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Die tausend Rhythmen von Shanghai

Ein sinnliches Grossstadterlebnis: «Shanghai Patterns», das neue Stück von Ania Losinger und Mats Eser, war ein Höhepunkt am BeJazz-Winterfestival. Das Premierenpublikum in den Vidmarhallen liess sich hin- und mitreissen.

Stampfen und trampeln – das schien vielen die angemessene Art, der Xala-Tänzerin in ihren Flamenco-Schuhen und dem flinkhändigen Marimbaspieler zu applaudieren. Stampfen und trampeln, bis die beiden ein zweites und drittes und viertes Mal auf die Bühne kamen und sich sichtlich erschöpft vor ihrem Publikum verneigten.

Es war, als hätten die Vibrationen, die Ania Losinger mit differenzierter Fussarbeit in ihrem Bodenxylofon auslöste, sich in den Füssen des Publikums fortgepflanzt – und nicht nur dort. Nach der Premiere des gut einstündigen Stücks «Shanghai Patterns» wirkten die Eindrücke, die das Musikerpaar aus der chinesischen Industrie- und Hafenstadt nach Bern gebracht hat, bis weit in die Nacht nach. Denn eine Metropole wie Shanghai, wo knapp 20 Millionen Menschen leben, schläft nie.

Stille im Lebensstrom

In der gekonnten Dramaturgie des neuen Stücks liessen Ania Losinger und Mats Eser Verkehr, industrielle Aktivität und menschlichen Puls in tausendfacher Überlagerung auf- und abschwellen, doch niemals ganz zum Verstummen kommen. «Die Drachenstadt war so eindrücklich, in jeder Beziehung», fasst Losinger ihren Eindruck von Shanghai zusammen. Während dreier Wochen trat sie dort mit ihrem Partner im Spanischen Pavillon an der Weltausstellung 2010 auf. «Wir mussten unsere Erlebnisse in Musik umsetzen», betont sie, «da war so viel Tanz, Action, Klang und Energie.»

Die Gleichzeitigkeit verschiedenster vertrackter Rhythmen, die Losinger mit Absatz und Spitze ihrer Schuhe sowie zwei langen Stöcken auf den Klanghölzern des Xala zustande brachte, versetzte beim Zuhören in die flirrende, von tausend Strömen und Strömungen durchzogene Grossstadt. Doch da die Tänzerin als Musikerin im Berner Tonus-Labor gewachsen ist, wo die Minimal-Music gepflegt und weiterentwickelt wird, reduzierte sie die Vielfalt immer auch wieder auf einen Aspekt.

Da war der Balztanz des Kranichs, den sie mit einem ausladenen Fächer in vollendeter Eleganz nachahmte – ein Moment der Stille und Schönheit in diesem Stück, auch wenn man von der mythologischen Bedeutung des Vogels als Träger der Seelen in den Himmel nichts weiss. Und da war (ohne Fächer ) die verführerische Flamenco-Miniatur, bei der die einstige Meisterin dieses Fachs für einmal die ornamentale Handarbeit ins Zentrum rückte – auch das eine Referenz an die chinesische Kultur.

Von Askese zu Eleganz

«Shanghai Patterns» ist als Synthese aller Einflüsse zu verstehen, die für Ania Losinger auf ihrem Weg zu einer eigenen Kunstform wichtig waren. Schon in «Five Elements», dem letzten Stück des Duos Losinger/Eser, war eine neue Klanglichkeit der perkussiv erzeugten Töne zu hören, sicherlich durch Esers stupendes Marimbaspiel, aber auch dank der Weiterentwicklung des Bodenxylofons Xala.

In den Vidmarhallen präsentierte die Tänzerin nun erstmals das Xala III. Es ist kleiner, leichter und mobiler als seine Vorgänger, in fünf Taschen verstaut, reist es problemlos mit um die Welt. Dabei scheint die athletische Askese, die sich die Tänzerin jahrelang auferlegt hat, immer mehr einer sinnlichen Eleganz zu weichen, die auch mal ein Lächeln während der Performance erlaubt und in Form konzentrierter Freude ansteckend wirkt. Ein grosser und mutiger «Ausfallschritt» ist hier gelungen – natürlich mit dem entsprechenden Klang.

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