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Jazz rettet die Welt

Jazz ist wieder, was er einmal war: ein Feld der Innovation und Experimente. Mit Ambrose Akinmusire war ein Vertreter dieses wiedererwachten Genres in Bern zu Gast.

Jazz ist seiner frischesten Form: Das Ambrose Akinmusire Quartet im Progr. Foto: Iris Andermatt
Jazz ist seiner frischesten Form: Das Ambrose Akinmusire Quartet im Progr. Foto: Iris Andermatt

Sonntagabend. Der «Tatort» spielt in Dortmund, draussen sind es minus 7 Grad, die Strassen spiegelglatt und im Progr stehen junge Leute Schlange – für ein Jazzkonzert.

«Jazz ist nicht tot, er riecht nur komisch», hat Frank Zappa einst gesagt und hatte natürlich recht damit. Jazz war in die Nische abgerutscht und kochte nur noch in abgeschlossenen Räumen vor sich hin. Das sah man auch dem Publikum an. Das war graumeliert, trug Einstecktücher und roch nach Eau de Cologne. Jazz galt als verstaubt, als zu abgehoben und zu verkopft.

Am Puls der Zeit

Tempi passati – offenbar. Ein Blick auf die Konzertbestuhlung im Progr zeigt: Jazz findet wieder bei den Jungen statt und rettet, wenn nicht die Welt, so doch die Musikbranche. Während Pop ökonomischen Zwängen unterworfen sich im Kreis zu drehen scheint und Rock nur nostalgische Gefühle bedient, wird Jazz wieder zu dem, was es zu seinen besten Zeiten war: ein Feld für experimentelle Freiheit, für Verschmelzungen, zum Schwamm für gesellschaftliche Zustände.

Ambrose Akinmusire ist einer jener Vertreter dieses wiedererwachten Jazz. Er ist 36 Jahre jung, er ist einer der wichtigsten Trompeter des Genres, und er ist bei Blue Note Records. Jenem legendären Label, das den Jazz immer wieder neu erfand. Die Bühne im Progr ist in violettes Licht getaucht. Ambrose Akinmusire steht in der Mitte. Links Sam Harris am Flügel, rechts Justin Brown am Schlagzeug, Harish Raghavan hinten am Kontrabass.

Was die 80 Zuschauer nun zu hören bekommen, ist Jazz in seiner aktuellsten Form. Es ist der Sound urbanen, modernen Lebens. Kein einziges Stück erinnert an etwas bereits Gehörtes. Nichts kommt aus einem angestaubten Liederbuch. Akinmusires Trompete schreit und kreischt. Dann sind die Töne wieder nur angehaucht, haben etwas Verletztes an sich.

Pianist Sam Harris gleitet in bester Bill-Evans-Manier über den Grundschlag hinweg. Gemeinsam driften sie in unbestimmte Klangwelten ab, wo oft nur Lärm und Geräusche zu hören sind, und finden doch immer wieder zurück in eine rettende Ordnung. Konzerte hinterlassen immer dann einen bleibenden Eindruck, wenn man das Gefühl hatte, den Puls der Zeit zu spüren. Jenes im Progr war so eines.

Wahllos politisch

Das solche experimentelle Musik heute überhaupt gehört wird, hat viel mit Blue Note Records zu tun. «Mach, was du willst. Um den Verkauf kümmern wir uns.» Auch er sei so ins Label aufgenommen worden, erklärt Ambrose Akinsmusire am Montagabend im Kino Rex. Anlässlich seines Besuchs in Bern zeigte das Kino nochmals Sophie Hubers Dokumentarfilm «Beyond the Notes» und lud den Trompeter zum Gespräch. Der Film erzählt, wie das Label entstanden ist, was es so revolutionär und politisch relevant gemacht hat.

Nach dem Politischen in seiner Musik gefragt, reagierte der 36-Jährige mit Überdruss. Seine Kunst habe gar keine Wahl. «Gespielt von einem schwarzen Mann in Amerika, ist sie automatisch politisch.» Das zeigt auch der Titel seines jüngsten Albums «Origami Harvest». Origami stehe symbolisch dafür, wie sich Minderheiten «zurechtfalten» müssten, um in der Gesellschaft akzeptiert zu werden.

«Beyond the Notes» thematisiert auch den Hip-Hop und wie er aus dem Jazz heraus entstanden ist. Für ihn seien Jazz und Rap dasselbe, sagt Aknimusire. Beide saugten die Stimmen aus den Städten auf und verwandeln sie in etwas Neues. Heute verbinden sich die Genres und befruchten sich.

Das ist bei ihm nicht anders. Auf «Origami Harvest» gehören ein Rapper und ein Streichquartett zum Ensemble. Er halte wenig von Etiketten, sagt er noch. Wenn er spiele, bewege er sich ausserhalb jeglicher Definitionen. Er spiele, als wäre er gar nicht da. Nein, Jazz ist nicht tot. Punkt.

In der Rubrik «Soundcheck»berichten wir in losen Folgen über Beobachtungen und Phänomene aus der hiesigen Musikszene.

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