Dieser Schweizer Dirigent macht die Opernszene hellhörig

Jung, ambitioniert – und seit kurzem im Besitz des International Opera Award. Lorenzo Viotti feiert Erfolge in ganz Europa.

«Wenn einer nicht gut ist, muss ich ihm das sagen, selbst wenn er ein Star ist»: Lorenzo Viotti in Zürich. Foto: Doris Fanconi

«Wenn einer nicht gut ist, muss ich ihm das sagen, selbst wenn er ein Star ist»: Lorenzo Viotti in Zürich. Foto: Doris Fanconi

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Aus der Ruhe, aus der Tiefe kommt diese Musik: Das macht Lorenzo Viotti schon im atemberaubenden ersten Akkord von Jules Massenets «Werther» klar, und in der Fortsetzung erst recht. Mächtige Bässe leuchten die Abgründe aus, die sich vor und in den Figuren öffnen; und wenn Werther stirbt, zwanzig Minuten lang, scheint die Zeit stehen zu bleiben.

Tags zuvor hatte Viotti ganz nüchtern erklärt, was einen in dieser Wiederaufnahme von Tatjana Gürbacas Inszenierung zu Tränen rührt. Es gebe nun einmal sehr viele langsame Tempi in dem Stück, sagte er: «Da muss man aufpassen, dass man die Linie nicht verliert.»

Dem Vater zuschauen

Lorenzo Viotti hat seine Linie früh gefunden. Geboren wurde er 1990 in Lausanne, als eines von vier Kindern des ­bekannten Dirigenten Marcello Viotti. Er habe seinen Vater oft zu den Proben ­begleitet, sagt er, «ich war dann immer ganz wach». Der Beruf des Dirigenten habe ihn schon damals fasziniert. Aber klar, als Kind oder Jugendlicher macht man erst anderes; Lorenzo Viotti hat Schlagzeug gelernt.

Dann starb sein Vater, erst 50 Jahre alt, 2005 in München; während der Proben für Massenets «Manon» hatte er einen Schlaganfall erlitten. Lorenzo ­Viotti war damals 14 – und blickt mit ­gemischten Gefühlen zurück. Natürlich sei der Tod des Vaters eine Tragödie gewesen, «aber ich wäre nicht hier, wo ich heute bin, wenn er noch leben würde.» Zwei Dirigenten in derselben Familie, «das wäre kompliziert gewesen». Die Freiheit, die er ohne Vater gehabt habe, «leider»: Die sei sein Vorteil geworden.

«Der singende Dirigent»: Beitrag des Bayerischen Rundfunks zu Lorenzo Viotti. Video: Youtube

Das könnte kühl klingen, tut es aber nicht. Denn man hört vor allem, wie sehr Lorenzo Viotti brennt für seinen Beruf, dem er sich in der Folge Schritt für Schritt angenähert hat. Zunächst studierte er in Lyon Schlagzeug und Gesang, in Wien kam Dirigieren dazu. Wien, das war seine Stadt: «Als Musikstudent konnte man dort jede Probe besuchen, im Musikverein, in der Staatsoper, im Konzerthaus.» Er sei ein schlechter Student gewesen deshalb, nicht einmal seinen Master hat er abgeschlossen: «Man kann nicht dirigieren, nur weil man ein Diplom hat. Man muss das in der Praxis lernen.»

Lorenzo Viotti schaute denn auch nicht lange nur zu. Bald kam er als Schlagzeug-Akademist zu den Wiener Philharmonikern. Ausserdem sang er im Singverein; man sieht ihn etwa im Chor auf Christian Thielemanns DVD mit Beethovens Neunter: «Da stehe ich gleich neben dem Solotenor Piotr Beczala, der nun in Zürich den Werther singt.»

Als Schlagzeuger im Orchester und als Chorsänger hat der junge Musiker vor allem Dirigenten beobachtet.

Ein seltsamer Zufall für einen Musiker, der nichts dem Zufall überlässt. Dass er das Orchester und die Bühne aus eigener Erfahrung kennen lernen wollte – «das war mein Plan». Viotti hat da nicht nur gespielt und gesungen, sondern vor allem Dirigenten beobachtet. Registriert, was funktioniert, was nicht. «Viele sprechen zum Beispiel zu leise mit den Posaunen; die sitzen hinten, da muss man lauter reden als mit den Geigern.»

Keine Angst vor grossen Namen

Nicht nur musikalisch, auch psychologisch hat Viotti viel gelernt damals. Und er liefert eine verblüffende Antwort auf die Frage, wer ihn am meisten beeindruckt habe: Natürlich sei Harnoncourt grossartig gewesen, auch Georges Prêtre, «sehr speziell». Aber sein Vorbild sei sein ehemaliger Chorleiter, Johannes Prinz: «Der hat einmal eine dreistündige Probe geleitet ohne ein einziges negatives Wort. Da gab es kein ‹nein›, kein ‹nicht›, kein ‹aber›. Aber am Ende klang es so viel besser – das war unglaublich.»

2013 stand Lorenzo Viotti erstmals selbst vor einem professionellen Orchester, dem Tokyo Symphony. Einen Tag vor der Abreise hatte er sich den Fuss gebrochen, beim Fussballspielen. Aber es hat dennoch geklappt, so gut, dass weitere Einladungen folgten. Viotti nahm manche an und sagte viele ab: «Man muss wissen, wofür man bereit ist.» Seit seinem Start hat er fast jede Woche ein anderes Programm dirigiert, «oft in kleinen Städten in Spanien oder Holland», abseits der Scheinwerfer. Zwischendrin hat er gezielt auch mal einen illustren Termin angenommen, in Leipzig, Dresden, Paris; auch beim Münchner Rundfunkorchester, dessen Chef sein Vater war.

Und die Taktik geht auf: 2017 wurde Lorenzo Viotti mit dem International Opera Award als Newcomer ausgezeichnet. Spätestens seither gilt er als dritter internationaler Schweizer Dirigent neben dem 81-jährigen Charles Dutoit und dem 43-jährigen Philippe Jordan. Und auch wenn er immer noch viele Angebote ablehnt: «Wenn ich zusage, habe ich keine Angst.» Grosse Namen und Häuser beeindrucken ihn nicht, das betont er in seinem französisch gefärbten Deutsch und wiederholt es dann noch auf Englisch: «I’m not impressed.» Es müssten ja alle nur ihre Arbeit machen. «Und wenn einer nicht gut ist, muss ich ihm das sagen, selbst wenn er ein Star ist.»

«Crescendo der Bühnen»

Viotti sagt es leise, sachlich, knapp. Selbstbewusst, ohne arrogant zu wirken. Sicher in der Sache und im Ton. Sogar als er die Journalistin nach einem Taschentuch fragt – «der Heuschnupfen»! –, verliert er keine Sekunde die professionelle Konzentration. Dass er keine Mühe hat, vor ein Orchester zu treten, dessen Mitglieder zum grössten Teil älter sind als er, glaubt man ihm sofort. Man hört es auch, im Zürcher «Werther»; die Philharmonia spielt inspiriert und intensiv unter seiner Leitung. Es klingt keineswegs nach einer ersten gemeinsamen Aufführung.

Tatsächlich haben die Proben zumindest für Viotti lange vor seiner Reise nach Zürich angefangen. Denn als die Anfrage vom Opernhaus kam, hatte er den ­«Werther» noch nie dirigiert. Ohne Erfahrungen hätte er sich die Aufführung nicht zugetraut, also hat er sich diese Erfahrungen organisiert. Im letzten Herbst hat er eine Neuproduktion des Stücks in Klagenfurt dirigiert, danach eine Wiederaufnahme in Frankfurt, Zürich ist die Nummer drei, «ein Crescendo der Bühnen».

«Ich hätte abgesagt. Nach einer Legende wie Zinman – da muss man wissen, worauf man sich einlässt.»Lorenzo Viotti

Er macht es oft so: «Bis ich die ‹Carmen› in Paris mache, habe ich sie schon 20-mal anderswo dirigiert». So direkt er nach oben zielt, so vorsichtig plant er seinen Weg dorthin. Spricht man ihn an auf Lionel Bringuier, der mit 28 Jahren das Tonhalle-Orchester übernommen hat, sagt er nur: «Ich hätte abgesagt. Nach einer Legende wie Zinman – da muss man wissen, worauf man sich einlässt.»

Er selbst hat nun beim Gulbenkian-­Orchester in Lissabon zugesagt, im Herbst startet er als Chefdirigent. Zehn Jahre lang hatte das Orchester keinen, «es gibt viel zu tun». Dann kommt er doch noch ins Schwärmen: Kürzlich habe er in Lissabon Brahms geprobt, öffentlich, von 19 bis 23 Uhr, «und der Saal blieb voll bis zuletzt». Portugiesisch könne er übrigens nicht, schiebt er dann nach. «Aber ich habe ja noch sechs Monate Zeit.» Kein Zweifel, er wird sie nutzen.

«Werther» am Opernhaus, bis 29. Mai. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.05.2018, 18:24 Uhr

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