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«Die Deutschen sind feige»

Farin Urlaub wird oft als Fun-Punker abgestempelt. Dabei hat der Ärzte-Gitarrist durchaus nachdenkliche Züge. Das neue Album seines Projekts Farin Urlaub Racing Team macht dies einmal mehr deutlich.

Herr Urlaub, das Racing Team besteht vornehmlich aus Frauen. Ist das für Sie wesentlich anders, als wenn Sie mit einer reinen Männerband spielen? Es ist super, weil weniger Testosteron unterwegs ist! Musikerinnen haben nicht das Gefühl, sie müssten sich auf Kosten von jemand anderem beweisen. Bei ihnen geht es also professioneller zu und her als bei uns Männern.

«Nicht im Griff», die erste Single aus «Die Wahrheit übers Lügen», kommt ziemlich deftig daher. Spielt das Radio noch solche Musik? Ich wollte ja nicht, dass das Lied genau so läuft wie andere Lieder im Radio. Mir ging es um eine Abgrenzung: Hier kommt etwas Neues, etwas Deftiges. «Nicht im Griff» ist vielleicht nicht der beste Song des Albums, aber doch eine Diskussionsgrundlage. Oder eine Kampfansage. Natürlich könnte ich noch viel härtere Musik machen, nur würde die mir keiner abnehmen.

Wie wichtig ist Ihnen der Erfolg? Schauen Sie immer noch auf die Soll- und Habenseite ihrer Buchhaltung? Ich finde so etwas ja nicht sträflich. Dafür bin ich ja auch zu stolz auf das, was wir machen, als dass es mir egal wäre, was damit passiert. Und jeder, der darüber nachdenkt, wird zum Schluss kommen, dass es ihm in meiner Position auch nicht egal wäre. Wobei es ja Leute gibt, die trotzdem umsonst arbeiten und Blogs schreiben. Da möchte ich allerdings nicht wissen, wie wenige Leute das lesen. Es reicht denen schon, dass sie ein potenzielles Publikum haben. Mir wäre das aber zu wenig.

Auf «Die Wahrheit übers Lügen» hat es viele subversive Texte, aber keine konkret politischen Lieder. Konzept oder Zufall? Die Grundeinstellung ist politisch, aber es gibt kein einzelnes Thema, auf das ich den Finger gelegt hätte. Dafür gibt es zu viele Dinge, gegen die ich wettern müsste. Was mir persönlich am meisten am Herzen liegt, das sind zuerst Darfur und Burma. Und dann kommen alle afrikanischen Staaten. Wenn man über deren Geschichte nach der Unabhängigkeit liest, dann kommt einem das Kotzen. Es ist unfassbar. Soll ich darüber Lieder machen? Und was wären das denn für Lieder? Ich weiss ja auch nicht, wie es dort besser sein könnte.

Hindert der private Wohlstand einen Künstler daran, zu solchen Themen Stellung zu beziehen? Ich mache mir viele Gedanken darüber, weil mich das beschäftigt. Aber so ein Lied wird schnell ganz peinlich. «Feed The World»: Ja, aber bitte womit und wie? Und wer soll denn da noch Landwirt sein, wenn das ganze Essen sowieso von der Entwicklungshilfe kommt? Die Welt ist so komplex geworden, die kannst du nicht in drei Minuten abhandeln. Wie soll ein guter Text über Darfur aussehen? Da wirst du ganz schnell rassistisch: Es ist ja nicht so, dass, würde man Khartum weglassen, plötzlich Frieden wäre. Es wäre trotzdem Krieg, denn der geht ja auf einen Kampf um Ressourcen zurück.

Wobei Sie just das Thema Ressourcenverknappung im Song «Krieg» behandeln. Nur haben Sie es metaphorisch in die Einkaufsmeile verlagert und abstrahiert. Abstrakt funktioniert das jederzeit. Die Themen, die uns als Zeitungsleser beschäftigen, sind konkret. Die Lösungen könnten aber durchaus auch abstrakt sein. Aber wie gesagt: Was kann ein Popsong oder ein Rocksong tatsächlich leisten? Ich finde, das Beste, was er machen kann, ist den Zuhörer mit Energie zurücklassen. Und mit einer gewissen Neugier.

In den nächsten Tagen steht uns die US-amerikanische Präsidentenwahl bevor. Haben Sie die Kampagnen der einzelnen Kandidaten verfolgt? Laut Noam Chomsky kann man davon ausgehen, dass jeder Kandidat eine so lange Reihe von Demütigungen, Kompromissen und Abhängigkeiten durchschritten hat, dass er kaum eine überraschend andere Politik machen wird. Natürlich wäre mir Obama lieber als McCain. Aber werde ich da nicht Opfer meiner eigenen Sehnsüchte? Einfach, weil ich will, dass es anders wird? Letztendlich fürchte ich – egal, wer Präsident wird –, dass sich nicht alles plötzlich zum Guten wenden wird.

Wie nah bleiben Sie an der deutschen Politik dran? Auch in der Bundesrepublik müsste sich einiges ändern. Ich denke, die Deutschen sind total feige. In einem Gespräch am Stammtisch wird jeder sagen, es muss sich etwas ändern. Aber keiner – und da stelle ich mich selber in die Reihe – ist bereit, den ersten Schritt zu tun und auf etwas zu verzichten. Der Mehrheit der Leute geht es immer noch so gut, dass sie denken, warum sollen wir was drastisch ändern, wenn es ja irgendwie läuft. Aber durchwursteln ist das Allerschlimmste: So geht es nicht weiter.

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