Der Tabubruch

Das ultrakonservative Country-Genre hat schwarze Wurzeln. Nun stürmen Afroamerikaner wie Kane Brown und Jimmie Allen die Country-Charts.

Kane Brown, Country-Star, verkörpert das Selbstbewusstsein einer neuen Generation schwarzer Sänger.

Kane Brown, Country-Star, verkörpert das Selbstbewusstsein einer neuen Generation schwarzer Sänger.

(Bild: Keystone)

Country galt einmal als so schneeflockenblütenweiss wie ein Winter im Kinderbuch. Wer ein Amerika suchte, in dem kaukasisch aussehende Männer so langbärtige wie vorhersehbare Stammtischgespräche über Bier, Pick-up-Trucks und untreue Hausfrauen führten, konnte sich auf die Country-Charts verlassen. Ebenso wie auf eine scheinbar gottgegebene Ordnung: weisse Jungs mit Stetson und Gitarre besangen Farmertöchter, ihre schwarzen Zeitgenossen mit den Baseball-Käppi dagegen ihre Hip-Hop-Hood. Diese Zeit könnte vorbei sein. Spätestens seit November letzten Jahres, als ein historischer Moment gleich zwei afroamerikanische Stars an die Spitze der Country-Charts spülte.

Das hatte das Genre noch nie erlebt: Jimmie Allen, ein 32-jähriger Sänger und Songwriter, schiesst mit seiner Debütsingle «Best Shot» an die Spitze der Country-Charts – als erster schwarzer Musiker überhaupt. Gleichzeitig erreicht Kane Brown, ein einstiger Youtube-Cover-Star, mit seinem zweiten Album «Experiment» sowohl in den Billboard-Pop- als auch Country-Charts den ersten Platz. Was sagt das über ein eher rückwärtsgewandtes Genre aus, das immer noch die amerikanische Radiolandschaft dominiert?

«Wie ein Weisser, der in eine schwarze Kirche geht»

Gehen wir vier Jahrzehnte zurück, in den März 1979: James Browns erster und letzter Auftritt auf der Bühne des Grand Ole Opry House in Nashville, dem Countryheiligtum schlechthin. Countrylegende Porter Wagoner hatte ihn eingeladen. Immerhin war Brown, wie so viele Soul-Stars seiner Zeit, mit Country aufgewachsen und hatte Coverversionen von Hank-Williams-Klassikern eingespielt. Viele der Stammgäste aber empörten sich über die «Entweihung» ihres Tempels. Als James Brown ein Medley aus Countrynummern mit seinem Funk-Hit «I Feel Good» beschloss, begegnete ihm eisige Stille.

Wie es ihm gefallen habe, wollte ein Reporter anschliessend wissen. «Ich fühlte mich so geehrt», konterte Brown, «wie ein weisser Mann, der in eine schwarze Kirche geht und hundert Dollar in die Kollekte legt.» Vierzig Jahre später scheint Browns milde Gabe auch in Nashville Früchte zu tragen. Längst hat Country – zum Bedauern so mancher Traditionshüter – Einflüsse von Hip-Hop und Dance adaptiert. Zum anderen scheint die Rassenschranke nicht mehr so dicht zu halten wie zu der Zeit, als schwarzer Country für die meisten mit dem Namen Charley Pride abgehakt war. Dessen Plattenfirma zog es Ende der Sechzigerjahre vor, keine Promo-Fotos von Pride an die Radiosender zu verschicken.

Jimmie Allen landete mit seinem Lied «Best einen Spitzenreiter in den Country-Charts. Quelle: Youtube

Heute ist das anders. «Ich möchte», sagt Jimmie Allen, «den jungen Menschen von heute ein Vorbild sein: der Beweis, dass du es mit einem schwarzen Gesicht schaffen kannst.» Sein Erfolg fiel dem Jungen aus einer Kleinstadt in Delaware jedenfalls nicht in den Schoss. Sein Vater, ein Hilfsarbeiter, erzählt Allen, hörte den ganzen Tag Country: «Warum sollte ich mir da ein anderes Genre suchen?»

Allen machte sich 2007 als 21-Jähriger auf den Weg nach Nashville, aber anfangs wollte kein Verlag und kein Label dem Afroamerikaner von der Ostküste eine Chance geben. Hätte der nicht als R-'n'-B-Sänger bessere Chancen? Allen schlief vier Monate lang in seinem Auto, verdingte sich als Kellner, Hausmeister und Fitnesstrainer. Wenn er sagt, «sie hatten einfach keine Erfahrung mit Typen, die so aussehen wie ich», dann schwingt keine Verbitterung mit. Sondern der Wille, durch blosse musikalische Qualität zu überzeugen. Und an eine vergessene Geschichte zu erinnern: «Country wurzelt zum Grossteil in schwarzer Musik.»

Nicht nur stammt das Banjo ursprünglich aus Westafrika. Frühe Countrysänger wie Hank Williams, Jimmie Rodgers und Bill Monroe hatten ihr Handwerk bei schwarzen Bluesmännern gelernt, viele Evergreens der Carter Family hatte Country-Urvater A. P. Carter seinem afroamerikanischen Begleiter Lesley Riddle abgelauscht. «Von allen ethnischen Gruppen», schreibt Bill C. Malone im Standardwerk «Country Music USA», «hatte keine eine bedeutendere Rolle gespielt, dem Countrymusiker Songmaterial und Stile zu liefern, als die aus Afrika verschleppten Sklaven.»

Kane Brown singt in «Bad American Dream» über lose Waffengesetze und Polizeigewalt. Quelle: Youtube

Die Erfolgsgeschichte des Genres war immer auch eine Geschichte der Segregation. Country ermöglichte weissen Südstaatlern, sich eine gehörige Prise schwarze Musik zu genehmigen, ohne ihre Distanz aufzugeben. Die Industrie hatte in den Fünfzigerjahren beschlossen, Genres über ihre ethnische Zuordnung zu vermarkten. Hier Race oder Rhythm and Blues, dort Hillbilly und Country. Dass laut einer Umfrage aus dem Jahr 1993 dennoch ein Viertel aller Afroamerikaner Country hörten, zeigt, wie hartnäckig dieser Bevölkerungsteil einer schwer geprüften Liebe nachhängt.

Das Selbstbewusstsein einer neuen Generation

Müsste sich da nicht auch ein Anteil schwarzer Musiker in Nashville finden? Allen vermisst Vorbilder: «Der Erfolg von Motown in den Sechziger- und Siebzigerjahren hat ganze Generationen auf dieses Rollenmodell festgelegt.» Schwarze Popstars konnten da nur als Quereinsteiger punkten: so wie Ray Charles, Tina Turner oder Lionel Richie, die grosse Countryhits lieferten. Zuletzt gab Darius Rucker, einst Sänger der Mega-Platin-Popband Hootie & The Blowfish, das schwarze Alibigesicht bei den Country-Grammys ab.

Kane Brown und Jimmie Allen aber stehen wie ihre Kollegin Mickey Guyton für das Selbstbewusstsein einer neuen Generation schwarzer Sänger. Immerhin spielen inzwischen selbst Rapper wie Young Thug ganz unironisch mit Country-Insignien. Allens gerade veröffentlichtes Debüt «Mercury Lane» bedient die Träume von Trinkgeldempfängern und Truck-Fetischisten. Der einzige Bezug auf seine Hautfarbe findet sich im Song «Not All Tractors Are Green» mit der Zeile «I might sound a little different than I look».

Kane Brown wird um einiges deutlicher: So wagt er etwa in «American Bad Dream», lose Waffengesetze und Polizeigewalt zu kritisieren. Ein Tabubruch, der gerade angesichts des mu­sikalisch eher konservativen Count­ryrock-Crossover heraussticht. In einem Tweet beklagte Brown zudem, man habe ihn bei den Country Music Awards seiner Hautfarbe wegen von oben herab behandelt. Er hat ihn wieder gelöscht. Zu viel Kontroverse wirkt geschäftsschädigend.

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