Harte Worte, weicher Kern

Trennung der Eltern, Jahre im Frauenhaus, bewaffneter Raubüberfall – mit 28 Jahren hat Samir Djedidi alias S.M.D bereits einiges durchgemacht. Das Erlebte verarbeitet der Berner Rapper in seinen Texten.

Sheila Matti

Der Videoclip zu «Nid wie mir». Quelle: Youtube/Official S.M.D

Sommer 2017: Sonnenbrille, breitbeiniger Sitz, geballte Fäuste, die sich zum Takt bewegen. Samir Djedidi sitzt in einem weissen Audi unter der Autobahnbrücke beim Berner Europaplatz und singt: «Gimmr e Gun und i shoote, du Sohn vo re Puta, Sohn vom ne Loosa.»

Ein Jahr später, Herbst 2018: grauer Pullover, beiges Cap, goldene Halskette, breites Lächeln. Der 28-jährige Djedidi stürmt ins Studio der B-Note Entertainment GmbH beim Loryplatz, setzt sich ans Klavier und beginnt zu spielen. Ludwig van Beethovens «Für Elise». Fehlerfrei, ohne Noten.

Angefangen mit Klavier hat Samir Djedidi bereits als Siebenjähriger. Rappen tut der Bümplizer erst seit etwas über einem Jahr. Der harte, vulgäre Battle-Rap sei ein wichtiger Teil seiner Musik, aber auch seine sanfte Seite will Djedidi betonen. «Ich muss meine Balance finden», meint der Bümplizer und ergänzt: «Nur rappen wäre mir zu banal.»

Die Familie

Samir Mohammed Djedidi, bekannt unter dem Künstlernamen S.M.D, hat ein aufregendes Jahr hinter sich: Anfang Oktober gewann er den My Coke Music Award, einen renommierten Titel, der etwa auch der Gruppe 77 Bombay Street zum Aufstieg verhalf. Belohnt wurde er mit einem Gewinn von 50'000 Franken – 30'000 in Form von musikalischer Expertise, 20'000 bar auf die Hand.

Der Berner überzeugte erst eine Fachjury, gewann dann bei einem Onlinevoting und brillierte schliesslich auch beim Liveauftritt. «Das war mein erstes richtiges Konzert», sagt Djedidi und schildert, wie er am Klavier sass, das Intro seines Songs spielte und dann zum Rappen überging. Und wie seine Mutter im Publikum stand und mit erhobener Hand im Takt mitwippte. «Ein unvergessliches Bild.»

Dass seine Mutter heute hinter ihm stehe, bedeute enorm viel. Sie, für die er den Klavierunterricht durchgezogen hat, die stets mit liebevoller Strenge für sein Wohl gesorgt hat und die heute einen Teil seines Gewinns verwaltet, habe es nicht immer leicht gehabt. «Mein älterer Bruder hatte Probleme während der Schulzeit. Und bei mir fingen die Probleme nach der Ausbildung an.»

Die Gang

Alles, was Samir Djedidi erlebt hat, verarbeitet er in seiner Musik. «Mys Läbe isch mit sächsi scho ke Fruchtzwärg gsi», rappt er etwa im Lied «Z’Schönschte». Er thematisiert die Trennung seiner Eltern, die Zeit, die er mit Bruder und Mutter im Berner Frauenhaus verbrachte, das Aufwachsen in bescheidenen Verhältnissen.

«Mys Läbe isch mit sächsi scho ke Fruchtzwärg gsi.»Samir Djedidi«Z’Schönste»

Er singt über die Zeit mit seiner Gang, seine Freunde aus dem Berner Westen, die für ihn wie eine zweite Familie waren. Der Umgang miteinander sei rau, aber real gewesen: «Jeder hat seinen Stolz, jeder muss sich beweisen, und jeder ist knallhart zu dir.» Das habe ihn geprägt – oder, wie er es im «Timeline» formuliert: «Bümpliz – und dir heit abgläge gwohnt, u mir si dür Abwäge zum Abwääge cho.»

Immer wieder bricht Djedidi mit dem Bild des rüpelhaften Rappers. So trinke er etwa keinen Alkohol, der Geschmack sagt ihm nicht zu. Auch im Ausgang treffe man ihn nur sehr selten an. Stattdessen raucht der Berner regelmässig Mariuhana und rappt auch darüber. Der Song «Lady Green», mit dem er beim My Coke Music Award antrat, widmet sich gar ganz der Droge: «Si säge, du bringsch Psychose u so Sache, aber dank dir chani mi am Aabe no totlache.»

Der Videoclip zu «Lady Green». Quelle: Youtube/MyCokeMusic Soundcheck

Ob privat oder musikalisch; S.M.D ist ehrlich. Er verheimlicht nichts, spricht offen, hat keine Hemmungen. «Weshalb auch? Ich schäme mich für nichts, was ich in meinem Leben getan habe.»

Auch nicht dafür, dass er im Alter von 19 mit seinen Freunden mehrere Tankstellen und Läden überfiel. «Ich wollte meinem Vater aus der Armut helfen, wurde dann aber erwischt und kam in Untersuchungshaft.» Drei Monate sass er dort, bevor der Richter ihn auf Bewährung rausliess.

«Es gseht schlächt us, het mr dr Richter gseit. Überfau bewaffnet prägt dyni Persönlichkeit.»Samir Djedidi«Het dr Richter gseit»

Auf die Geschichte sei er nicht stolz, noch einmal würde er es sicher nicht tun. Aber er schäme sich nicht dafür. «Es gseht schlächt us, het mr dr Richter gseit, Überfau bewaffnet prägt dyni Persönlichkeit», verarbeitet er das Erlebnis musikalisch, «nach paar Jahr mit Hits a dr Spitze steit – nenn mi S.M.D, dr Typ, wo sich nid versteut.»

Das Selbstbewusstsein

Innerhalb der Schweizer Rapszene wird Djedidi stark für seine Musik gelobt. Alle grossen Namen, wie Stress oder DJ Cutsupreme, hätten ihm zu seinem Sound gratuliert. Auch Ben Mühlethaler, Inhaber von B-Note Entertainment, der etwa auch mit Lo & Leduc oder Prince zusammengearbeitet hat, erkannte S.M.Ds Potenzial. Gemeinsam arbeiten sie mittlerweile am zweiten Album.

Zwei Alben in zwei Jahren – Samir Djedidi legt ein unglaubliches Tempo vor. «Ich schreibe einen Track an einem Abend», meint er gelassen, «und jede Strophe, jeder Part sitzt.» Diese ordentliche Portion Selbstbewusstsein gehöre zum Rappen dazu. «Du musst denken, dass du der Beste bist, sonst machst du es nicht richtig.»

Als er sich vor einem Jahr entschloss, selber Raps zu schreiben, habe er sechs Liedtexte in drei Tagen geschrieben. Mit diesen reiste er auf eigene Kosten nach London, zu den international tätigen Musikproduzenten The Soundbrothers. In nur drei Tagen entstand sein erstes Album, «Haute Cuisine», das es auf Platz 60 der Charts schaffte.

Der «Fame»

Bis an die Spitze ist es für S.M.D aber noch ein langer Weg. Wer sich für Schweizer Hip-Hop interessiert, kennt den Bümplizer zwar. Bis einer seiner Songs in den Top 3 ankommt, könnte aber noch einige Zeit vergehen.

Würde er auf Französisch oder Englisch rappen, ginge es wohl schneller, sinniert Djedidi und blickt in die Ferne. Er bleibe aber bewusst beim Berndeutsch. «Guten Schweizer Rap – da gibt es eine echte Marktlücke.» Ihm gehe es ohnehin nicht um den «Fame», nicht darum, berühmt zu werden.

«Mir geht es nur um die Musik.» Natürlich wäre es schön, eines Tages von dieser leben zu können. «Aber ich habe keinen Stress.» Bis es so weit ist, arbeitet er einfach weiter als Koch, im Gurtenpark auf Berns Hausberg, und denkt sich Texte aus, während er den Kochlöffel schwingt.

Berner Zeitung

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