In der Tonart vergriffen

Der Schnulzensänger Pat Boone ist heute ein religiöser Eiferer.

War nicht immer ein «Holy Joe»: Pat Boone wurde von seiner Frau zum Glauben bekehrt.

War nicht immer ein «Holy Joe»: Pat Boone wurde von seiner Frau zum Glauben bekehrt.

(Bild: Keystone)

Walter Niederberger@WaltNiederberg

Mit seinem Auftritt im US-Kongress hat Benjamin Netanyahu weder seine Wahlchancen verbessert, noch den Frie­dens­prozess im Mittleren Osten beschleunigt. Doch für das christlich-fundamentalistische Lager in den USA war die Rede nichts weniger als das «Ereignis, das die Weltgeschichte verändern wird». So sieht es Pat Boone, der zum religiösen Eiferer mutierte Schlagersänger. Der 81-Jährige gehört zu einem Kreis populärer Prediger, die das Schicksal Israels in alttestamentlich-apokalyptischen Proportionen sehen.

«In ihren Worten hat die Bibel all dies vorausgesehen und vorausgesagt. Und Netanyahu weiss dies. Er hat Gott nicht aus seinen Überlegungen getilgt. Vielmehr hat er sich auf Purim, Königin Esther und die Rettung der Juden vor der Zerstörung eines anderen persischen Führers, Ahasureus, berufen.» So schmückte Boone seinen Bericht vom Auftritt des Premiers aus. Boone war als Ehrengast im Kongress geladen. Nach der Rede war er euphorisch und auch etwas enttäuscht. Er habe gehofft, sagte er, dass Netanyahu ihn lobend erwähnen werde. Schliesslich kenne er den Gast persönlich; und habe viel für die Sache Israels getan. Die Rolle eines Pat Boone und ähnlicher Israel-Huldiger wie Pat Buchanan oder Mike Huckabee ist ein Schlüssel zum Verständnis der Einladung an Netanyahu. Evangelikale Christen bilden einen Eckstein der republikanischen Parteibasis. Sie sind viel geeinter in ihrer Pro-Israel-Politik als jede andere religiöse Gruppe, selbst als die Juden. Zwar ist der christliche Zionismus als ein Urphänomen der US-Politik nicht neu, doch hat er in Durchschlagskraft nach dem Irakkrieg zugenommen. Ihre grosse Motivation beziehen die neuen Propheten heute aus Präsident Obama, dessen kritische Haltung gegenüber Netanyahu sie als Verrat sehen. «Unser Präsident, der als Muslim erzogen wurde und es deshalb am besten wissen müsste, versucht die ideologischen Führer des Iran mit süssen Worten zu beeindrucken, obwohl deren tiefen religiösen Überzeugungen nur eines wollen: den Weltuntergang», so Boone.

Begehrter Experte

Diese Weltsicht sitzt tief bei den Evangelikalen; und macht Prediger wie Boone zu begehrten Experten in Schulen, am Fernsehen und bei Tea-Party-Veranstaltungen. Doch Boone war nicht immer ein «Holy Joe» oder «Goody Goody», wie er heute einräumt. «Was mich bewegt, ist eine tiefe, persönliche Beziehung mit Gott.» Boone ist ähnlich wie George W. Bush ein bekehrter Alkoholiker; auch er wurde von seiner Frau zur Ein- und Umkehr gezwungen. Sein Image als Saubermann legte er sich indessen schon früh zu und pflegt es schamlos. Boone hat reihenweise die Hits von schwarzen Sängern abgekupfert, wusch sie strahlend weiss und machte mehr Geld damit als die Originale.

Nur Elvis hatte mehr Hits; aber Boone hält bis heute den Rekord von 220 Wochen ununterbrochener Hitparadenpräsenz. Elvis sei nur ein «Hillbilly» gewesen, sagt Boone; und mit Marilyn Monroe machte er keinen Film, weil das Drehbuch «zu schlüpfrig» war. Für den ersten Kuss vor der Kamera holte er die Bewilligung seiner Frau ein. Was ihn aber nicht hindert, sich zum Narren zu machen. 2010 behauptete er, die Geburtsurkunde von Obama sei gefälscht, und das werde innerhalb eines halben Jahres allen klar werden. Auf den Beweis wartet die Welt noch.

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