Im Kindergarten mit Katy Perry

Beim Konzert im Zürcher Hallenstadion zeigt US-Star Katy Perry vor allem eines – ihre Fähigkeit zur Reizüberflutung.

Katy Perry auf ihrer Welttournee «Witness: The Tour»

Katy Perry auf ihrer Welttournee «Witness: The Tour»

(Bild: Keystone Paul Bergen)

Hans Jürg Zinsli@zasbros

Nanu, sind wir etwa im Roger-Waters-Konzert von letztem Montag hängen geblieben? Aus dem Bühnenhintergrund glotzt uns eine monströse Videowand in Form eines Auges an, später wippen und nicken uns Tänzerinnen mit Fernsehern statt Köpfen entgegen, aus denen ebenfalls ein Auge starrt. Da ist er kurz, dieser Pink Floyd’sche «The Wall»-Moment, gruselig und übermächtig. Aber dann öffnet sich das Bühnenauge, und Katy Perry schwebt aus einem Sternengerüst hernieder, um eine zweistündige Show zu zelebrieren, die punkto Bombast locker mit Roger Waters mithalten kann.

Die «Witness»-Tour, welche die Musikerin von September 2017 bis August 2018 bestreitet, kann man als Zusammenfassung einer zehnjährigen Karriere verstehen, die vier Erfolgsalben und zahlreiche Hits umfasst. Es gibt kurze Foto-Flashbacks zu sehen und ein knapp zwanzig Songs umfassendes Best-of zu hören. Katy Perry, das ist neben Rihanna, Beyoncé und Taylor Swift eine der erfolgreichsten Sängerinnen der Gegenwart, wobei ihre Musik den grössten Bubblegum-Appeal besitzt. Ihre Show ist ein einziger pumpender Jahrmarkt, Geisterbahn-Schauder inklusive.

In Zürich führt Perry ein halbes Dutzend knalliger Kostüme vor, spielt ein bisschen Gitarre und schlägt das Rad, während sieben Musiker und acht Tänzerinnen um sie herumwirbeln. Ausserdem gondelt sie auf einem Planeten durch die Halle, wird von überdimensionalen Salz- und Pfefferstreuern gewürzt und bei «I Kissed a Girl» – ihrem ersten Hit von 2008 – von einem ebenso riesigen Kussmund verschlungen. Dazwischen übt die Entertainerin ein paar Brocken Schweizerdeutsch («Hoi zäme! – Heb Pfrässi!») und wirft mit einem Vater-Sohn-Fanduo überdimensionale Basketbälle in einen Korb. Irgendwann kommt dann auch der legendäre Left Shark auf die Bühne, jener aus dem Takt geratene Tanz-Haifisch von Perrys Super-Bowl-Auftritt 2015, der jetzt mit den Füssen Piano spielen kann.

Apropos Musik: Die dringt über weite Strecken übersteuert und matschig aus den Boxen, Hauptsache, es steppen die Riesenflamingos oder es wird Poledance an übergrossen Blumen vollführt. Erst bei ruhigeren Nummern wie «Into Me You See» spürt man so etwas wie Anmut und Kraft. Nur: Eigentlich wollte Katy Perry ja seit der letzten US-Präsidentschaftswahl, bei der sie Hillary Clinton supportete, viel weniger Budenzauber fabrizieren und stattdessen «purposeful pop» machen – also entschlossener, aktueller und kantiger klingen. Davon ist in Zürich wenig zu spüren, es sei denn, man entdecke Abgründiges darin, wenn die Sängerin «bubbles» auf «troubles» reimt, während sie durch ihr überzuckertes Fantasieuniversum swisht. Da war Roger Waters ungleich düsterer und politischer, bei ihm wird die Welt zum Albtraum, bei Katy Perry wird sie zum Kindergarten.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt