Er war ein Manisch-Depressiver mit grossen Illusionen

Daniel Johnston wurde von Kurt Cobain verehrt und bezeichnete sich als der «Sorry Entertainer». Mit 58 ist er gestorben.

Gespenstisch authentisch: Daniel Johnston in seinem Zuhause in Texas (2017). Foto: The New York Times/Redux/laif

Gespenstisch authentisch: Daniel Johnston in seinem Zuhause in Texas (2017). Foto: The New York Times/Redux/laif

Er nahm in den frühen 80er-Jahren seine erste Kassette auf, nachdem er einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte. Daniel Johnston nannte sie ganz unschuldig «Hi, How Are You». Wer sich diese Lo-Fi-Heimaufnahmen damals anhörte, hörte brillante Songs eines Verzweifelten und eines Kranken, der Zuflucht suchte in den Produkten der Popkultur: Superheldencomics, King Kong, Jesus oder Casper, der freundliche Geist. Oder die Beatles, die er später als Band anheuern wollte.

Die Songs des Amerikaners, die er mit hoher, schon fast quiekender Stimme auf Tonband eingesungen hat, klangen gespenstisch authentisch, zumal er sich immer wieder auch selber erbarmungslos analysierte. Einen Filter gab es hier für niemanden. Schon gar nicht in Songs wie «Desperate Man Blues» oder «I’m a Baby (in My Universe)». Umso herzlicher und tröstlicher fielen jene Lieder aus, die vom seltenen Frieden des Daniel Johnston zeugten, der sich im Dokumentarfilm «The Devil and Daniel Johnston» gleich selber als «Manisch-Depressiver mit grossen Illusionen» diagnostizierte.

Die Filmdokumentation – die 2006 am Sundance Festival ausgezeichnet wurde – erzählte von diesen Illusionen, etwa dann, als Daniel Johnston beinahe das von seinem Vater pilotierte Flugzeug abstürzen liess, im Glauben daran, der Geist Casper werde dieses schon selber fliegen.

Man sah, wie der Strenggläubige die Freiheitsstatue mit Jesusfischen verschmierte und wie er seine Dämonen nicht nur durch den Gesang, sondern auch mit unentwegtem Zeichnen bekämpfte. Und man hörte ihn immer wieder, wie er aus den Kliniken berichtete und Softdrinks begehrte, die seinen Körper aufschwemmten.

Dass die Welt seine Lieder aber überhaupt hörte und weiter hören kann, liegt auch an den vielen Coverversionen, die von seinen Songs kursieren. Es liegt zu einem gewissen Teil auch an Kurt Cobain. An den MTV Video Music Awards 1992 trat der Nirvana-Sänger mit einem Fan-Shirt auf, auf dem der Frosch von Johnstons «Hi, How Are You»-Cover zu sehen war.

Das Cover wurde zur Popikone, und für Johnston reichte es in den Neunzigern für einen Vertrag bei einem Majorlabel – der nach einem kommerziellen Flop aber schnell wieder aufgelöst wurde.

So blieb Daniel Johnston in der Rolle des geliebten Antistars, der die Lieder der New Yorker Anti-Folk-Generation um Jeffrey Lewis oder die Moldy Peaches beeinflusste – wie auch die Indie-Prominenz von den Flaming Lips bis zu Beck oder Tom Waits. Diese Künstler ehrten Daniel Johnston auf dem Sampler «The Late Great Daniel Johnston».

Auf dem Cover war Johnston zu sehen, wie er, der «Sorry Entertainer», zu Lebzeiten vor seinem eigenen Grab steht. Und es sind Songs wie «True Love Will Find You in the End» zu hören, die wissen, irgendwo wird es auch für ihn Erlösung und echte Liebe geben.

Nun ist Daniel Johnston an einem Herzinfarkt gestorben. Er wurde 58 Jahre alt.

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