Zum Hauptinhalt springen

Der stille Schaf(f)er in seiner Ideenküche

Am Freitag erscheint das neue Opus «Böses Alter» von Stiller Has: grantig, bluesig, schnörkellos. Auch diesmal kam «Musical Director» Schifer Schafer im Studio an den Punkt, an dem er dachte: Jetzt reichts!

«Hier entstehen die meisten Songs»: René «Schifer» Schafer in seiner Küche, mit einer Gitarre von 1870, die er sich im Brockenhaus gekauft hat.
«Hier entstehen die meisten Songs»: René «Schifer» Schafer in seiner Küche, mit einer Gitarre von 1870, die er sich im Brockenhaus gekauft hat.
Urs Baumann

Für seine erste Gitarre jätete er 80 Stunden lang Unkraut. Als er drei Lieder beherrschte, gab er sein erstes Konzert. René «Schifer» Schafer war Mitglied bei Rumpelstilz und tourte mit Hank Shizzoe durch Europa und Amerika. Für Endo Anaconda ist er «das unverzichtbare linke Ohr des Hasen». Der Gitarrist ist bei Stiller Has seit Jahren für die Musik verantwortlich: Er schreibt Songs, arrangiert und mischt sie. Nur wissen viele das alles gar nicht. Weil Schifer ein stiller Schaffer ist, der ebenso gern im Hintergrund tüftelt wie auf der Bühne steht.

In seiner Berner Altbauwohnung riecht es an diesem Vormittag nach Blumen, Zigaretten und Gipfeli. Der 60-Jährige wohnt hier mit seiner Frau und zwei Katzen. Im Parterre, damit er niemanden stört, wenn er mitten in der Nacht spielt und mit dem Fuss den Takt angibt. Schafer spricht langsam, erzählt gerne, aber mit Bedacht und gerät bei Edith Piaf ebenso ins Schwärmen wie bei Jimi Hendrix und Johann Sebastian Bach.

Schifer Schafer, wie geht es dem «linken Ohr des Hasen» kurz vor Release des neuen Albums? René «Schifer» Schafer: Es ist eine Zerreissprobe, eine Art Nullpunkt. Die Songs sind im Kasten, die CDs gebrannt, nur das Echo lässt noch auf sich warten. Ich hirne den Liedern immer noch eine Weile nach und grüble, ob man noch etwas hätte besser machen können. Aber fragen Sie mich jetzt bitte nicht, ob ich das neue Album gut oder schlecht finde, das kann ich frühestens in ein paar Jahren sagen (lacht).

Wie gewinnen Sie nach den Aufnahmen wieder Distanz zu den Songs? Ich lasse sie oft im Arbeitszimmer laufen und sitze dabei in der Küche, um sie von weitem zu hören. Und ich lege bewusste Hörpausen ein. Während des Mischvorgangs nehme ich irgendwann nur noch Einzelteile wahr. Plötzlich ist es ein Riesenthema, ob diese eine Rassel nun zu laut ist oder nicht. Irgendwann merke ich dann, dass das völlig nebensächlich ist.

Wer hat in Diskussionen die Hasennase vorne? Diesmal war es ein Triumvirat aus dem Tontechniker Oli Bösch, Endo Anaconda und mir. Endo und ich haben einmal abgemacht, dass jeder ein Vetorecht hat. Und davon wird auch Gebrauch gemacht. Mal will ich ein bestimmtes Tempo, und Endo wehrt sich, er könne nicht so schnell singen. Aber meistens finden wir einen Kompromiss. (Die beiden Katzen spazieren ins Wohnzimmer und schleichen um den Tisch.)

Sie und Endo Anaconda sind ja sehr unterschiedliche Typen, vorsichtig ausgedrückt... Wir sind gegensätzlich. Bei Endo muss immer alles schnell gehen, und ich bin langsam. Er kann aufbrausend sein, ich bin meistens ausgeglichen, aber nicht weniger hartnäckig. Ich feile gern und bin jeweils lange nicht zufrieden, Endo hält sich nicht gern mit Details auf. Natürlich gibt es da Diskussionen, manchmal heftige. Und bei jedem neuen Has-Album komme ich an den Punkt, an dem ich denke: Jetzt reichts, als Nächstes mache ich ein Soloalbum. Dann bestimme nur ich und sonst niemand.

Was stimmt Sie jeweils wieder milde? Unsere Gegensätzlichkeit gibt dem Projekt Stiller Has die Würze. Gerade durch Reibungen entsteht Spannendes. Viele Gitarristen machen Soloalben und sind dann plötzlich schlechter als vorher. Daniel Lanois zum Beispiel war Gitarrist bei Dylan. Die beiden stritten oft, Lanois war aber nie mehr so gut wie damals. Auch Lennon und McCartney waren so ein Gespann. Keiner war solo je wieder so gut, wie sie es zusammen waren. (Eine der beiden Katzen springt auf den Tisch.) Hoppla, jetzt auch noch auf den Tisch.

Wo entstehen die Has-Songs? Meistens beginnt alles hier, an meinem Küchentisch, zusammen mit Endo. Ich nehme meine Ideen immer mit Kassetten auf, um sie nicht zu vergessen. Aus dem Stoss an Kassetten wähle ich jene Fragmente aus, die ich Endo zeigen will, und brenne sie auf CD. Er braucht immer zuerst Musik als Inspiration, erst dann kann er schreiben. Seine Textvorschläge geben wiederum der Musik neue Impulse. Den Rest machen wir gemeinsam. Sie sind nicht etwa allergisch auf Katzenhaare?

Nein, kein Problem. Welcher Song hat eine solche Veränderung durchgemacht? «Chätschgummi». Ich wollte, dass er zuerst laut beginnt. Die Melodie, die ein bisschen klingt wie Rosen, die gestreut werden, bestand bereits. Als wir dann mit den Proben anfingen, haben wir die Lautstärke umgekehrt. Jetzt beginnt der Song leise, nur mit Gitarre. Das passt besser zum Text: Es wird laut, sobald das Liebeslied ins Dramatische kippt. Wenn Endo davon singt, dass er ins Heim nach Klagenfurt musste.

Werden sich die neuen Songs in der Liveversion noch verändern? Wir wollten die Songs schon auf dem Album live klingen lassen. Man hört nirgends 27 Gitarren und live dann nur eine. Wir haben die Songs auch so aufgenommen, dass wir Gesang, Schlagzeug, Bass und Gitarre zusammen eingespielt haben...

... um aus der Not eine Tugend zu machen? Natürlich hat das auch Budgetgründe. Wenn man Mundartmusik macht, hat man vier Millionen Deutschschweizer als mögliches Publikum, plus ein paar Deutsche und Österreicher. Trotzdem steht man in voller Konkurrenz zum internationalen Markt, weil das Publikum ja aus dem ganzen Topf auswählt.

Apropos freier Markt: Heidi Happy durfte kürzlich nicht in die USA einreisen und musste ihre geplante Tour absagen. Ist Ihnen so was auch schon mal passiert? (schmunzelt) Nun ja, ich bin vor Jahren mal mit Hank Shizzoe einen Monat lang durch Amerika getourt – illegal. Alle hatten gesagt, dass man es auf dem offiziellen Weg vergessen kann. Bis man die Bewilligungen bekommt, kann das Jahre dauern. Also haben wir einen fingierten Vertrag vorgelegt, dass wir für Plattenaufnahmen einreisen wollten. So kamen wir rein. Das im Vertrag erwähnte Studio haben wir nie betreten.

Warum sind Sie eigentlich Gitarrist geworden? Zuerst wollte ich Schlagzeuger werden, weil ich als Kind mal eine Familienkapelle gehört habe, deren Schlagzeuger mich so beeindruckt hat, dass ich danach im Keller auf Kübeln rumgehämmert habe. Ich hatte einen Wochenplatz bei einem Gärtner, für einen Franken pro Stunde. Für ein Schlagzeug hätte ich 900 Stunden jäten und eintopfen müssen. Deshalb habe ich mir dann eine gebrauchte Gitarre gekauft. Das waren nur 80 Stunden.

Zurück zu «Böses Alter»: Das neue Album wirkt wie eine musikalische Auseinandersetzung mit dem Älterwerden. Das hat sich von Song zu Song herauskristallisiert, geplant war es nicht. Wir werden halt alle langsam alt. Ich bin kürzlich 60 geworden, als Erster in unserer Kapelle. Mit 40 kann man sich noch vormachen, im besten Alter zu sein, aber mit 60 ist man definitiv nicht mehr jung. Dann muss man sich genau überlegen, was man in diesem Leben noch anstellen möchte.

Endo Anaconda ist die prägende Figur und das Aushängeschild der Band. Stört Sie das manchmal? Es kann schon verletzend sein, wenn man als Musiker nicht wahrgenommen wird. Das ist mir schon mal passiert, dass Leute denken, Endo komponiere alle Songs selber. Es kann aber auch ein Schutz sein. Er fühlt sich als bunter Hund und kann nirgends hin, ohne dass man ihn erkennt. Ich hingegen kann diskret in die Stadt gehen. Manchmal tuscheln die Leute, aber es ist selten, dass mich jemand anspricht.

Geniessen Sie es eigentlich, auf der Bühne zu stehen? Ich bin immer noch nervös, aber das hat sich mit den Jahren ein bisschen gelegt. Extremes Lampenfieber hat wohl immer auch damit zu tun, dass man auf der Bühne etwas darstellen sollte, was man nicht ist. Ich fühle mich wohl in meiner Rolle innerhalb der Band. Auch auf der Bühne geniesse ich es, als Sideman zu agieren. Aber es ist nicht so, wie manche denken, dass ich so wahnsinnig schüchtern bin.

Haben Sie als Band ein Ritual vor dem Konzert? Wir schütteln uns gegenseitig die Hände und wünschen einander einen guten Flug.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch