«Je flacher eine Gegend, desto weniger Volksmusizierende»

Urs Liechti ist Berner Volksmusik-Vizepräsident und organisiert die Jungmusikanten-Stubete. Der Seedorfer erklärt, was in der Szene wo Sache ist – und warum diese im Oberland floriert.

«Die Volksmusikszene mag eher etwas trocken sein, aber man muss weder Angst haben ums Portemonnaie noch davor, dass man einen auf den Deckel kriegt», lächelt Urs Liechti, Co-Organisator Jungmusikanten-Stubete.

«Die Volksmusikszene mag eher etwas trocken sein, aber man muss weder Angst haben ums Portemonnaie noch davor, dass man einen auf den Deckel kriegt», lächelt Urs Liechti, Co-Organisator Jungmusikanten-Stubete.

(Bild: Rösi Reichen)

Jürg Spielmann

Sie sind der zweithöchste Berner Volksmusikant. Wie fanden Sie den Zugang zur Folklore?
Urs Liechti: Schon meine Eltern waren der Volksmusik zugetan. Mein Schwyzerörgeli besitze ich seit der zweiten Klasse. Zu spielen begonnen habe ich aber erst in der siebten, nachdem meine Eltern etwas Druck aufsetzten. Sie sagten, ich solle spielen, ansonsten werde das Örgeli verkauft. Da hat es eingeschlagen...

Was macht den Musikstil aus?
Mir gefällt, wie sich die Leute mit dieser Musik identifizieren. Es ist eine gemütliche, friedliche und anständige Gesellschaft, die zum Musigen zusammenkommt. Die Volksmusikszene mag eher etwas trocken sein, aber man muss weder Angst haben ums Portemonnaie noch davor, dass man einen auf den Deckel kriegt. Mir persönlich ist zudem die kommerziell ausgereizte Musik zusehends zuwider. Die Volksmusik, bei der das Geld nicht zentral ist, ist ehrlicher als eine nur vordergründig heile Schlagerwelt.

Und was, glauben Sie, bringt junge Leute zur Volksmusik?
Das Wohlgefühl, ohne sich gross auftakeln zu müssen; sein zu können, wie man ist. Wenn das jemandem vom Typ her entspricht, ist er oder sie in der Volksmusik gut aufgehoben, da wird weniger nach dem Optischen bewertet als in Clubs. Du musst auch nicht den ganzen Abend Wodka trinken, um dazuzugehören. Wer das Beschaulichere gewohnt ist, hat sicher eher Zugang zur Volksmusik. Der Hintergrund – Familie, Kollegenkreis – ist auch zentral.

Wie fällt Ihre Bilanz zur ersten Stubete in Spiezwiler mit einem Dutzend Musizierenden aus?
Wenn wir jedes Mal ein so volles Haus haben, können wir nicht jammern. Es war ein Superstart. Wenn das der Schnitt bleibt, sind wir absolut happy.

Was genau sind Sinn und Zweck dieser jugendlichen Stubeten, die Sie seit vier Jahren mit Christian Scheuner im Emmental und neu im Oberland durchführen?
Zentral ist, dass sich die Jungen treffen, eine Plattform zum gemeinsamen Musizieren erhalten und Kontakte knüpfen können. Lokale, in denen Junge musizieren können, werden immer rarer. Es geht um die Förderung: Wir wollen junge Musikanten für die Szene gewinnen. In der Innerschweiz gibt es deutlich mehr junge Formationen – und auch ein jüngeres Publikum. Das fehlte mir in Spiezwiler noch etwas. Die Idee war, dass wir in die Nähe der vielen Oberländer Jungmusikanten kommen; sie kamen nur vereinzelt ins Emmental.

Wie viele Jungmusikanten gibt es im Oberland und im Kanton?
Es gibt keine Zahlen. Wir haben schon Umfragen an Musikschulen gemacht, gefragt, wie viele Schüler sie pro Jahr ausbilden. Es gibt rund 50 Musikschulen im Kanton, die Rückmeldungen lagen bei rund 20 Prozent. Es sind unter Umständen Hunderte, die Unterricht nehmen, wir wissen es aber nicht. Ich kenne einen Musiklehrer im Emmental, der hat alleine 60 bis 70 Schüler.

Ist die Tendenz eher zu- oder eher abnehmend?
Das ist schwierig... ich denke, es ist im Moment eher angesagt, kein Run jedoch. Was ich weiss: Nach Region ist es sehr unterschiedlich. Im Oberland und im Emmental sieht es gut bis sehr gut aus, im Oberaargau weniger, und mager ist es im Seeland. Je flacher eine Gegend ist, desto weniger Volksmusizierende gibt es dort. In bergigen Gegenden ist den Jungen die Volksmusik besser zu verkaufen.

Ist das Image dieses Musikstils nicht etwas angestaubt?
Die Medien sind mitverantwortlich, dass man die Volksmusik gemeinhin nicht als chic bezeichnet. Sie wird oft als hinterwäldlerisch, einfach gestrickt und damit negativ dargestellt. Da gibts automatisch einen solchen Kurs. Casting- oder Talentshows verkaufen sich halt besser als eine Volksmusiksendung. Das spürt man beim Schweizer Fernsehen. Vom «Eidgenössischen» heuer in Aarau wird es keine Spezialsendung geben. Die Marketingstrategien der Medien laufen mir quer – Swissness ja, aber bei der Volksmusik wird dann nicht mit gleichen Ellen gemessen.

Kann und wird sich die Volksmusik weiterentwickeln?
Man sollte Kaffeesatz lesen können Wir müssen dranbleiben, den Nachwuchs fördern, sonst sind wir irgendwann ein Klub alter Männer und Frauen. Obwohl wir die Tradition pflegen, müssen wir offen sein für neue Einflüsse. Wir müssen aufklären, informieren, vorwärtsgehen – gegen das angestaubte Image. Wir wollen die Glut weitergeben und nicht die Asche bewahren.

Berner Oberländer

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