Die Sündenpools

Das Vitra Design Museum zeigt in der Ausstellung «Night Fever» berühmte Clubs und die Geschichten dahinter.

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Hans Jürg Zinsli@zasbros

Am Anfang nagt die Skepsis: Wie will ein Museum das pulsierende Leben von Nachtclubs abbilden? Sind Ausstellungsräume nicht das pure Gegenteil von Dancefloors? Und wo ist eigentlich der Eingang? Wir schauen uns um im Vitra- Design-Museum, erspähen eine rote Schleuse mit zahlreichen Deckenlämpchen, schreiten hindurch und treten ein, ohne von einem Türsteher zurückgepfiffen zu werden. Das ist schon mal ein Plus gegenüber echten Clubs.

Dann begeben wir uns in einer bunten Zeitreise nach Italien, wo in den 60ern die ersten Discos öffneten – nicht in bestehenden Gebäuden, sondern in von Architekten eigens geplanten und mit extravagantem Mobiliar ausgestatteten Locations. Den Feriengästen wurden nichts weniger als nächtliche Abenteuerreisen offeriert. Im Badeort Forte dei Marmi etwa konnte man sich im Bamba Issa auf Kamelkopfsitzen niederlassen oder durch Dschungelkulissen schlendern. Schade bloss, dass aus jener Zeit ausser Fotos und ein paar flauschigen Sitzgelegenheiten wenig blieb.

Der Club als Gesamtkunstwerk

Aber dann, die 70er, das Disco-Zeitalter. Von ferne hören wir die Bee Gees zu «Saturday Night Fever» falsettieren und sehen John Travolta die Hüften kreisen. Zunächst jedoch begeben wir uns auf einen silbrig glänzenden Dancefloor, hören uns mittels Headsets durch die Zeitgeschichte und lassen uns von clubechten Lichteffekten in Stimmung bringen. Da nimmt die Ausstellung ihre organischste und gelungenste Form an. Zudem sehen wir einen nachgestellten Catwalk mit modisch eingekleideten Puppen, finden Teile der Originaltanzfläche der Haçienda oder entdecken Einladungskarten, gestaltet zum Beispiel als eine Scheibe Käse oder eine Mausefalle.

Eine Etage höher erleben wir schliesslich die jüngere Club-Zeitgeschichte. Die Locations haben sich aus den Innenstädten verabschiedet und gleichen nun mobilen Installationen. Auch da hat Chefkurator Jochen Eisenbrand viel Wissenswertes auf wenig Raum zusammengetragen. Trotzdem bleibt ein Gefühl der Unausgefülltheit zurück, und das hat weniger mit der Ausstellung selbst als vielmehr mit dem Wesen der Clubkultur zu tun: Ihre Präsenz ist flüchtig, ihre Zeit ist die Gegenwart, und was heute hip scheint, ist morgen schon wieder vorbei. Das kann eine Ausstellung nur bedingt dokumentieren. Was «Night Fever» dagegen gelingt, ist, die Clubkultur von 1960 bis heute als Gesamtkunstwerk zu präsentieren. Mit Möbeln, Mode und Musik – da tanzt man im Museum mit.

«Night Fever»: Vitra-Design-Museum, Weil am Rhein, bis 9. September.

Zum Beispiel die Haçienda:

«Wir waren eine Art unbezahlte Sozialarbeiter», sagt Ben Kelly. Der englische Innenarchitekt spricht bei der Eröffnung der Ausstellung «Night Fever» im Vitra Design Museum vom Musikclub Haçienda in Manchester, den er 1982 ausstattete. Sozialarbeiter? «Der Club lag in einer Gegend, in die niemand freiwillig gegangen wäre.» Das Haçienda, das sind nicht nur zwei Jahrzehnte Musikgeschichte von Punk bis Rave, es ist auch das Epizentrum der «Madchester»-Euphorie und wurde in Michael Winter­bottoms Spielfilm «24 Hour Party People» entsprechend gewürdigt.

Grafiker Peter Saville, der für das Musiklabel Factory Albencover für Joy Division oder New Order entwarf und eng mit Innenarchitekt Kelly zusammenarbeitete, sagt: «Manchester war eine ehemalige Industriestadt. Niemand wusste, wie es weitergehen sollte. Mit dem Haçienda wollten wir eine Vorstellung davon vermitteln, was aus Manchester werden könnte.»

Die Möglichkeit, etwas aufzubauen, bot sich ausgerechnet nach dem Suizid eines Musikers. Ian Curtis, der Sänger der Postpunkband Joy Division, starb 1980 – am Tag bevor die Band zu ihrer US-Tournee aufbrechen wollte. In der Folge wurde der Song «Love Will Tear Us Apart» zum Hit. «Plötzlich hatten wir Kisten voller Geld», erinnert sich Saville, «aber wir hatten keine Ahnung, was wir damit anfangen sollten. Bei Factory ging es nie darum, reich zu werden, sondern darum, etwas zu bewegen.»

10'000 Pfund Verlust – pro Woche

Was tun? Ende der Siebzigerjahre waren alle Auftrittslokale in Manchester geschlossen worden, es gab keinen Ort mehr, wo man hinkonnte, um Musik zu hören. «Da fanden wir bei Factory, dass wir der lokalen Jugend mit dem Haçienda etwas zurückgeben konnten.» In einer heruntergekommenen Lagerhalle brachte Kelly Warnstreifen an den Säulen an und liess eine flexible Bühnen­beleuchtung installieren. Der Ort sollte als Gegenteil herkömmlicher Kellerlöcher wirken, mit Konzerten, DJs und preiswerten Getränken («Wir waren billiger als der Supermarkt nebenan»).

Trotzdem kamen kaum Gäste. Saville erinnert sich, wie er einem Jugendlichen das Konzept des Haçienda zu erklären versuchte: «‹Wie sieht dieser Club aus?›, fragte er. – ‹Ich sagte: postindustriell.› – ‹Was heisst das?› –‹Es sieht aus wie in einer Lagerhalle.› – ‹Oh, aber ich arbeite doch schon den ganzen Tag in einer Lagerhalle.›»

Was blieb, waren Schulden. Zum einen wegen des ausbleibenden Publikums, zum andern (als die Gäste dann doch kamen) wegen ausbleibender Konsumationen. In den späten 80er-Jahren griff man im Club zu Ecstasy, niemand trank Alkohol. Das Haçienda verlor angeblich 10'000 Pfund pro Woche. Um dies auszugleichen, konnte Factory auf eine Einnahmequelle zurückgreifen: New Order. So hiess jene Band, die den Ruinen von Joy Division entstiegen war und die den Depro-Punk zu Synthiepop umformte. New Orders bekanntestes Stück heisst «Blue Monday».

Allerdings war auch dieser Song zu Beginn kein Erfolg. Peter Saville hatte für die Single ein so kostspieliges Cover mit einer gestanzten Floppy Disc entworfen, dass man mit jedem verkauften Exemplar Verluste machte. Erst mit späteren Billigpressungen stellte sich der Geldsegen ein, «Blue Monday» wurde über zehn Millionen Mal verkauft, und New Order konnten es sich darauf leisten, den defizitären Haçienda-Club bis in die Neunzigerjahre hinein weiterzubetreiben.

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