«Ich höre auf, weil ich gerne Pionier bin»

Der Album­name ist Programm: Bo Katzman geht mit «Last Christmas» mit seinem Chor zum letzten Mal auf Tournee. Und dann?

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Nina Kobelt@Tamedia

Herr Katzman, sind Sie schon in Weihnachtsstimmung?
Bo Katzman: Bei diesem Wetter fällt mir das ein bisschen schwer. Aber auf der CD heisst ja ein Song auch «Christmas Is a Feeling in Your Heart», nicht: «Christmas Is a Matter of the Weather». (lacht) Wenn es um Musik geht, ist für mich die Jahreszeit belanglos.

Sie sind auf «Last Christmas»-Tournee. Warum hören Sie auf? Ich höre nicht auf, ich verabschiede mich nur vom Konzept mit dem Tourneechor. Mittlerweile gibt es so viele vorweihnachtliche Produktionen wie Weihnachtstattoos oder Weihnachtszirkusse: Der Markt ist einfach gesättigt. Und ich bin gerne Pionier. Ich mag es, Dinge zu tun, die noch niemand gemacht hat. Das war zu Beginn auch mit meinem Chor so. Aber alles hat seinen Anfang, seinen Aufstieg und sein Ende.

Es soll über 400 Gospelchöre geben in der Schweiz. Ja. Jetzt macht jede Kirche ihr eigenes Gospelkonzert vor Weihnachten. Das finde ich schön, verstehen Sie mich nicht falsch.

Ihren Chor haben Sie erst letztes Jahr neu zusammengestellt. Ja. Ich musste ihn erneuern, weil alles zu gross wurde. In diesem neuen kleineren Chor singen vor allem junge Leute zwischen 18 und 35 Jahren. Da sind Talente dabei, das glauben Sie nicht!

Warum singen diese dann bei Ihnen? Das habe ich mich anfangs auch gefragt, es sind etliche gute Solisten darunter. Aber eben solche ohne Band, ohne Management und ohne Konzerte. Ich biete ihnen eine Tournee.

Aber jetzt stossen Sie sie ab! Nein, nein! Es wäre eine Sünde, diesen Superchor aufzugeben. Wir machen nur keine Tourneen mehr. Aber vereinzelt Konzerte. Das ist auch für die Chormitglieder weniger stressig.

Also ist Bo Katzman als wiederkehrender Wert vor Weihnachten Geschichte? Nein. Ich habe bereits ein Konzept entworfen für die Weihnachtszeit nächstes Jahr. Doch es wird nicht mehr so pompös werden, intimer und persönlicher aber. Zusätzlich leite ich meine Eventagentur, und ich werde ­weiterhin Bücher schreiben. Ausserdem gibt es seit diesem Frühling meine Gesangsschule Voice Academy. Dort unterrichte ich.

Sie tanzen auf vielen Hochzeiten. Ja, wortwörtlich: Ein Zweig meiner Agentur ist spezialisiert auf Hochzeiten. Ich habe selber ja am 8.8.88 geheiratet. Zu heiraten war so eine tolle Erfahrung, dass ich gerne andere Liebende dabei musikalisch begleite. Wir nennen uns «die Hochzeitshelfer».

So ganz ohne Chor... werden Sie jetzt Rockstar? Gospelmusik ist eigentlich der Grossvater der Rockmusik, die Wurzel der Populärmusik. Ich musste mich nie verleugnen. Wir haben an unseren Konzerten ­immer viele Rockelemente einbezogen. Darauf kann ich mich jetzt noch mehr konzentrieren, im Herzen bin ich ein Rocker, mein Herz schlägt mit hartem Beat. Aber ich werde nicht Gotthard 2, wenn Sie das meinen. Oder AC/DC 4.

Ändern Sie jetzt auch Ihren Namen? Ich habe mir überlegt, mir einen Cowboyhut aufzusetzen und Countrymusik zu machen, die ich so liebe – und mich Cat Boman zu nennen .?.?. Aber das lasse ich sein. Mein Name ist wie eine zweite Haut.

Was hören Sie privat? Alles. Abends zum Entspannen klassische Musik und viele Sachen, bei denen ich etwas lernen kann. Volksmusik. Country, Jazz, Pop. Mein Gehör macht vor nichts halt.

Gibt es ein Lieblingslied unter den Weihnachtsliedern auf der neuen CD? Es sind keine Weihnachtslieder, sondern Christmas Songs! (lacht) Die amerikanische und die englische Art, mit Weihnachtsmusik umzugehen, sind andere als die unsere. «Christmas is a Feeling in Your Heart» liegt mir tatsächlich am Herzen. Das ist so eine wunderschöne Schnulze, da geht mir das Herz auf. Der B.-B.-King-Song gefällt mir auch, ebenso mein eigenes Lied «Winter Night», oder das von Peter Reber, «You Are My Lord».

Uns nimmt es eben wunder, wie Weihnachten im Hause Katzman aussieht. Die Verwandtschaft kommt zusammen. Zum Apéro läuft Katzman.

Echt? Also, live? Nein ab CD. (lacht) Nach dem Essen singen wir alle zusammen die klassischen Weihnachtslieder. «O du fröhliche» und so, das ist Familienpflicht.

Sie arbeiten eng mit Ihrer Tochter zusammen. Fühlt sich Ihre Frau nicht aussen vor? O nein. Meine Frau spielt eine wesentliche Rolle. Sie ist eine unentbehrliche Beraterin. Und eine kritische. Sie ist bei allem dabei. Ronja hilft ihr ausserdem beim Unterricht in ihrer Tanz- und Bewegungsschule. Wir sind ein Trio.

Eine Vater-Tochter-Beziehung ist aber auch nicht immer harmonisch? Mein Tochter und ich sind ja zusammen aufgewachsen. (grinst) Sie musste als Einzelkind nie um Konkurrenz kämpfen, das heisst, es hat ihr nie an Aufmerksamkeit und Zuneigung gemangelt. Wir waren strenge Eltern, aber es gab nie Intrigen. Jetzt arbeiten wir auf künstlerischer Ebene zusammen, ich muss sie nicht mehr erziehen. Das heisst: Wir sind ebenbürtige Künstler. Die Herzensbeziehung, die wir als Vater und Tochter haben, bringt auch Vorteile: Wir müssen nicht um den Brei herumreden, wir müssen keine Terminologie klären.

Was können Sie von ihr lernen? Bei Arrangements bin ich der Chef. Aber wenn es um Bühnenpräsentationen oder Moderationen geht, lehrt sie mich viel. Sie sagt Dinge wie: «Du Papa, da redest du zu viel! Beschränk dich aufs Wesentliche.»

Sie haben von einem dritten Buch gesprochen. Worüber schreiben Sie? Ich bleibe bei spirituellen Themen. Die meisten überlegen sich ja erst auf dem Sterbebett: Ups, jetzt sterbe ich, und was kommt nachher? Ich möchte die Leute dazu anregen, sich schon vorher Gedanken dazu zu machen. Da ich selber schon einschlägige Erfahrungen gemacht habe, kann ich kompetent darüber reden. ­Also tu ich das.

Auf Ihrer Website sollen über 5000 Fragen zu Ihrem Buch «Du bist unsterblich» eingegangen sein. Haben Sie alle beantwortet? Ja, hab ich. Aber es waren nicht alle spiritueller Natur. Man fragt mich auch, welche Schuhgrösse ich habe, oder wohin ich in die Ferien fahre. Aber schon auch: Was erwartet mich im nächsten Leben? Einige dieser Fragen versuche ich im nächsten Buch zu beantworten. Aber keinesfalls will ich jemanden überzeugen, missionieren ist mir suspekt. Ich bin kein Prediger. Ich bin ein Reisender, der erzählt, was er erlebt hat.

Wen soll das interessieren? Ich schreibe für ein interessiertes kleines Publikum. Nicht aus kommerziellen Gründen.

Und für sich selber. Natürlich. Es ist auch immer Verarbeitung. Das Thema ist nie abgeschlossen. Ich forsche weiter.

Bleibt bei Ihrem Pensum eigentlich so etwas wie Freizeit? Ich nutze meine Freizeit für meinen Beruf. Ich höre Musik. Oder ich halte mich in der Natur auf. In der Natur bin ich kreativer als zu Hause am Klavier. Ja, man sieht mich dort wild gestikulierend ins Handy sprechen und singen.

Einige Stichwörter, die mir spontan zu Bo Katzman einfallen. Was fällt Ihnen dazu ein? Frisur. (lacht sehr) Die kommt mir von Jahr zu Jahr mehr abhanden! Aber so wichtig ist mir die nicht! Ich gehe zweimal im Jahr zum Coiffeur. Fertig.

Weihnachten. Die am häufigsten fehlinterpretierte Angelegenheit. Aus der Geburt von Jesus ist ein kommerzieller Anlass geworden. Ich finde, wir sollten uns mehr auf die Botschaft konzentrieren, die Jesus in diese Welt gebracht hat: Liebe. Im Leben geht es nur darum, Liebe zu lernen. Dazu braucht es aber auch das Gegenteil, Hass, das Böse. Wir sollten in jeder Situation mit Liebe antworten, egal, was passiert. Es ist schwierig, ich kämpfe auch. Aber ich versuche.

Kirche. Die Kirchen sind eigentlich Brückenbauer zwischen dem Diesseits und dem Jenseits, dem Materiellen und dem Spirituellen. Ich finde, die Religionen sollten sich vereinen statt bekämpfen, da sie ja alle denselben Gott im Zen­trum haben.

Was denken Sie, wenn Sie an Bern denken? Die Berner Konzerte sind immer die ersten, die ausverkauft sind! Bern ist Rockcity, Bern ist Gospelcity, und alles andere als langsam. Die Berner haben ein Gemüt und ein Musikverständnis, das mir sehr gefällt. Ich komme heim, wenn ich nach Bern komme.

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