Zum Hauptinhalt springen

Der Musikprophet

Es dauerte über 40 Jahre, bis seine Lieder Gehör fanden: Der Musiker Beverly Glenn-Copeland (74) erlebt gerade ein höchst verdientes Revival. Am Samstag spielt er beim Festival Saint Ghetto in Bern.

Plötzlich wurden seine Musik zur begehrten Rarität: Beverly Glenn-Copeland.
Plötzlich wurden seine Musik zur begehrten Rarität: Beverly Glenn-Copeland.
pd/Maria Jose Govea

Manchmal kommt die richtige Musik zur falschen Zeit. Als der amerikanisch-kanadische Musiker Beverly Glenn-Copeland 1970 sein selbstbetiteltes «psychedelisches Folkalbum» veröffentlichte, fanden seine Lieder kein Echo. Nur wenige hundert Mal wurde die Platte damals verkauft.

Auch das zweite Album «Keyboard Fantasies» von 1986, das mit Synthesizer und Drumcomputer noch experimenteller daherkommt, interessierte erstmal niemanden. Heute sind beide Werke begehrte Raritäten – kürzlich bezahlte ein Fan 2000 Dollar für ein Originalxemplar. Nun wurden beide Alben noch einmal veröffentlicht. Und diesmal bekommt Glenn-Copeland die Aufmerksamkeit, die er schon vor 48 Jahren verdient gehabt hätte.

Fast Mystisch

Alle Lieder von Beverly Glenn-Copeland haben etwas Sphärisches, erinnern in ihrer Emotionalität an Joni Mitchell, in ihrer Dringlichkeit an Kate Bush. Die Texte drehen sich um persönliche Sehnsüchte, um inneren Wandel und Spiritualität. Jazz, Klassik, Folk, Theatralik – da ist alles drin. Diese Musik ist mal eingängig, mal experimentell, mal verschroben. Zugänglichkeit schafft der Gesang, der einen wärmt wie ein weicher Schal. Überhaupt, diese Stimme: In ihr liegt etwas Mystisches.

Der klassisch ausgebildete Sänger singt mit einer betörende Klarheit, gepaart mit einer Traurigkeit, die es einem schwer macht, wegzuhören. Sein Gesang hat etwas Referierendes, Durchdringendes und gleichzeitig ist da viel Weiches, Weibliches. Der Transgender-Mann Beverly Glenn-Copeland wurde 1944 als Frau geboren. Schon im Alter von drei Jahren sagte das Mädchen zu seiner Mutter, dass es ein Junge sei. Mit der Besonderheit ihres Kindes waren Beverlys Eltern, beide fortschrittlich, hochmusikalisch und gebildet, überfordert. Glenn-Copeland wuchs in Amerika in einer Zeit auf, in der Menschen, die nicht der Norm entsprachen, geächtet wurden. Homo- und Transsexualität waren verboten und galten als Krankheit.

So brachten Glenn-Copelands Eltern ihre Tochter, die lieber ein Sohn gewesen wäre, in eine Klinik, wo er offenbar mit Elektroschocktherapie geheilt werden sollte. Damals war er zwanzig Jahre alt. Als Glenn-Copeland realisierte, weshalb er im Krankenhaus war, konnte er gerade noch rechtzeitig die Flucht ergreifen.

Fast vergessen

In den folgenden Jahren bestritt der Musiker seinen Lebensunterhalt vor allem als Komponist und Schauspieler in Kindersendungen: Er spielte eine Nebenrolle in der kanadischen Kinderfernsehsendung «Mr. Dressup» und komponierte Lieder für die Sesamstrasse. Daneben schrieb er Filmmusik und drei Musicals für Kinder. Und er schuf weiter seine Songs, die er im eigenen Homestudio aufnahm.

Viele Jahre gab Beverly Glenn-Copeland kaum Konzerte, und geriet – obwohl er noch mehrere Alben veröffentlichte – als Künstler praktisch in Vergessenheit. Bis ein japanischer Plattensammler vor wenigen Jahren auf den Sänger und Multiinstrumentalisten aufmerksam wurde und seine Musik erneut in Umlauf brachte. Und plötzlich schien die Zeit gekommen für Glenn-Copeland. «Ich machte Musik für eine Generation, die noch nicht geboren wurde», sagte der Musiker und Buddhist kürzlich in einem Interview. Mit einem fünfköpfigen Ensemble kommt Beverly Glenn-Copeland nun für ein paar wenige Konzerte nach Europa, um mit alten und neuen Liedern seine Geschichte zu erzählen. Eine richtige Geschichte, zur richtigen Zeit.

Konzert: Samstag, 17.11., 21.15 Uhr, Dampfzentrale, Bern.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch