Das Pärchen-Orchester

In wohl keinem anderen Orchester gibt es mehr Paare als im Berner Symphonieorchester. Sebastian und Monika Schindler sind eins davon. Sie erzählen, wie es ist, im selben Orchester zu spielen, und warum es gerade im BSO so viele Liebespaare gibt.

Am Ende posieren doch noch alle zufrieden: Sebastian, Lasse, Luis und Monika Schindler.

Am Ende posieren doch noch alle zufrieden: Sebastian, Lasse, Luis und Monika Schindler.

(Bild: Raphael Moser)

Marina Bolzli@Zimlisberg

Lasse widmet sich den Cranberrys, und Luis weint. Sebastian und Monika Schindler sitzen auf der Treppe des Berner Stadttheaters und versuchen, Ruhe zu bewahren. Sie hält ihr Fagott in den Händen, er sein Horn.

Das kann der zwanzig Monate alte Luis nicht verstehen, er möchte in ihre Arme – und der vierjährige Lasse hat jetzt auch keine Geduld mehr: Er will in den Bärenpark. Doch erst müssen die Eltern den Fototermin hinter sich bringen. Sebastian und Monika Schindler sitzen hier, weil sie gemeinsam im Berner Symphonieorchester spielen und ein Paar sind.

Nicht das einzige. «Circa dreizehn Paare» gibt es im BSO, sagt Medienverantwortliche Isabelle Jakob. Und worauf bezieht sich das «circa»? Jakob lacht. «Von so vielen weiss man es offiziell, inoffiziell sind es möglicherweise noch mehr.» Mehr als ein Viertel der Mitwirkenden im knapp 100-köpfigen BSO ist also mit jemandem aus dem Orchester liiert. Das ist Rekord. «In Europa gibt es sicher kein anderes Orchester, das aus so vielen Paaren besteht», sagt Sebastian Schindler. «In den zwölf Jahren, seit ich in Bern bin, sind es immer mehr geworden.»

«Wir haben ein Haus in Berngekauft. Die nächsten dreissig Jahre verbringen wirsicher hier.»Monika Schindler Fagottistin

Und viele hätten sich schon vorher gekannt – auch das sei speziell. Denn ein Musiker oder eine Musikerin kann nicht einfach wählen, wo er oder sie arbeiten will. Die raren Stellen werden mittels Vorspielen vergeben. Gespielt wird hinter einem Vorhang, Beziehungen zählen da nicht. Und die Konkurrenz ist hart, sie ist international.

Auch Monika und Sebastian Schindler haben ihre Stellen in Bern anonym hinter dem Vorhang erspielt. Monika Schindler gewann das Solofagottvorspiel vor dreizehn Jahren. Sie war damals schon mit Sebastian zusammen, die beiden hatten sich in der Jungen Deutschen Philharmonie kennen gelernt, nicht beim Spielen, sondern an einer Party danach. «Als ich in meinem ersten Jahr in Bern im Orchesterbüro vorbeiging, sah ich, dass eine Stelle für hohes Horn ausgeschrieben war», sagt Monika. Sebastian spielte vor – und war ein Jahr später auch im Orchester.

Pragmatischer Entscheid

Die 37-jährige Monika Schindler kommt aus der Region Bodensee, der 38-jährige Sebastian Schindler aus dem Schwarzwald. Ihr Mittelpunkt ist jetzt aber Bern. «Wir haben auch ein Haus gekauft», sagen sie, «die nächsten dreissig Jahre verbringen wir sicher hier.» Das ist pragmatisch: Denn dass irgendwo in einem anderen Orchester gleichzeitig ihre beiden Stellen frei würden und sie auch noch beide gewinnen würden, scheint eher unrealistisch.

Und hier ist ihnen wohl. «Ich habe meine Ausbildung in Basel gemacht, schon damals dachte ich, dass ich gerne in der Schweiz arbeiten würde», sagt Sebastian Schindler. Ihre Söhne sind in Bern zur Welt gekommen, ihre Nachbarn in Hinterkappelen sind ihre Freunde geworden, und die Dienste im Orchester versuchen sie so gut wie möglich aneinander vorbeizubringen.

Das ist streng und erforderte viel Planung. Monika arbeitet 100 Prozent, Sebastian 75 Prozent, er hat daneben aber noch kleinere Musikprojekte und unterrichtet. Die Arbeitspläne sind sehr unregelmässig, häufig arbeiten die beiden abends und am Wochenende. Dann müssen Babysitter oder die Tagesmutter einspringen. Denn ihre Familien leben weit weg.

In Bern kann man mitreden

Und gleichzeitig ist ihre Situation auch ein grosses Privileg. Immerhin arbeiten sie in derselben Stadt. «Ein Kollege von uns ist auch mit einer Musikerin zusammen, lange hatten sie eine Fernbeziehung, jetzt hat sie auch eine Stelle in der Schweiz gewonnen», sagt Sebastian Schindler.

Die meisten Paare im Orchester sind international, stammen aus Russland, Kasachstan oder China. Was sie mit Bern verbindet, ist der gemeinsame Arbeitgeber. Und hier liegt wohl auch die Erklärung, warum es im BSO so viele Paare gibt: Für ein Paar ist es eigentlich gar nicht mehr möglich, eine neue Stelle zu suchen.

«Und wir haben es auch sehr gut im Orchester», sagt Monika Schindler, «man setzt sich anders ein, wenn man weiss, dass man da bleiben wird.» «Und in Bern gibt es auch viele Gremien, wo man mitreden kann, etwa bei der Dirigentenwahl», fügt Sebastian an.

Lasse hat mittlerweile fast alle Cranberrys gegessen, Luis hat aufgehört zu weinen, er sitzt jetzt auf dem Schoss der Mutter. Gerade haben beide Eltern frei, bevor sie heute und morgen die letzten Konzerte der Saison spielen werden – mit Monika als Solistin in Mozarts Sinfonia concertante Es-Dur.

Konzert BSO: Do, 20., und Fr, 21. Juni, je 19.30 Uhr, Kursaal Bern.

Berner Zeitung

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