texten lauscht, erfährt, dass Kutti MC sich für den Zeitgeist höchstselbst hält, für den Sonnengott, den Zugvogel an der Spitze des Poetenschwarms, das Geschoss kurz vor dem Einschlagen in die Stirn des Tankwarts – etwas Fliegendes jedenfalls. Etwas, das die Schwerkraft überwindet mit einem Willen, so straff wie das Gummiseil beim Bungeejumping. Und mit Worten, vielen, vielen Worten, die jeglicher Aerodynamik spotten.

Der Berner Wörterverwerter, der wie die meisten seiner Mitberner an chronischem Fernweh leidet, hebt in Wirklichkeit nur wenige Zentimeter ab. Zum Glück hat er seine eskapistische CD «Sunne» mit einem entschlossenen Schuss Selbstironie («Päng!») geniessbar gemacht.

Es ist keine Hip-Hop-Scherbe und kein Hörbuch, es ist eine philosophische Nabelschau in 14 Tracks – mit Musik unterlegt, die auf die Texte zugeschnitten ist. Das Berliner One Shot Orchestra setzt Pauken und Posaunen ein, Geige, Bratsche und Cello, Schlagzeug und Beatmaschinen. Es liefert lüpfiges Liedgut, rockige Rhythmik und schwer fliessende Grooves, die Sätze schleifen wie diesen:

«Oh, du organisiersch Ungerwasserusstellige, aber dini Usenandersetzig mit Kunst blybt u trybt ar Oberfläche wien’e Wasserlyche yeah!»

Akrobatische Nabelschau

Dieser «Wannabe-It-Girl-Boogie» ist eines der wenigen Stücke, in denen sich Kutti MC mit jemand anderem als sich selbst beschäftigt. Verständlich: Die eigene Verzweiflung ist immer interessanter. «I hänke e Boum amene Strick uf, mit mire Pulsadere wetzi äs Mässer stumpf.» Ist diese begriffliche Verkehrung schon eine poetische Leistung? Antwort: nein. Kleiner Trost: Jeder Akrobat, auch der Wortakrobat, greift zwischendurch ins Leere. Dafür gibt es Auffangnetze.

Kutti MC stürzt nicht ab. Im Gegenteil: Während in den ersten Stücken der neuen CD sein monotoner, jede Silbe betonender Sprechgesang nervt, beginnt er schon mit «100000 Ballön» abzuheben und steigert sich bis zum Schluss. Mit «I & mi Compi», «Hallo» oder «König für immer» ist er auf der Höhe seines Könnens. Er rappt, dass einem die Glieder zucken, ruft in die existenzielle Leere, die wir alle kennen, singt, bis die Tränen hochsteigen. Das Abheben und Fortfliegen ist ein zentrales Motiv bei Kutti MC, vom vergriffenen Debüt «Jugend&Kultur» (2005) über die hochgelobte CD «Dark Angel» (2006) bis zur vorliegenden «Sunne».

Flucht und Suche zugleich

Dieses Fortfliegen ist Flucht und hungrige Suche zugleich, drückt Lebensmüdigkeit ebenso aus wie die Sucht nach Leben, wirklichem Leben – was immer das ist. Antworten liefert Kutti MC nicht. Aber neben selbst gestalteten Fanshirts, CDs und preisgekrönten Lyrikbändchen bietet er auch persönliche Hilfe an: «Chumm bsuech e Poesie-Workshop bi mir, när schrieb dim Boy es paar Gedichtli, wüll o du hesch e chlyne Jürg Halter i dir!» Witzig: In dem Moment, in dem sich der Mann als Dichter outet, blitzt das übersteigerte Selbstwertgefühl auf, das ihm als Rapper fehlt – und das ihn antreibt. >

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