Die zurückgezogene Exzellenz

Peter Frei ist einer der besten Bassisten Europas. Und kaum einer hat hierzulande so viele junge Musiker an den Jazz herangeführt wie der Zürcher.

Ihn rufen auch heute noch junge Musiker an: Peter Frei in seinem Zuhause. Foto: Raisa Durandi

Ihn rufen auch heute noch junge Musiker an: Peter Frei in seinem Zuhause. Foto: Raisa Durandi

Was für ein Schlafquartier! Hier lebt er also, in einer Zweizimmerwohnung. Adresse: Am Wasser, 8903 Birmensdorf, umgeben von Strassen, die so weltläufige Namen tragen wie «Sennhüttenstrasse» oder «Studenmättelistrasse». Ausgerechnet er, der einst mit der urban vibrierenden Musik namens Jazz durch ganz Europa tourte und mit den Grossen spielte. «Ich habe ein zurückhaltendes Naturell», wird einem Peter Frei später sagen hinsichtlich seines öfters leise gehaltenen Kontrabass-Spiels. Dieses Leise: Es begegnet einem bereits in seiner Wahl des Wohnquartiers.

Und da kommt er dem Besucher in Birmensdorf auch schon entgegen. Gertenschlank ist er. Leichter Buckel, den er sich auch bewahrt, wenn er zuweilen den grossen Kontrabass schultert, um mit seinem silbergrauen VW Golf an eine Jazz-Session zu fahren. Wache Augen hinter der Brille.

Trotz seiner Zurückgezogenheit in den letzten Jahren aufgrund gesundheitlicher Probleme ist der Mann mit Geburtsjahr 1943 eine Legende in der Zürcher Musikszene – und darüber hinaus. «Mich rufen bis heute junge Musiker an, um mit mir zu spielen», sagt Peter Frei. Er erklärt das damit, dass sein Name geläufig ist aus seiner Zeit 1970 bis 1985, als er Mitglied des Jazz-Live-Trios mit dem Pianisten Klaus Koenig war. Damals begleitete er für Sendungen des damaligen Radio DRS viele amerikanische Stars. Und er erklärt es auch mit seinen vielen internationalen Tourneen.

Er betörte die Jungmusiker

Und natürlich macht ihn noch eine andere Seite zu einer Art helvetischen Kontrabass-Exzellenz. Immer gab es auch den Pädagogen Peter Frei. Er war Basslehrer an der einstigen Jazzschule Bern. Über viele Jahre traf er sich auch mit Zürcher Jazzmusikern zu privaten Jazz-Sessions. Er stiftete die meist jungen Musiker zum Jazz an in geduldiger Aufbauarbeit. Das klappte, weil er die Jungmusiker betörte – nicht nur durch seinen Ruf, sondern auch durch seine Basstöne.

Diese Töne sind oft leise, drängen sich bei all ihrer Interessantheit niemals auf. Doch dann passiert es. Peter Frei sagt bei einer Jazz-Session: Lasst uns eine Ballade spielen! Und wo der musikalische Raum wächst, wo aller Jazz-Furor schweigt, da wird plötzlich der Kontrabass transparent hörbar, die glitzernden, äusserst kunstvollen und intelligent vertrackten Linien des Peter Frei.

Das lässt sich auch auf einem besonders schönen Album namens «Three Trios» nachhören. Das Album ist schon etwas älter – nie war der zurückhaltende Frei auch auf Plattenproduktionen aus zum eigenen Nachruhm –, Frei spielte es mit Eleven 2004 ein. Und wie er da im Jazz-Klassiker «Yesterdays» operiert, gemeinsam mit Pianist Colin Vallon und Drummer Dominic Egli, offenbart seine ganze Kunst auf engstem Raum. Er fundiert das Stück: Klarheit spendend, rhythmisch wie harmonisch. Er verwandelt das Stück zugleich in etwas Bebendes: vitale Zwischennoten, Kleinst-Aktionen, dynamische Nuancen. Peter Frei verbindet Spieltechniken älterer Bassisten wie Ray Brown mit der Modernität eines Scott LaFaro oder Ron Carter zur eigenen Kontrabass-Erzählung.

So hat Frei viele junge Zürcher oder Schweizer Musiker zum Jazz verführt; es sind heute so bekannte Namen wie Jojo Mayer, Dominic Egli, Tobias Friedli, Tobias Preisig, Rafael Schilt. Seine Sessions darf man sich dabei nicht als akademisch hochgeschraubt vorstellen. Frei sagt: Er gebe den Jazz so weiter, wie er ihn selber erlernt habe, damals in den späten Sechzigern im Zürcher Jazzclub Africana, wo er ohne alles Theoretisieren einfach der Musik zuhörte und bald mit Musikern des modernen Jazz jammte. Immer wieder spiele er bei seinen Sessions alte Jazz-Standards. «US-Saxofonist Johnny Griffin sagte mir einmal, man müsse die Jazz-Standards jahrelang spielen, bis man sie wirklich ausgelotet habe.»

«Für mich ist es schnell zu laut»: Peter Frei. Foto: Raisa Durandi

Die Dinge ausloten – dieser Grundhaltung Freis begegnen Freis Studenten bei seinen Sessions nicht nur im Spiel. Irgendwann nämlich will Frei seinen Bass auf die Seite legen – und ein wenig reden. Da lässt er die Anwesenden in eine lebendige Jazzgeschichte eintauchen, erzählt Jazz-Histörchen ohne alle Prahlerei. Vor allem aber lässt er seine Mitspieler teilnehmen an eigenen intensiven Hörerlebnissen. Er kann aus dem Stegreif über ein Solo von Herbie Hancock referieren. Lebt vor, wie intensiv man Musik hören kann und diese regelrecht aushorcht.

Und nach all dem Jazz-Räsonieren, da räsoniert Frei auch noch kurz über Physikalisches: Der naturwissenschaftlich Gebildete entschwebt in den Weltraum und erzählt fasziniert von schwarzen Löchern, unendlichen Weiten, Nachbar-Universen, steigt vom irdischen Jazz auf in die höhere Physik und manchmal auch Metaphysik. Bevor er aus dem Orbit wieder zurückschwebt in die Session und in den Jazz.

Und er wünscht sich gar wieder eine Ballade. «Für mich ist es schnell zu laut», sagt Peter Frei. «Ich mag meinen elektrischen Verstärker nicht aufdrehen, weil der Kontrabass dann nicht mehr akustisch klingt. In Balladen höre ich mich gut. Und ich habe Zeit.»

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