Hut, Stiefel und Gitarre

Soundcheck

Bern liegt am Mississippi. Immer dann, wenn der Berner Bluesmusiker Menic auf der Bühne steht.

Step, step, slow: Tanzen zur Musik von Menic. Fotos: mbu

Step, step, slow: Tanzen zur Musik von Menic. Fotos: mbu

Martin Burkhalter@M_R_Bu

Fehlt nur noch, dass die Spitalgasse mit alten, von Flechten behangenen Eichen gesäumt ist und vor dem Kulturbistro müde Gäule angebunden sind. Unten vor der Bühne jedenfalls wähnt man sich bald einmal in einer Blues-Bar irgendwo in den zeitlosen amerikanischen Südstaaten. Mehr als ein Dutzend Pärchen liegen sich in den Armen, mit entrückten Blicken, bewegen sie lasziv ihre Hüften und tanzen, als gäbe es kein Morgen.

Nach jedem Lied stürmischer Applaus. Der Mann auf der Bühne derweil trägt Cowboyhut und -stiefel, ein weisses Hemd unter einer schwarzen Weste, der blonde Bart ist ein wenig schütter. Menic heisst er und singt mit einer jungen Tom-Waits-Stimme vom Leben unterwegs, von verflossener Liebe, verzweifeltem Kummer und einer Freiheit, die es nur auf endlosen Highways gibt.

Menic ist in Bern geboren. Weil aber sein Vater sich anno dazumal in den USA beruflich niederlassen wollte, verbrachte er einen Teil seiner Kindheit in der Nähe von Boston. Heute lebt er wieder in Bern, verdient seinen Lebensunterhalt als Lehrer und ist spätestens seit 2012 mit seinem Voodoo-Rhythm-Debütalbum «Railroad Blues Anthology» immer wieder Gast auf europäischen Bühnen. Er hat etwa bei Zeno Tornado, The Dead Brothers, Mama Rosin oder Delaney Davidson gespielt. Und er tritt regelmässig mit Lady Gomorra auf.

Der erste Song des Abends: Menics «Shake My Bones». Quelle: Youtube/Menic Rudeman

Sein Debütalbum ist, wie es der Titel schon sagt, eine Art Reise entlang dem Country-Blues. Mal ist Americana, mal Bluegrass zu hören, Hillbilly auch, sogar Folkstücke mit irischen Flöten und Delta-Blues mit punkigem Einschlag. Menic spielt Gitarre, Banjo, Mandoline und Violine.

Ins Kulturbistro Karl Schenk hat er nur eine akustische Gitarre mitgebracht. Mehr braucht es ja eigentlich auch nicht für ein solches Konzert: Hut, Stiefel und Gitarre. Dass hier nun vor der Bühne niemand einfach nur ein bisschen mit den Hüften wackelt und an einer Bierflasche nuckelt, sondern dass tatsächlich getanzt wird, liegt an Michael Wälti.

Seit vier oder fünf Jahren organisiert er in Bern Blues-Tanzkurse, Tanz-Festivals und eben immer wieder solche Anlässe, wie hier im Kulturbistro: Tanzkurse mit anschliessendem Konzert und der Möglichkeit, das Gelernte gleich umzusetzen (www.be-bluesed.ch).

Mehr als ein Dutzend Pärchen liegen sich in den Armen, mit entrückten Blicken, bewegen sie lasziv ihre Hüften und tanzen, als gäbe es kein Morgen.

Gut 80 Leute gehören zum Stammpublikum. Jetzt an Pfingsten ist es vielleicht die Hälfte. Nach 90 Minuten Schritte üben zu Musik ab Playlist – step, step, slow – wofür sich übrigens auch Menic nicht zu schade war, setzt der Musiker sich auf die Bühne und legt los: «Shake My Bones» heisst das erste Lied und zeigt gleich, um was es hier gehen soll. Die Setlist ist eine Mischung aus eigenen Stücken und Coversongs. Alles ein bisschen entschleunigt, sodass man auch als Anfänger noch Schritt halten kann. Step, slow, step, slow.

Die Leute, Altersdurchschnitt 30, tanzen und schwitzen und tun so, als wäre das nicht ein bisschen ungewöhnlich, 2019, im Tinder-Zeitalter und mit Autotune-Pop in den Charts, dem Blues zu frönen und dazu noch Paartanz. Dabei ist das ja eigentlich die einzig wahre Art und Weise, ein Konzert zu hören. Tatsächlich ist während des Konzerts kein einziges Smartphone zu sehen, und vor der Bühne steht auch niemand und spricht laut über seine Pläne fürs Wochenende.

Die Leute tanzen, mit entrückten Blicken, klopfen ab, Lied für Lied, während Menic mit seinen Blues- und Countrystücken Geschichten über das Vergehen der Zeit erzählt und Bern für eine kurze Weile am Mississippi liegt.

Menic spielt am Dienstagabend, 11. Junim im Le Singe in Biel als Supportact zum Dirty Old Man des Blues, Scott H. Biram. Nächster Blues-Tanz-Event: Gin House Blues, Sa, 15. Juni, mit Amaury Faivre Duo, ab 20.30 Uhr, Matte-Brennerei, Bern.

Berner Zeitung

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