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Die Beatles auf dem Züriberg

Das Theater Rigiblick brilliert mit Ausschnitten aus dem Weissen Album der Beatles. Und man dachte, schon alles gehört zu haben.

Spielt George Martin bondmässig: Schauspieler Stefan Guber. (Toni Suter/T+T Fotografie)
Spielt George Martin bondmässig: Schauspieler Stefan Guber. (Toni Suter/T+T Fotografie)

Bei diesem Album fielen sie auseinander in bitterem Streit. Selten befanden sich mehr als zwei von ihnen im Studio, und wenn einmal alle vier anwesend waren, ging es nur so lange gut, als sie miteinander musizierten, wobei auch das auf die Nerven fallen konnte, denn bei der 65. Version von «Everybody's Gotta Hide Something Except Me and My Monkey», mit dem John Lennon seine drei Kollegen folterte, hatten alle genug, sogar er.

Die Beatles hatten als hoch diszipliniertes Quartett angefangen, das sein erstes Album in einem einzigen Tag aufgenommen hatte. 1968, bei ihrer zehnten, von Anfang an als Doppelalbum konzipierten Platte litten sie an Langeweile, Drogen, divergierenden musikalischen Absichten und aufgestauten Konflikten. John Lennon wollte wieder harte Musik spielen, Paul McCartney sang Geschichten über Hunde und Cowboy-Figuren, George Harrison dachte nur noch an Indien und Ringo Starr nur noch ans Heimgehen. Und da war noch Yoko Ono, Lennons neue Freundin, die stumm im Studio sass und alle befremdete.

Und doch hat der brillante Musikwissenschaftler Ian McDonald recht mit seinem Urteil, das Weisse Album profitiere am meisten von seiner exzellenten Montage. Die Beatles fielen komplett auseinander, ihr Doppelalbum bündelt aber eine Kombination von kollektiver Leistung und individueller Originalität. Das Album klingt zerrissen, aber auch unglaublich vielfältig. Und man freut sich, dass Giles Martin, Sohn von Beatles-Produzent George Martin, die Platte neu mastern wird. Erst dann werden wir hören, wie kompetent sie ihre Spannung zu Kontrasten sublimierten.

23 Leute und kein Ton zu viel

Wie sehr das stimmt, was für überragende Musik die vier ehemaligen Freunde noch zustande brachten, macht ein Abend im Theater Rigiblick vor. 23 Leute stehen auf der Bühne, komplett mit Streichern, einem Bläsersatz und mehreren Sängern. Und doch ist kein Ton zu viel. Im Gegenteil, zum ersten Mal hört man so grossartige Songs wie Pauls krachendes «Back in the USSR», Johns träumerisches «Dear Prudence» oder sein unerhörtes «Happiness Is a Warm Gun» in der intimen Atmosphäre des Rigiblick-Theaters. So kühne Songs wie «Revolution 9» oder «Good Night» werden angestimmt und dazu das Beste aus «Magical Mystery Tour». Die Musik erklingt kraftvoll und in ihrer ganzen Vitalität. Nie kommt der Eindruck von Überproduktion vor.

Als Conférencier führt natürlich Daniel Rohr durch den Abend, hält sich für seine Gewohnheiten aber ein bisschen zurück. Stattdessen überlässt er Stefan Gubser in der Rolle des George Martin die Bühne. Der grosse Produzent war tatsächlich von Anfang an dabei gewesen und brachte die vier mit Spezialeffekten zusammen: dem rückwärts eingespielten Tonband, über den rotierenden Lesley-Turm für Stimmaufnahmen, bis hin zu ungewöhnlichen Instrumenten – zum Beispiel dem Cembalo, einem Streichquartett, oder dem Grossorchester am Schluss von «A Day in the Life». Stets hat er sich aber als die Hebamme bezeichnet und verneint, dass er für die musikalischen Talente zuständig gewesen sei.

Darin liegt auch der einzige Einwand zu diesem grossartigen Abend: Gubser gibt Martin laut, redselig, so als Bond-Typen. Dabei stammte George Martin aus der ärmsten Arbeiterklasse von London, sein BBC-Englisch hatte er sich in der Armee antrainiert. Hinter seiner Höflichkeit spickten anarchische Tendenzen, ein sehr schwarzer Humor und die Neugierde, alles neu zu machen. Aber er trat auf wie eine Vaterfigur, die stets das Beste wollte – und genau wusste, was das Beste war. Während den Aufnahmen zum Weissen Album ging er in die Ferien, frustriert über die Streitereien und ihren Mangel an Professionalität. Auch das unterschlägt dieser grosse Abend ohne Not. Dabei machen diese Heftigkeiten die Musik sogar noch schöner.

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