«Ich hatte nie das Gefühl, irgendwo dazuzugehören»

Nach fünf Jahren melden sich die US-Metaller von Slipknot mit ihrem neuen Album «We Are Not Your Kind» zurück. Es ist ein Statement für alle Andersartigen.

Vor dem Auftritt am Greenfield Festival in Interlaken gewährte Slipknot-Gitarrist Jim Root einige Einblicke in die Arbeit am neuen Album.
(Video: Martin Bürki)
Martin Bürki@tinubuerki27

Als Slipknot Mitte Mai ihr neues Album «We Are Not Your Kind» ankündigten, sagte Frontsänger Corey Taylor grossmundig, dass es seinen Vorgänger «.5: The Gray Chapter» in Sachen Härte glatt in den Schatten stelle und wieder auf einer Stufe mit «Iowa», dem zweiten Album von 2001, stehe. Nach der ersten Singleauskopplung «Unsainted», das mit seinen Chor-Elementen eher wie «Duality» vom verhältnismässig ruhigen dritten Album klingt, ruderte Taylor ein bisschen zurück: Neben «Iowa»-Momenten gebe es auch Songs, die an Tracks von «Vol. 3 (The Subliminal Verses)» erinnern.

Als ob die US-Maskenmänner die Kritik nicht auf sich sitzen lassen wollten, entschieden sie sich bei der zweiten Auskopplung für «Solway Firth». Harte Riffs, pumpende Perkussion, ein schreiender Corey Taylor und ein brutaler und blutiger Videoclip – das ist Slipknot in seiner kompromisslosen Urform.

Vorsicht: blutige, wenn auch nachgestellte Szenen. Der offizielle Videoclip zu «Solway Firth» vom neuen Slipknot-Album «We Are Not Your Kind». (Quelle: Youtube/Slipknot)

«Es ist gefährlich, anders zu sein»

«Für mich ist ‹We Are Not Your Kind› eine Art, auf den Tisch zu hauen», sagte Corey Taylor unlängst in einem Radiointerview. «Heutzutage ist es gefährlich, anders zu sein. Ich weiss, wie schmerzhaft es ist, wenn man anders behandelt wird. Für einmal nutze ich meine Position, um ein Machtwort zu sprechen. Es spielt keine Rolle, wer ihr seid, woher ihr kommt, wie ihr ausseht, welche Farbe eure Haut hat, wen ihr liebt, woran ihr glaubt – die Musik macht uns zu einer Familie.»

Das Album stehe für diese Familie, eine Ansammlung von Leuten, die gemeinsam der Gesellschaft den Rücken zudrehe und klar mache: «Wir lassen es nicht zu, dass eure Krankheit und euer Hass uns durchdringt. Wir sind nicht wie ihr. Ihr werdet nie zu uns gehören.» Daher der Albumtitel «We Are Not Your Kind».

«Das Album spricht auf gewisse Weise für all die Menschen wie mich, die sich nie einer Szene oder Gruppe zugehörig gefühlt haben», findet auch Gitarrist James «Jim» Root. «Man sagt ja: ‹Gleich und Gleich gesellt sich gern.› Und vielleicht sind wir alle dermassen ungewöhnlich, dass wir unsere Gemeinsamkeit genau in jener Ungleichheit finden.»

Therapeutische Wirkung

Nicht zum ersten Mal bezeichnet Corey Taylor die Arbeit im Studio als Katharsis, als seelische Reinigung. Auf der neusten Scheibe verarbeite er den jahrelangen Kampf gegen Depressionen und Alkoholsucht, vor allem aber den Sieg darüber.

«Es geht nicht mehr um Autos oder welche Angelrute du kaufen sollst. Plötzlich machst du dir Sorgen: ‹Habe ich Krebs?› Echte Scheisse eben.»James «Jim» Root, Slipknot-Gitarrist

Doch auch die anderen Bandmitglieder schöpfen eine ganz besondere Kraft aus der Arbeit im Studio, wie Jim Root erklärt: «Nichts im Leben hat wirklich Bestand, alles verändert sich stetig. Für mich ist es manchmal echt schwierig, diese Veränderungen hinzunehmen.» Je älter man werde, desto realer würden auch die Probleme: «Es geht nicht mehr um Autos oder welche Angelrute du kaufen sollst. Plötzlich machst du dir Sorgen: ‹Habe ich Krebs?› Echte Scheisse eben.» Musik zu machen, sei eine Art, «meinen Verstand zu beschäftigen, damit ich nicht irgendwann einfach durchdrehe.»

Durchdrehen im positiven Sinn, das lässt sich mit dem neuen Album gut: Moshpits – so wird eine kreisförmige Anordnung im Publikum genannt, in der wild durcheinander getanzt wird – an Livekonzerten sind vorprogrammiert. «Das Album hat definitiv harte, aber auch nachdenkliche Momente», verspricht Jim Root. «Es ist wie eine Achterbahnfahrt.» Wie das echte Leben eben auch.

Weitere Songs in der Pipeline

Obschon im Refrain immer wieder die Zeile «We Are Not Your Kind» auftaucht, hat es der Song «All Out Life» nicht aufs Album geschafft. Den passenden Videoclip hatten Slipknot bereits vergangenen Oktober veröffentlicht. Zu dieser Zeit sprach Corey Taylor von 20 Liedern, die im Studio entstünden. Auf der Scheibe sind 14 Stücke – nach Adam Riese haben Slipknot also mindestens noch fünf Songs in der Hinterhand, was die Hoffnung schürt, dass nicht wieder fünf Jahre vergehen müssen bis zum nächsten Album.

Das Musikvideo zu «All Out Life». (Quelle: Youtube/Slipknot)

«Die meisten Lieder werden ihren Platz finden», glaubt Jim Root. «Keine Ahnung, ob auf einem weiteren Album, in einem Soundtrack oder einem Videospiel. Aber ich sähe es gerne, wenn sie auf irgendeine Art herauskommen, irgendwann, aus irgend einem Grund.» Gemäss Äusserungen von Perkussionist Shawn «Clown» Crahan seien sogar 15 weitere Songs vorhanden, wohl aber noch nicht aufgenommen.

Vorerst aber steht am Freitag der Albumrelease an, bis Ende Jahr tourt die Band durch Nord- und Südamerika sowie Ozeanien. Hiesige Fans müssen sich bis nächstes Jahr gedulden, für dann ist eine Europatournee angekündigt. Doch noch sind weder konkrete Spielorte noch -daten bekannt.

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